Laien
Eine Soziologie des Nichtwissens

Suhrkamp Verlag, Berlin 2025
ISBN
9783518300800
Kartoniert, 336 Seiten, 24,00
EUR
Klappentext
Die moderne Gesellschaft lädt Laien in vielen Bereichen zum Mitmachen ein. Als Wähler, Konsumentin, Mediennutzer, Patientin oder Studierender darf und soll man Expertinnen und Experten mit Wünschen, Sorgen oder Beschwerden konfrontieren. Aber um mit diesen auf Augenhöhe zu kommunizieren, scheinen sich Laien auch engagieren und informieren, ja selbst ein stückweit zu Experten werden zu müssen. Fran Osrečki stellt solche Annahmen in seinem Buch auf den Kopf: Laien sind in der modernen Gesellschaft dann stark, wenn sie uninformiert, sprunghaft, inkonsistent und unberechenbar agieren. Das Nichtwissen ist ihre wichtigste Ressource. Laien bilden ein unbekanntes Publikum und spielen gerade als solches eine wichtige Rolle in unserer funktional differenzierten Gegenwartsgesellschaft.
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Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk Kultur, 20.12.2025
Interessiert liest Rezensent Christian Schüle Fran Osrečki Buch über Laien, wobei ihn die Grundthese dieser Studie letztlich nicht überzeugt. Der Soziologe Osrečki argumentiert laut Schüle, dass in der Moderne Laien immer wichtiger werden und zwar, weil sich an diesem Sozialtypus die Inklusionsfähigkeit einer Gesellschaft beweise - tatsächlich argumentiert kaum noch ein ernst zu nehmender Soziologe, dass bestimmte Gruppen etwa von Bildung oder staatsbürgerlichen Rechten ausgeschlossen werden sollen. Die historische Darstellung des Aufstiegs der Laien, wie sie sich Osrečki zufolge etwa in immer mehr Mitspracherechten in der Bildung oder im Medizinsystem niederschlägt, leuchtet Schüle ein. Nicht einverstanden ist Schüle hingegen mit Osrečkis klar positiver Bewertung dieser Entwicklung. Dass Laien, deren historische Genese der Autor von den Idiotes der Antike bis zu Twitter-Usern nachvollzieht, die Gesellschaft wirklich immer voran bringen, glaubt Schüle nicht. Der Rezensent hält es eher mit Niklas Luhmann und verweist auf die Funktionslogik einzelner Gesellschaftsbereiche wie etwa der Politik, die keineswegs automatisch laienkompatibel sind - tatsächlich resultiert die Inklusion von Laien oft in Frusterfahrungen, die sich zum Beispiel in der Unterstützung extremistischer Parteien artikulieren kann. In einer funktional differenzierten Gesellschaft, glaubt Schüle, Osrečki widersprechend, bleibt der Aufstieg des Laientums eine zwiespältige Angelegenheit.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.10.2025
Insgesamt kann Rezensent Oliver Weber zwar durchaus einiges anfangen mit Fran Osrečkis Lob des Laientums in der modernen Gesellschaft, an einer Stelle hat er jedoch einen gewichtigen Einwand. Was ist das Argument des Soziologen? Osrečki wendet sich gegen eine Tendenz in der Gesellschaftswissenschaft, die Aufklärung der ahnungslosen Masse über gesellschaftliche Prozesse zu idealisieren. Vielmehr beruhen, so lautet laut Weber die von der Systemtheorie beeinflusste These, unsere Gesellschaft gerade auf der Trennung von Spezialisten auf der einen und Fachleuten auf der anderen Seite, einer Trennung, die erst die Entstehung verschiedener Funktionssysteme wie Wirtschaft, Recht oder auch Sport ermöglicht. Tatsächlich haben Laien oft gar nicht viel davon, wenn sie an die Wissensbestände der Funktionssysteme herangeführt werden, da sie dann deren Vorannahmen übernehmen und zu keinen intuitiven Urteilen mehr fähig sind, liest der Kritiker. So weit so originell und durchaus einleuchtend, urteilt Weber, der mit Blick auf ein spezielles Funktionssystem freilich doch Einspruch erhebt. Die Politik nämlich, ist sich der Rezensent sicher, profitiert keineswegs davon, wenn sie, wie Osrečki es beschreibt, nicht mehr in korporatistischer Tradition mit festen Wählerreservoiren rechnen kann und sich stattdessen einem opaken, wechselhaften Laienpublikum gegenüber findet. Eine Politisierung der Politik wird das kaum hervorbringen, glaubt Weber - eher Chaos und Willkür. Die theoretischen Grundüberlegungen dieser "Soziologie des Nichtwissens" kommen in der Besprechung gleichwohl gut weg.