Bernd Cailloux

Gutgeschriebene Verluste

Roman memoire
Cover: Gutgeschriebene Verluste
Suhrkamp Verlag, Berlin 2012
ISBN 9783518422793
Gebunden, 271 Seiten, 21,95 EUR

Klappentext

Berlin 2005. Im Schöneberger Café Fler, einem Asyl der Übriggebliebenen aus dem alten Westberlin, sitzt ein Mann von sechzig Jahren. Kein Eigenheim, keine Familie, keine Rentenansprüche. Statt dessen eine junge, vielleicht letzte Liebe, die ihn zu lange aufgeschobenen Reisen in die eigene Vergangenheit bewegt Zweimal stand er im Blitzlicht der Geschichte: das erste Mal um 1968, als Miterfinder des Disco-Stroboskops und Hippie-Businessman; das zweite Mal Ende der Siebziger, als Irrwisch in der jungen Mauerstadt-Bohème mit ihren künftigen Weltstars, Opfern und Verrätern. Davor, dazwischen und dahinter liegen Schattenzeiten: als in den Endwirren des Weltkriegs verlassener Säugling mit Familienspuren bis nach Buchenwald; als Drogenzauberlehrling, dessen Blut auch über drei Jahrzehnte nach dem letzten Schuß noch rebelliert; und nicht zuletzt als konsequenter Anti-Bourgeois in bourgeoiser Gegenwart, der seine kleinen Weigerungen immer teurer zu bezahlen hat. Aber macht sie das nicht um so kostbarer?

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 30.03.2012

Sehr gut geschrieben findet Martin Halter Bernd Cailloux' Roman "Gutgeschriebene Verluste". Ein alternder Achtundsechziger - Cailloux hat vieles mit seinem Erzähler gemein - kommt nicht von seinen Jahren in der Westberliner Subkultur los, erklärt der Rezensent. Noch immer tingele er durch die gleichen Bars und erzähle die gleichen provokanten Anekdoten, nur sei von der damaligen Bewegung nicht mehr viel übrig geblieben, die Rebellen von einst sind inzwischen gesetzte Ärztinnen und korrekte Konsumenten. Melancholisch wandele Cailloux zwischen seinen Erinnerungen an eine Welt, in der er sich noch zurecht gefunden hatte, und der Gegenwart eines zweiundsechzig Jährigen ohne Familie und Rente. Nie verfällt er allerdings in wehleidiges Klagen, immer bewahrt er eine ironische Nüchternheit, lobt Martin Halter. Der wünscht dem Autor mit diesem Roman mehr Erfolg als mit "Das Geschäftsjahr 68/69", er habe ihn verdient.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 15.03.2012

Interessiert hat Rezensent Ulrich Greiner diesen autobiografischen Roman von Bernd Cailloux gelesen, in dem der Alt-68er nicht ohne Melancholie und Sentimentalität auf sein hedonistisches Leben zurückschaue. Cailloux erzähle hier nicht nur von vergangenem "Rausch, Rock und Pop, Sex und Drogen" und den typischen Erlebnissen aus dem alternativen Milieu, sondern sinniere auch unterhaltsam sarkastisch und pointenreich über das Alter und die Liebe. Angereichert sei das Ganze mit einigen treffenden kultursoziologischen Beobachtungen, so Greiner. Auch wenn der Rezensent nach der Lektüre nicht unbedingt das Gefühl hat, dem sympathischsten Zeitgenossen begegnet zu sein, attestiert er Cailloux definitiv schriftstellerisches Talent.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 09.03.2012

Ina Hartwig prophezeit Bernd Cailloux für dieses Buch den Durchbruch. Ausgiebig berichtet die Rezensentin darüber, wie humorvoll und spannend sie seinen autobiografischen Roman "Gutgeschriebene Verluste" findet. Darin sieht sie den Autor auf der Suche nach der Bedeutung der Zeit um das Jahr 68, für die selbstzufriedenen Westberliner und für ihn ganz persönlich. Hartwig erzählt, wie der sechzigjährige Protagonist eine späte Romanze durchlebt, an Podien teilnimmt, bei denen sich "das gediegene Bürgertum sein restanarchisches Mütchen kühlt" und wie er immer wieder daran scheitern muss, den speziellen Zeitgeist in Worte zu fassen. Eine "formidable Selbstparodie" ist Bernd Cailloux gelungen, findet die Rezensentin.
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Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 01.03.2012

Mit gleich zwei Lektürehinweisen stattet Jochen Schimmang die Leser von Bernd Caillouxs neuem "Roman memoire" aus: man könne den melancholischen Ich-Erzähler, der hier auf seine West-Berliner Zeit der 70er und 80er Jahre zurückblicke, getrost mit seinem Autor gleichsetzen, solle das Buch aber keinesfalls als Fortsetzung von dessen hochgelobten Vorgängerroman lesen. Der Ich-Erzähler gehört zur Gruppe der "Übriggebliebenen, der immer noch in Schöneberger Cafes herumhängt, eine öde und zum Scheitern verurteilte Beziehung beginnt und sich fragt, was eigentlich die Hochzeit seines Berliner Lebens war, lässt der Rezensent wissen. Erleichtert ist Schimmang, dass er hier keine weitere Geschichte der Bundesrepublik geboten bekommt, und die eine oder andere Schilderung hat ihm auch gefallen. Aber davon abgesehen, dass die Beziehungsgeschichte, zu den langweiligsten und "farblosesten" gehört, die der Rezensent gelesen hat, wird ihm in diesem Roman zuviel reflektiert und er vermisst schmerzlich die ironische Distanz, die ihn an Caillouxs letztem Roman begeistert hat. Eine Passage aber hat ihn völlig überzeugt in diesem ansonsten offenbar etwas reizlosen Roman: Wie der Autor in der Beschreibung einer öffentlichen Veranstaltung die 68er- Erinnerungspraxis in Szene setzt, das ist einfach "schulbuchreif", so Schimmang enthusiastisch.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.02.2012

Geschichtenerfinden kann dieser Autor nicht so gut, wie Wolfgang Schneider weiß. Dafür aber kann Bernd Cailloux ganz wunderbar vom Altern erzählen, von Reminiszenzen an die späten 60er und die 70er Jahre in Berlin, vom Herumsitzen in Cafes und von Bindungsunfähigkeit, kurz: aus seinem Leben. Schneider kann das gut vertragen, das bisschen Selbstverklärung - geschenkt. Dem eher kreisenden Reflexionsgang folgt er gerne, weil Cailloux so angenehm halbtrocken humorig parliert, auch über manche Pein hinweg, gestützt auf eine tragfähige Ironie.
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