Bertolt Brecht

Geschichten vom Herrn Keuner

Zürcher Fassung
Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2004
ISBN 9783518416600
Paperback, 126 Seiten, 14,80 EUR

Klappentext

Herausgegeben von Erdmut Wizisla. Wer hätte das für möglich gehalten? Fast 75 Jahre nach der ersten Veröffentlichung von Keuner-Texten (1930), für die Brecht zwischen 1929 und 1956 immer wieder neue Themen fand, und auch zehn Jahre nach den intensiven Recherchen für die große Brecht-Ausgabe kommen jetzt Keuner-Texte zum Vorschein, die noch niemand zuvor hat lesen können. In der Schweiz sind u.a. insgesamt fünfzehn unbekannte Keuner-Geschichten aufgetaucht. Sie fanden sich in einer Mappe mit der Aufschrift "geschichten vom hk", aus der Brecht 1948 in Zürich eine Auswahl für die Kalendergeschichten getroffen hat. Die Mappe bildet die Grundlage für den hier vorgelegten Band der Geschichten vom Herrn Keuner als "Zürcher Fassung". Faksimiles der neuen Dokumente erlauben einen Einblick in die Werkstatt des Verfassers.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 04.05.2005

Herr Keuner ist wie ein alter Bekannter, den man schon zu Schulzeiten kannte und dem man hin und wieder über den Weg läuft. Von so einem guten alten Bekannten wie Herrn K. erwartet man eigentlich nichts Neues zu hören, wenn man ihm begegnet. Aber hat nicht auch er ein Vorleben? Oh ja, eines, das sich in Pappkartons verbarg, die, wie Ralf Berhorst berichtet, nun in der Schweiz bei Renata Mertens-Bertozzi gefunden wurden und deren Inhalte vom Archiv der Berliner Akademie der Künste angekauft wurden. Eine Mappe aus Brechts Schweizer Exilzeit mit 58 Keuner-Geschichten, von denen 15 bislang unbekannt und unpubliziert waren. Warum hat Brecht sie nicht zur Veröffentlichung freigegeben, fragt Berhorst und hat bei der Lektüre der neuen Keuner-Episoden die passenden Antworten gefunden: manche wirkten noch unfertig, findet er, anderen fehle die Überschrift, manche seien irgendwie verdreht oder in ihrer Logik zu sperrig. Und eine besteht nur aus einem Satz, mehr Sentenz als Gleichnis. Die Geschichte von "Herr Keuner und der Tod" geht nämlich so: "Herr Keuner mied Beerdigungen". Auch zu den anderen schon bekannten Keuner-Geschichten gibt es aufschlussreiche Korrekturen und Varianten, verspricht Ralf Berhorst und stellt "erbleichend fest", wie wenig sich der Titelheld verändert hat.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 29.12.2004

Der "unangenehme Beigeschmack von Schulungstexten", der vielen dieser zum Teil bislang unveröffentlichten Keuner-Geschichten angeblich anhaftet, will Yaak Karsunke nicht so recht munden. Die aufwändige Ausgabe basiert auf einem Ende 2000 im Nachlass der Dokumentarfilmerin Renata Mertens-Bertozzi in Zürich gemachten "dünnen Fund", der nun vom Suhrkamp Verlag mittels "mehrheitlich nur halb gefüllter Seiten", mehrfarbiger Typoskript-Faksimiles plus Transkriptionen auf knapp 130 Seiten "aufgeplustert" worden sei. Dieser sich "mit Vorliebe sentenziös" artikulierende Keuner ist Karsunkes Sache nicht. Er empfindet die "Demonstrations-Marionette" Brechts als besserwisserisch, als einen kommunistischen Intellektuellen, der versuche, "die eigenen Zweifel zu zerstreuen und das eigene Verhalten spitzfindig zu rechtfertigen". 48 Jahre nach Brechts Tod und 15 Jahre nach Zusammenbruch des Ostblocks wirke Keuner heute nurmehr wie ein "erziehungsdiktatorischer Wanderprediger", der selbst Diktatur und Polizeistaat zu legitimieren suche. Was Brecht weiland noch für dialektisch gehalten haben mag, erscheint dem leicht angeekelten Yaak Karsunke heutzutage bloß als "Etüden in gebrochem und gewundenem Denken".

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 14.09.2004

Die berühmten Keuner-Geschichten sind nie en bloc und selbständig publiziert worden, hat Martin Krumbholz nachgelesen, sondern eingebaut in die "Kalendergeschichten" oder andere übergeordnete Zusammenhänge. Ihre Entstehungszeit erstreckt sich wohl auch über fast drei Jahrzehnte, mutmaßt der Rezensent, wobei die meisten im dänischen Exil (1933 - 39) entstanden sein sollen. Nach seiner Rückkehr aus dem amerikanischen Exil sammelte Brecht sie in der so genannten "Zürcher Mappe", die er mit vielen anderen Pappschachteln bei seiner Gastfamilie stehen ließ, berichtet Krumbholz weiter. Die Original-Mappe, erst im Jahr 2000 wieder aufgetaucht und nun erstmals publiziert, enthält 15 Texte, die Brecht selbst nie zur Veröffentlichung vorgesehen hat. Mehr oder weniger teilt der Rezensent die Einschätzung des Meisters, der seine weniger meisterhaften Keuner-Geschichten der Öffentlichkeit vorenthalten wollte. Bis auf eine Ausnahme - die Episode "Ruhm", in der Krumbholz die typische Keunersche Selbstironie aufblitzen sieht - fehlten hier "die Eleganz und der dialektische Schliff", schreibt der Kritiker, welche den Ruhm der Keuner-Geschichten begründet hätten. Im übrigen wären auch die neuen Herausgeber der Brechtschen Anordnung getreu gefolgt und hätten die unveröffentlichten als gesonderten Block gekennzeichnet.
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