Obwohl die totalitäre Diktatur Stalins die Geschichte des 20. Jahrhunderts nachhaltig geprägt und in der Sowjetunion sowie deren Einflussbereich unzählige Opfer gefordert hat, ist die Geschichte seiner Gewaltherrschaft auch mehr als 70 Jahre nach seinem Tod in der russländischen Gesellschaft nur sehr unzureichend aufgearbeitet. Mehr noch: Seit den 2000er-Jahren erfährt Stalin offenbar eine erneute Würdigung. Vor diesem Hintergrund geht die Untersuchung von Anna Becker folgenden Fragen nach: Welche Rolle spielt Geschichte und speziell die Epoche des Stalinismus im postsowjetischen Russland? Wie geht die Staatsführung mit dieser Epoche um, welches Bild vom Regime und vom Diktator versucht sie zu vermitteln? Worauf zielt gegenwärtige Geschichtspolitik und wie wird sie heute in einem Staat, der sein Deutungsmonopol verloren hat, betrieben?
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.05.2016
Michael Mayer sieht Anna Beckers Versuch, Stalinismus und staatliche Geschichtspolitik in der Ära Putin zu erkunden, kritisch. Vieles im Buch scheint ihm ganz und gar nicht überraschend, etwa die Feststellung der Verfasserin, dass Putin den Stalin-Mythos instrumentalisiert. Interessanter findet Mayer die Differenzierungen, die darauf schließen lassen, dass Putin trotz seines autoritären Stils kein Stalinist ist und es kein Meinungsmonopol des Staates gibt. Aber auch, dass Putin seit der Krim-Krise wieder vermehrt auf Stalin setzt, um einen Großmachtanspruch zu vermitteln. Den kulturwissenschaftlichen Ansatz des Buches findet Mayer nicht überzeugend, taucht er die Politik doch eher in Nebel. Brennende Fragen hingegen kann die Autorin dem Rezensenten nicht beantworten, wie die zu den unterschiedlichen Haltungen der Regierung und einzelner Bevölkerungsgruppen zum Stalin-Mythos.
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