Anne-Katrin Lang, Claus Leggewie

Der Kampf um die europäische Erinnerung

Ein Schlachtfeld wird besichtigt
Cover: Der Kampf um die europäische Erinnerung
C. H. Beck Verlag, München 2011
ISBN 9783406605840
Gebunden, 224 Seiten, 14,95 EUR

Klappentext

Was hält Europa zusammen - der reichste Binnenmarkt der Welt, eine starke Währung, die Freizügigkeit seiner Bevölkerung - oder eine geteilte Geschichte? Vier von zehn EU-Bürgern sind Euro-Skeptiker, die in Umfragen bekunden, die Europäische Union sei eine schlechte Sache. Wer die europäische Identität stärken möchte, so die These von Claus Leggewie, der wird die Erörterung und Anerkennung der strittigen Erinnerungen genauso hoch bewerten müssen, wie Vertragswerke, Währungsunion und offene Grenzen. In diesem Buch analysiert er die europäische Erinnerungslandschaft und besucht Erinnerungsorte, an denen sich die aktuellen Geschichtskonflikte verdeutlichen lassen. Dabei steht die europäische Peripherie im Mittelpunkt, das Baltikum, die Ukraine, Jugoslawien, die Türkei, aber auch die europäische Kolonialvergangenheit und die Geschichte der Migranten. Auf diese Weise wird deutlich, wie weit noch der Weg ist zu einem im doppelten Wortsinne geteilten europäischen Geschichtsbewusstsein.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 13.07.2011

Rezensent Helmut König hat diesen Band mit Gewinn gelesen, vor allem weil er ihm vor Augen führte, wie provinziell Westeuropas historisches Gedächtnis zum Teil noch immer ist. Die Autoren Claus Leggewie und Anne Lang beschreiben darin verschiedene Erinnerungskonflikte, deren öffentliche Erörterung sie für eine europäische Einigung unerlässlich finden. In einem ersten Teil werden verschiedene Themenkreise der europäischen Erinnerung dargestellt (Holocaust, Gulag, Kolonialverbrechen, ethnische Säuberungen), in einem zweiten Teil dann einige Beispiele erinnerungspolitischer Konflikte (die sowjetische Annektierung der baltischen Länder, der Völkermord an den Armeniern, der Holodomor in der Ukraine). Wie kompliziert hier Erinnerung ist und wie ungewiss liebgewonnene Gewissheit, das hat der interessierte Rezensent hier erfahren können.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.07.2011

Überaus anregend findet Rezensent Christoph Klessmann Claus Leggewies Plädoyer für eine gesamteuropäische Auseinandersetzung mit den unterschiedlichen Erinnerungen. Die These, eine gemeinsame Reflexion der schwierigen gemeinsamen Geschichte Europas spiele eine zentrale Rolle für eine europäischen Identität, scheint ihm vom Autor überzeugend ausgeführt. Lobend hebt er Leggewies präzise Rekonstruktion einer Reihe von geschichts- und erinnerungspolitisch bedeutsamer Debatten - Auschwitz, GULag, ethnische Säuberungen, Migrationsgeschichte usw. - hervor. Auch die Ausführungen über Erinnerungsorte der europäischen Peripherie im zweiten Teil des Werks hält Klessmann für sehr aufschlussreich. Bleibt für ihn zu hoffen, dass das Buch der Planung für ein "Haus der europäischen Geschichte" Impulse geben wird.
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Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 31.05.2011

Dem Rezensenten Stephan Speicher wird deutlich, dass es den Autoren Claus Leggewie und Anne-Kathrin Lang mit ihrem Buch darum geht, einer europäischen Identität den Rücken zu stärken. In seinen Augen will das aber nicht recht gelingen, zu verschieden sind, wie die Beispiele um große Felder der europäischen Erinnerung und Erinnerungsorte des 20. Jahrhunderts zeigen, die Themen für die einzelnen europäischen Länder. Den Einfall, sechs Erinnerungsorte in den Blick zu nehmen, findet er zwar gar nicht schlecht, "weit" führt er aber nicht, wie der Rezensent kritisiert. So ohne weiteres lässt sich eben nicht von europäischer Erinnerung sprechen, meint Speicher, und er sieht dies mit diesem Buch, wenn auch "unfreiwillig", an vielen Stellen untermauert, etwa dem sowjetischen Ehrenmal in der estnischen Hauptstadt Tallinn. Und wenn er es auch begrüßenswert findet, dass Leggewie und Lang allseits Verständnis für die unterschiedlichen nationalen Gedächtnisse erkennen lassen, für die Konturen ihres Themas ist das eher ungünstig, so Speicher.
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 16.03.2011

Außerhalb der Universitäten ist die transnationale Geschichtsschreibung noch immer ein Spezialdiskurs, bedauert Rezensent Maximilian Probst, der in diesem Buch einen guten Schritt sieht, die Erinnerungskultur in europäische Bahnen zu lenken: Claus Leggewie und Anne Lang belassen es auch nicht bei Forderungen, freut sich Probst, sondern geben auch gleich die Richtung vor: Ein europäischer Gründungsmythos sei demnach nur ex negativo möglich, in der Erinnerung an die Vernichtung der europäischen Juden. Und nur vermittelt als das, was durch den Zivilisationsbruch Auschwitz negiert worden sei, könne sich Europa auf Aufklärung, Wissenschaft oder Freiheitsdenken berufen. Probst erhebt da keine Einwände und freut sich, dass die Autoren auch gleich eine praktische Handreichung zur Implementierung ihres Geschichtskonzepts mitliefern.