Seit die Grenzen zum Osten wieder offen sind, gehen auch die Tore zu den Friedhöfen, die bereits in Vergessenheit geraten waren, wieder auf. Etliche dieser Friedhöfe sind im Laufe der Jahre verwildert: weil die Familien weggezogen oder ausgestorben sind, weil sie deportiert und umgebracht wurden, weil niemand da war, der sich um die Gräber kümmerte. Einige dieser alten Friedhöfe in den früheren österreichischen Kronländern wurden in den vergangenen Jahren wiederentdeckt und restauriert, andere verfallen weiter. Christoph Lingg und Susanne Schaber sind durch Ungarn, Tschechien, Slowenien, Kroatien, Norditalien, Bosnien, Rumänien und die Ukraine gereist, um diese alten Friedhöfe aufzuspüren und fremde Trauer- und Todesrituale kennenzulernen. Sie haben die glanzvollen Gräberlandschaften von Lemberg, Prag, Laibach und Triest fotografiert und kommentiert, die von Vandalen zerstörten Friedhöfe von Czernowitz und Budapest-Kerepesi und die verminten Gräberfelder von Sarajewo und Mostar. An all diesen Orten steckt die Sozial- und Kulturgeschichte der einstigen Monarchie und deren Nachfolgestaaten: Die Grabtafeln zeugen vom Zusammenleben mehrerer Völker und Religionen und verweisen damit auf ein Europa, von dem man heute weit entfernt zu sein scheint.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 08.11.2000
Ein "eindringliches Memento mori" sei dieser Band, lobt Hansres Jacobi. Ihm gefallen nicht nur die "eindrücklichen Aufnahmen" Linggs und die "einfühlsamen" Texte Schabers. Besonders scheint ihn zu beeindrucken, dass in dieser Band über Friedhöfe gleichzeitig ein Zeugnis abgelegt wird über die Geschichte in diesen Ländern und die kulturellen Besonderheiten. Manche Gräber sind verwildert, von der Natur überwuchert, manche zerstört bzw. geschändet. Vor allem aber weist Jacobi auf die Vielfältigkeit der verschiedenen Grabstätten hin. Darüber hinaus erfahre man viel über "jüdische, islamische und rumänisch-orthodoxe Begräbnisrituale". Beinahe entschuldigend klingt das lobende Fazit des Rezensenten, wenn er anmerkt, dass hier ein beinahe "bewegtes Leben der Friedhöfe" gezeigt werde.
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