Christoph Schulte

Zimzum

Gott und Weltursprung
Cover: Zimzum
Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag, Berlin 2014
ISBN 9783633542635
Gebunden, 501 Seiten, 35,00 EUR

Klappentext

Zimzum steht in der Kabbala für die Selbstzusammenziehung Gottes vor der Erschaffung der Welt und zum Zweck der Weltschöpfung. Geprägt wurde dieser Begriff im 16. Jahrhundert durch die Lehren des jüdischen Mystikers Isaak Luria. Der vor der Schöpfung allgegenwärtige Gott muss sich im Zimzum von sich selbst in sich selbst zurückziehen und konzentrieren, um für die Erschaffung der Welt in seiner eigenen Mitte Platz zu machen. Dieses Buch spürt den Spuren des Zimzum quer durch die jüdische und christliche Geistesgeschichte in mehr als vier Jahrhunderten nach. Von den Kabbalisten in Safed bis zum Chassidismus, von den christlichen Hebraisten zu Newton und Schelling, von mystischen Handschriften bis zur Avantgarde von Else Lasker-Schüler oder Anselm Kiefer mischen und befruchten sich in den Deutungen und Aneignungen des Zimzum Göttliches und Menschliches, Jüdisches und Christliches, Mystik, Philosophie, Theologie, Literatur und Kunst.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 03.12.2014

Es wäre schade, wenn dieses Buch nur von Spezialisten gelesen würde, meint Rezensent Eberhard Geisler, der es dringend jedem empfiehlt, der die europäische Geistesgeschichte auch als Abenteuer begreift, in das man sich einfach hineinstürzen muss. Worum geht es? Im 16. Jahrhundert entwickelte Isaak Luria den Gedanken des Zimzum, mit dem er die Kabbala verändern sollte. Zimzum beschreibt, so der Rezensent, den Selbstrückzug Gottes. Dieser hat gewissermaßen einen Ort geräumt und für den Menschen freigesetzt, der hier seine eigenen - auch säkularen - Gedanken entwickeln kann. Diese Vorstellung inspirierte von Schelling bis Barnett Newman und Anselm Kiefer zahlreiche Intellektuelle und Künstler, so Geisler, der nur einen Wunsch gehabt hätte: Dass Schulte die Idee des Rabbi Marc-Alain Ouaknin, Zimzum mit dem Dekonstruktivismus zu verbinden, weiter ausgeführt hätte. Denn aus dieser Verbindung, so der Rezensent, ließe sich ein "Funken fröhlicher Dankbarkeit" schlagen für einen Gott, der uns die Leere selbst füllen lässt.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.09.2014

Christoph Schultes Buch hat Giuseppe Veltris theologisches und philosophisches Wissen auf eine harte Probe gestellt, aber das sei es wert gewesen, verspricht der Rezensent. Der Potsdamer Professor für Jüdische Philosophie hat sich auf die Spur eines Begriffes aus der jüdischen Mystik begeben, des "Zimzum", wie der Buchtitel verrät, das sowohl "Begrenzung", "Selbstbeschränkung" oder "Konzentration" bedeuten kann, berichtet Veltri. Der Kabbalist Isaak Luria hatte die Möglichkeit der Welt an einen vorgängigen Rückzug Gottes gebunden, da dessen Unendlichkeit sonst nicht mit ihr in Einklang zu bringen wäre, erklärt der Rezensent. Die Auslegungen dieser Idee variieren schon bei den unmittelbaren Schülern Lurias erheblich, erfährt Veltri, das Zimzum verbreitete sich auf vielerlei Wegen aber in der ganzen abendländischen Geisteswelt und erfuhr immer weitere Abwandlungen. Schon Gershom Scholem hatte bemerkt, dass eine systematische Geschichte des Zimzum eine der "faszinierendsten Darstellungen originell jüdischen, mystischen Denkens" bieten müsste, weiß Veltri - und stimmt ihm voll und ganz zu.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 23.08.2014

Ein neues Standardwerk zum "Zimzum", der Theorie der Zusammenziehung Gottes, sowie zur Kabbala überhaupt hat Rezensent Micha Brumlik mit Christoph Schultes Arbeit anzuzeigen. Der Judaist Schulte vermag Brumlik nicht nur in flüssiger Schreibe, stofflich reich und detailliert die philosophischen Traditionslinien jüdischer Mystik etwa bei Hegel und Schelling aufzuzeigen, er schafft es auch, den Rezensenten für die Nachwirkung des "Zimzum" in Kunst und Literatur zu interessieren. Dass sich die Kabbala bei Anselm Kiefer findet und bei Isaac B. Singer und Barnett Newman kann ihm das "monumentale" Buch erläutern. Für Brumlik gehört es damit in die beste Tradition der Wissenschaft des Judentums.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 23.07.2014

Rezensent Arno Widmann näher sich Christoph Schultes neuesm Buch zunächst einmal über den geheimnisvollen Titel "Zimzum". Zimzum, erklärt er, sei ein hebräisches Wort, bedeute so viel wie "Zusammenziehung" und sei der Kernbegriff der Lehre Isaak Lurias, dem Begründer der lurianischen Kabbala. Widmanns Ausführungen dieser Entstehungsgeschichte der Welt verkürzend, ist Zimzum die Erzählung, nach der sich Gott "zusammenzog" um dadurch Platz für die Welt und den Menschen zu schaffen, der sich somit "ohne" oder "fern" von Gott entfalten konnte. Der Rezensent begrüßt die fundierte Beschäftigung Schultes mit der Schöpfungsgeschichte und dessen Spurensuche nach der "Kontraktion Gottes" in der europäischen Geistesgeschichte, die bis in die Gegenwart reicht.