Jan Sehn und die Ahndung der Verbrechen von Auschwitz.Für die juristische Aufarbeitung der NS-Verbrechen hat Jan Sehn in Polen ähnlich hohe Bedeutung wie Fritz Bauer in der Bundesrepublik Deutschland. Er war kein KZ-Häftling, kein Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung, sondern hatte während des Krieges eine bescheidene Stellung in einem Gastwirteverband inne. Und doch war der deutschstämmige Sehn nach 1945 eine treibende Kraft für die juristische Ahndung der deutschen Verbrechen in Polen. Als Vorsitzender der Bezirkskommission zur Untersuchung deutscher Verbrechen in Krakau verhörte er zahlreiche an Polen ausgelieferte Nationalsozialisten, darunter Amon Göth, Rudolf Höß und Maria Mandl. Auf unkonventionelle Weise trug er belastendes Material zusammen, suchte Zeugen, die die Konzentrationslager überlebt hatten und verhandelte mit kommunistischen Behörden der Volksrepublik Polen, US-amerikanischen Militärs und Staatsanwälten aus der Bundesrepublik Deutschland. Beim Frankfurter Auschwitz-Prozess spielte Sehn eine wichtige Rolle, da auf seine Vermittlung hin die Ortsbesichtigung in Auschwitz stattfinden und eine Gerichtsdelegation an den Tatort der Verbrechen reisen konnte - erstaunlich im politischen Klima des Kalten Krieges.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 27.01.2023
Rezensent Matthias Arning sieht in der Biografie über den Krakauer Naziankläger Jan Sehn, die der Politikwissenschaftler Filip Ganczak vorlegt, die Chance für deutsche Leser, Sehn, diesen polnischen Fritz Bauer, wie Arning schreibt, kennenzulernen und damit auch selbstkritische Fragen zur verschleppten Beschäftigung mit Auschwitz zu stellen. Lesenswert findet Arning das Buch auch, da es auf dichte, spannende Weise auch vom Kalten Krieg erzählt. Zu lesen, wie früh Sehn begann, Beweise für deutsche Gewalttaten zu sammeln und was er dabei erlebte, macht auf den Rezensenten tiefen Eindruck.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 23.01.2023
Als den Fritz Bauer Polens, empfiehlt Rezensent Stephan Lehnstaedt (online) das Buch des Journalisten Filip Gańczak über Jan Sehn. Als Historiker zeigt sich Lehnstaedt beeindruckt, wie Gańczak in "seiner minutiös rekonstruierten und gut lesbaren Reportage" den Lebensweg Sehns beschreibt, der nach 1945 erst als Untersuchungsrichter und später als Staatsanwalt dafür sorgte, dass in Polen weitaus mehr Nazi-Täter verurteilt wurden als in Deutschland. Berührt hat der Rezensent gelesen, wie der Jurist Sehn gleich nach dem Ende des Krieges auf dem Gelände der Konzentrationslager Belastungsmaterial suchte, aber nicht alle Hürden überwinden konnte, die die Alliierten bei der Aufklärung von Kriegsverbrechen aufgestellt hatten. Trotzdem schaffte Sehn es, auch die KZ-Kommandanten Amon Göth und Rudolf Höß vor Gericht zu stellen. Dass Sehn in Frankfurt starb, wo er an der Eröffnung des zweiten Auschwitzprozesses teilnehmen wollte, hat für den Rezensenten eine große Tragik.
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