Einar Schleef

Einar Schleef: Tagebuch 1977-1980

Wien, Frankfurt a. M., Westberlin
Cover: Einar Schleef: Tagebuch 1977-1980
Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2007
ISBN 9783518417591
Broschiert, 473 Seiten, 30,00 EUR

Klappentext

"Dass Aufrichtigkeit in der Kunst und Authentizität im Leben sehr wohl möglich sind, das zeigen Einar Schleefs Tagebücher der Ostberliner Jahre. Der Preis dafür lautet Ausgrenzung, Einsamkeit und permanentes Anecken. Und um das auszuhalten, muss man wahrscheinlich brennen können ... muss man wahrscheinlich so ein Klumpen ungewaschenen Goldes in einem Meer von Plastikexistenzen sein, wie Einar Schleef es gewesen ist", hieß es im WDR über Einar Schleef und Band 2 seines Tagebuchs (1964 - 1976). 1977 zieht Schleef von Wien der ersten Station im Westen nach Frankfurt am Main, am Ende des Jahres nach Westberlin. Er schreibt, u.a. zahllose Briefe an seine Freundin, die beim Versuch der Republikflucht geschnappt wurde. 1978 entwickelt er Siegfried Unseld den Plan eines monumentalen Romans aus der Perspektive seiner Mutter Gertrud. Die Arbeit beginnt, unterstützt von der Freundin, die vorzeitig aus der Haft entlassen worden ist. 1980 erscheint "Gertrud", Band 1. Der "ebenso beklemmende wie mitreißende Monolog" (Süddeutsche Zeitung) erregt Aufsehen. Wilde Jahre sind auch diese ersten im Westen verbrachten, in denen Einar Schleef dem Tagebuch Beobachtungen, Verwirrungen und Orientierungsversuche politisch, gesellschaftlich und ganz persönlich dringend mitzuteilen hat.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 15.01.2008

Durchaus Gefallen gefunden hat Martin Krumbholz an Einar Schleefs nun vorliegenden Tagebüchern von 1977 bis 1980. Dass die "hohe Schule sublimer Rhetorik" anders aussieht, war für ihn schon nach den ersten beiden Bänden klar. Aber das erwartet er auch gar nicht. Ähnlichkeiten zu Schleefs Theater-Kunst liegen für ihn im Blick auf das Ungefilterte der Ausdrucksmittel. Krumbholz beschreibt den Regisseur als ergeizigen, geltungssüchtigen "Berserker" und "genialen Selbsthasser", der über ein großartiges Gedächtnis verfügt und minuziös auch kleinste Impulse, Bewusstseinsreflexe, Triebregungen, Kränkungen und Demütigungen protokolliert. Er berichtet über ein Treffen mit der Lektorin Elisabeth Borchers, die Schleef den Einstieg bei Suhrkamp ermöglicht, und über ein Schreiben Golo Manns, der eine Förderung seines Romans durch die Ponto-Stiftung ablehnt, ihm aber gleichwohl Originalität und Talent zuspricht. Deutlich wird für Krumbholz hier, dass Schleefs Werk niemals in die Mitte der bürgerlichen Gesellschaft gelangen könne: "Es wird immer Sand im Getriebe bleiben."

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.10.2007

Rezensent Günther Rühle bespricht - ach was, erleidet, den dritten Band von Einar Schleefs Tagebuch. Er nennt es eine "wuchernde Emanation" eines Lebens voller Chaos, Flucht, Umzug und - Arbeit. Das scheint bei allen Freund- und Feindschaften, die sich hier auch tummeln, der entscheidende Komplex zu sein, auf den Günther Rühle aufmerksam machen will. Die besessene Arbeit in Wien, Stuttgart, Frankfurt, Berlin und Düsseldorf, die Inszenierungen - begonnen in Ost-Berlin zusammen mit B.K. Tragelehn - finden hier ihren Niederschlag neben "drängenden Wortströmen" aus heftigsten Gefühlen, Verzweiflungen und Selbstkommentierungen. Begeistert, erschüttert und "schockiert" von all dem ist Rühle. Zitierend gönnt er uns eine kleine Schlüsselszene des Schreibens, nämlich die, wie Schleef in Wien der Schriftstellerin Hilde Spiel von seiner Mutter vorjammert, und sie ihn auf den Tisch hauend anschreit: "Dann schreiben Sie es auf." Daraus sei der Anfang zu dem Text "Gertrud" entstanden.
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