Herausgegeben und neu übersetzt von Daniel Göske. Der junge Seemann aus England geht auf seine erste Fahrt als Kapitän. Doch unter der Mannschaft wütet das Tropenfieber, und draußen auf dem Meer gerät das Schiff in eine Flaute, treibt Tag um Tag nur noch im Kreis. Als in den Chininfläschchen sich kein Medikament, sondern nur gefälschtes weißes Pulver findet, kommt es zur Bewährungsprobe. Will der Kapitän mit seinen Leuten überleben, muss der jugendliche Träumer sich unter dem teilnahmslosen Himmel zum verantwortlich Handelnden wandeln, die "Schattenlinie" zwischen Jugend und Erwachsensein überschreiten.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 10.06.2017
Rezensent Lothar Müller freut sich über die Neuübersetzungen von Joseph Conrads autobiografisch grundiertem Roman "Die Schattenlinie" und der Erzählung "Der geheime Teilhaber", die in diesem Band gemeinsam erscheinen. In beiden Werken erkennt der Kritiker Conrads Vermögen, alten Erzählmustern durch das Schildern aktueller Erfahrungen der technisch-zivilisatorischen Moderne neuen "Glanz" zu verleihen. So vernimmt Müller dank Daniel Göskes brillanter Übersetzung hier etwa "religiöse Dimensionen" oder "mythische Kräfte", zugleich aber auch die mitschwingende Ironie des Autors. Während der Kritiker mit Göskes Akzentuierung der "erotischen Dimensionen" beider Texte und dem Hervorheben der biblischen Anspielungen zufrieden ist, erscheint ihm das Betonen des "nautischen Fachvokabulars" zumindest diskutabel. Der verschwenderische Anmerkungsapparat und das deutende Nachwort finden ebenfalls Müllers Gefallen, auf die allzu häufigen Tadel der Übersetzungen seiner Vorgänger hätte Göske aber gern verzichten dürfen, meint der Rezensent.
Hymnisch bespricht Rezensent Jan Küveler Joseph Conrads 1917 erschienenen Roman "Die Schattenlinie", der nun in der Neuübersetzung Daniel Görskes vorliegt, die Küveler "so schön und folgerichtig" findet wie den marineblauen Einband. Der Roman, der die Geschichte einer dandyhaften, von Fieber niedergestreckten Schiffsbesatzung im Indischen Ozean erzählt, erscheint dem Kritiker nicht nur wie ein "homoerotischer Bildungsroman", sondern auch als "windstilles Tableau einer inneren Reife". Mehr noch: Wenn Conrad in dieser autobiografisch geprägten Geschichte, in der das Hintergrundrauschen des Ersten Weltkriegs deutlich vernehmbar ist, die ganze Farbpalette des Meeres ausschöpft, so Küveler, um mit äußerster Radikalität psychologische Innenansichten seiner bis an die Grenze des Wahnsinns verzweifelnden Helden zu zeichnen, dann erscheint ihm der Autor wie ein "Edvard Munch im Golf von Thailand", dem es virtuos gelingt, von der Moderne als "Abenteuer" zu erzählen.
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