Aharon Appelfeld

Alles, was ich liebte

Roman
Cover: Alles, was ich liebte
Alexander Fest Verlag, Berlin 2002
ISBN 9783828601284
Gebunden, 287 Seiten, 19,90 EUR

Klappentext

Aus dem Hebräischen von Anne Birkenhauer. Die Eltern des kleinen Paul trennen sich, und Paul verliert alles, was bis dahin sein Zuhause war. Aharon Appelfeld erzählt die Geschichte einer jüdischen Kleinfamilie in Czernowitz und zugleich eine Parabel auf den Untergang des europäischen Judentums am Vorabend des Zweiten Weltkriegs.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 06.08.2002

Die Rezensentin Marie Luise Knott ist begeistert: Für sie reiht sich Aharon Appelfeld in die Reihe der großen Schriftsteller ein, die über die Schoah geschrieben haben. Dennoch, Appelfeld ist kein israelischer Schriftsteller, meint die Rezensentin, sondern, wie er auch selbst betone, ein jüdischer Schriftsteller, der sich den "Untergang des Judentums" zum Thema gemacht hat. Sein Roman um den zehnjährigen Ich-Erzähler Paul Rosenfeld beschreibt eine Kindheit im polnischen Czernowitz, zwischen dem Verlust der Familienidylle (die Eltern trennen sich nach langem Streit) und dem der geistigen Heimat im Judentum (die Geschichte spielt kurz vor der Schoah). Eine Kindheit also, die keine ist, sondern vielmehr die Geschichte eines "Weltverlustes", so die Rezensentin. Geradezu "tonlos" sei Appelfelds Sprache, eine Monotonie, in der sich sowohl "tiefste Trauer" als auch erlernter "Gleichmut" ausdrückten. Und auch das "Unabänderliche" erlangt durch die ständigen Tempuswechsel eine Art Allgemeingültigkeit, so die Rezensentin. Allein in den Traumsequenzen breche diese "hypersachliche" Sprache auf. Doch für Marie Luise Knott erscheint diese Geschichte vor allem als eine "Parabel über die Gegenwart der Abwesenden", über die "Präsenz der Lebenden und der Toten". Und so ist es auch mit der Judenvernichtung in Appelfelds Werk: "Er hat niemals von der Vernichtung der Juden erzählt, und doch ist sie allgegenwärtig."

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 22.06.2002

Viel ist "der versunkene Glanz der Bukowina" von Literaten wie Paul Celan und Rose Ausländer "beschworen" worden, wurde "der Untergang der jüdisch-deutsch-ukrainisch-rumänischen Mischkultur beklagt", weiß Andreas Breitenstein. Der 1932 in Czernowitz geborene israelische Schriftsteller Aharon Appelfeld setzt diese Reihe fort, gleichermaßen "gewichtig" wie einst Celan oder Ausländer, lobt der Rezensent. In seinem 1999 erschienenen Roman "Alles, was ich liebte", nun von Anne Birkenhauer "vorzüglich" ins Deutsche übersetzt, schildert Appelfeld mit stark autobiografischen Zügen das Schicksal des neunjährigen Paul, dessen Kindheit von Tod und Verlust geprägt ist. Obwohl Appelfeld "äußerst einfach", "linear und realistisch" die Geschichte Pauls erzählt, ist der Roman dennoch "atmosphärisch dicht" und hat eine beeindruckende analytische Schärfe, staunt Breitenstein. Der Autor beherrsche "die Kunst der Lakonie" meisterlich, sei es in der psychologisch ergreifenden Erzählhaltung, sei es in der Dialogführung oder im Satzbau. Breitenstein erinnert diese Technik an ein "fotografisches Negativ", normal sei hier das Unheimliche, denn der Leser wisse von Anfang an, dass dem Protagonisten trotz des erlittenen Familiendramas noch Schlimmeres - die Odyssee der Verfolgung durch die Nationalsozialisten - bevorstehe.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 25.04.2002

Höchst beeindruckt und anschaulich für den Leser lässt Karl-Markus Gauß in seiner Rezension diesen Roman Revue passieren. Es ist die Geschichte eines armen jüdischen Jungen, der 1938 ins Waisenhaus von Czernowitz kommt. Das Drama seiner Familie hat er schon hinter sich, sein eigener Tod ist schon beschlossen - mit dieser Perspektive lässt Appelfeld den Leser allein. Gauß macht glaubhaft, dass man dieses Buch trotz seiner Traurigkeit mit Spannung lesen wird, nicht nur wegen der Geschichte und der Welt, die sie wieder aufscheinen lässt, sondern auch wegen des von Gauß zutiefst bewunderten lakonischen, ja "geradezu gleichmütigen" Tons, in dem Appelfeld erzählt. Es ist die Art und Weise, wie Appelfeld die kleine Geschichte Pauls und seiner Eltern - einer Mutter, die sich nach Männerliebe sehnt und einem trunksüchtigen Vater - und die große Geschichte des Mords an den Juden verschränkt: Durch "unmerkliche Details", wie nebenbei formt sich das Bild einer zum Untergang bestimmten Gesellschaft, erklärt Gauß und bewundert auch, dass sich "eine andere historische Möglichkeit" abzeichnet, dass der Roman ein Zusammenleben all der Bevölkerungsgruppen in Momenten auch als denkbar erscheinen lässt. Als Beispiel zitiert er hier das ruthenische Kindermädchen des Jungen, die ihn das Lachen lehrt und die zu seiner ersten Liebe wird.
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