Honore de Balzac war Asket und Gourmet, Hungerleider und Vielfraß in einer Person. Vor allem aber war der Autor der Menschlichen Komödie genial maßlos im Darben wie im Luxus: Phasen mönchischer Arbeitsdisziplin mit frugalstem Speiseplan wechselten bei Balzac mit regelrechten Fresszügen durch die Feinkostläden, Märkte und Bäckereien von Paris. Balzacs Leben fällt in eins mit dem Siegeszug der für die Zeitgenossen erstaunlichsten Hervorbringung der französischen Revolution: des Restaurants. Für den Romancier wie für den Menschen Balzac war das Restaurant eine Bühne, der ideale Ort zur Inszenierung seiner Sittengemälde und seiner Lust am Exzess. Balzacs Speiseplan ist ein Gesellschaftsroman eigener Art, sein obsessiver Konsum von Birnen, Kaffee oder Weintrauben verrät viel über seine Form der Weltaneignung.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.05.2011
Anka Muhlsteins "delikate" Balzac-Biografie setzt dem Leser so manche Pariser Gaumenfreude vor, notiert Rezensent Joseph Hanimann mit knurrendem Magen. Balzac selbst habe nach der Beendigung eines Skripts stets fürstlich zu tafeln gewusst, erfahren wir, wenngleich er sich während der Arbeit eher in Askese übte und die Exzesse seinen Romanfiguren überließ. Genüsslich teilt Hanimann mit, was neben den titelgebenden Austern bei Monsieur Balzac, vor allem aber im Paris seiner Zeit sonst noch auf den Tisch kam. Denn Muhlsteins Eingebung, die "Comedie humaine" als Restaurantführer zu lesen, findet der Rezensent durchaus plausibel; ebenso ihre These, dass erst mit der nachrevolutionären Gar- auch die Gerüchteküche so richtig zu brodeln begann und letztlich dem französischen Roman eine Blütezeit bescherte. Vollmundig lobt Hanimann Muhlsteins Zubereitung des Stoffs: "In fünf ausgewogene Kapitel tranchiert" sei dieser, sparsam beigegebene Thesen würden "mit reizvollen Anekdoten sämig geschlagen".
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