Tagtigall

Der Tempel im Innern unseres Hörens

Die Lyrikkolumne. Von Marie Luise Knott
23.03.2015. Niemand feiert seine Dichter so wie die Iren. Als vor einigen Monaten ein Fernsehsender das meistgeliebte irische Gedicht des 20. Jahrhunderts suchte, fiel die Wahl aus Tausenden von Zusendungen auf Seamus Heaneys Erinnerung an das Kartoffelschälen mit seiner Mutter. (Bild: Wikipedia/Simon Garbutt)

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In Leipzig hat dieses Jahr mit Jan Wagners "Regentonnenvariationen" erstmals kein Roman, sondern ein Gedichtband den Buchpreis in der Kategorie "Literatur" gewonnen. Giersch, Weidenkätzchen, Mücken, Maulbeeren und - natürlich - Regentonnen sind die Protagonisten dieses kunstvollen, humorreichen Bandes, in dem Jan Wagner vieles feiert, was im Verborgenen wuchert oder von Auflösung bedroht ist: "bleib, sprach das dunkel / und dein gesicht löst sich auf / wie ein stück zucker", heißt es einmal. Lutz Seiler, ein Dichterkollege, gewann 2014 mit seinem Roman "Kruso" den deutschen Buchpreis. Die Lyrik hat offensichtlich in den letzten Jahren die Sprachenvielfalt unserer Literaturlandschaft enorm erweitert; und auch wenn hierzulande Lyriker immer noch, so Felicitas von Lovenberg, "in einer Art Sicherheitstrakt mit eingebautem Denkmalschutz" leben, tun sich neue Türen und Fenster auf: Lyrik-Verlage werden gegründet - jüngst "Brüterich Press" - und vor ein paar Jahren initiierten Lyrikkabinett und Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung eine fundierte Jahres-Empfehlungsliste in- und ausländischer Dichter. "Frage mich, ob das Leben auch so oft über uns nachdenkt, / wie wir über das Leben?" liest man eine Zeile von Jürgen Halter in dem Begleit-Heft.

Trotz der offensichtlich gewachsenen Aufmerksamkeit für die Poesie versteht sich Deutschland derzeit nicht vorrangig als Nation der Dichter. Niemand führt heute mehr bei jeder passenden oder unpassenden Gelegenheit einen Vers im Munde, wie es noch meine Großmutter tat. Das Gefühl greift heute intuitiv wohl eher zu Schlagerzeilen oder Film-Zitaten.

Woanders ist dies offensichtlich anders. In Irland jedenfalls hat der Fernsehsender RTE vor einigen Monaten das meistgeliebte irische Gedicht des vergangenen Jahrhunderts gesucht. Als erstes bat man die Öffentlichkeit um möglichst viele Vorschläge. Eine Jury erstellte aus den Einsendungen eine Shortlist, über die wiederum das Publikum abstimmen konnte. Glen Killane, Geschäftsführer von RTÉ television, erläuterte die Aktion: "Wir wollten etwas feiern, worin wir als Nation herausragend sind", sagte er. Dass sich viele tausend Menschen mit wohlüberlegten und durchdachten Einsendungen zu Wort meldeten und dass sich an der Endabstimmung so viele Leute beteiligten, zeuge davon, so Killane weiter, wie viel den Iren Poesie bedeute: "how much poetry means to us as a people". Auf der Shortlist landeten unter anderen "Easter 1916" von William Butler Yeats, "A Christmas Childhood" von Patrick Kavanagh, "A Disused Shed in Co Wexford" von Derek Mahon und "Dublin" von Louis MacNeice.

Das schließlich im März 2015 gekürte meistgeliebte irische Gedicht des 20. Jahrhunderts aber stammt von Seamus Heaney (1939 - 2013), der 1983, als eines seiner Gedichte im Penguin Book of Contemporary British Poetry aufgenommen wurde, in einem offenen Brief den Stolz des irischen Volkes in Verse reimte: "be advised / My passport"s green / No glass of ours was ever raised / To toast The Queen": Heaney, der in seinen frühen Bänden - etwa mit "Requiem for the Croppies" - den irischen Freiheitskampf thematisierte ("Begraben wurden wir ganz ohne Leichentuch und / ohne Sarg. Und im August wuchs Gerste aus dem Grab"), wurde lange vor dem Nobelpreis 1995 in seiner Heimat als Mr. Poetry geehrt. Gepriesen gleichermaßen ob der "lyrischen Schönheit und ethischen Tiefe" hat er der Dichtung seiner Heimat ein Denkmal gesetzt.

Das Gedicht, das die Iren in diesem Frühjahr nun erkoren haben, erschien 1987, als 3. Teil des Sonetten-Zyklus "Clearances / Lichtungen", den er nach dem Tod seiner Mutter zu ihrer Erinnerung verfasste.


Clearances
In Memoriam M.K.H., 1911-1984

3.

When all the others were away at Mass

I was all hers as we peeled potatoes.

They broke the silence, let fall one by one
Like solder weeping off the soldering iron:

Cold comforts set between us, things to share

Gleaming in a bucket of clean water.

And again let fall. Little pleasant splashes
From each other"s work would bring us to our senses.


So while the parish priest at her bedside

Went hammer and tongs at the prayers for the dying
And some were responding and some crying
I remembered her head bent towards my head,

Her breath in mine, our fluent dipping knives -

Never closer the whole rest of our lives.

Hier kann man es Heaney lesen hören:



Dieses Klanggedicht, hier mit unreinen Reimen, erzählt im ersten Teil vom gemeinsamen Kartoffelschälen, von der Stille und davon, wie dann, wenn die geschälte Kartoffel auf das Wasser im Eimer klatscht, sich eine sinnliche Gemeinsamkeit des Erlebens herstellt - things to share. Das So in der neunten Zeile leitet die sonett-typische Wendung ein, das Dramatische der Trennung durch den Tod untermauert der lange Satz und der abschließende Zweizeiler am Ende. In der Gewissheit des letzten Atemzugs der Mutter wird noch einmal die Süße des nahen Atems aus der Kindheit erinnert.

Das Schöpfen des Dichters aus Herkunft, Kindheit, heimatlicher Landschaft und Kultur ist in Heaneys Werk unüberhörbar. Noch in seinen Oxford Lectures 1995 hat der Autor stolz auf seinen irischen Akzent verwiesen. Thema der Vorlesung war nicht Samuel Beckett, sondern das Irische in der Dichtung Oscar Wildes. Als Motto hatte Heaney ein Wilde-Zitat gewählt: "Alle Frauen gleichen mit der Zeit ihrer Mutter. Das ist ihre Tragödie. Einem Mann widerfährt das nie. Das ist die seine."

Von dieser Männer-Tragödie handelt auch das jetzt ausgezeichnete Gedicht. Das Sonett, die dramatische unter den Gedichtformen, in der sich Gefühl und Denken verbindet, ist für den Dichter die Form der Wahl, in der Trauer außer und dabei ganz bei sich zu sein. In fast allen Zeilen wiederholt Heaney Vokale oder Konsonanten klanglich und rekonstruiert die Sehnsucht (never closer the whole rest) des lyrischen Ichs nach Nähe und Gleichheit: ... away at mass, ... peeled potatoes, ... cold comfort, ... pleasant splashes, ...und dann am Ende der Schlussakkord aus knives und lives - ein Ineinander in all seiner Schönheit und Trauer.

Poetische Form, so Heaney, lasse Raum für die gleichzeitige Befriedigung all dessen, was in Körper und Geist nach außen und nach innen strebt; so schaffe die Poesie den "Tempel im inneren unseres Hörens", der, so Heaney, beim Erklingen eines Gedichtes entsteht: Wenn alles gut geht, gelingt es dort, an die Wurzeln unserer mitfühlenden Natur zu rühren und dabei gleichzeitig die teilnahmslose Natur der Welt einzuschließen, der die mitfühlende Natur ständig ausgesetzt ist.

Marie Luise Knott

***

Hier die derzeit im Buchhandel erhältliche Übersetzung des Gedichtes:

Lichtungen

3

Wenn alle anderen fort zur Messe waren,
Gehörte ich ganz ihr beim Kartoffelschälen.
Sie brachen das Schweigen, einzeln fallengelassen,
wie Lötzinn-Tropfen, die vom Kolben tränen:
Magerer Trost, der zwischen uns stand, Gemeinsamkeiten,
Schimmernd in einem Eimer klaren Wassers.
Und wieder fallengelassen. Frische kleine
Gluckslaute, die uns zur Besinnung brachten.

So sah ich, als der Pfarrer an ihrer Seite
Sterbegebete wie ein Wilder rezitierte,
Und manche weinten, manche respondierten,
Wieder ihren Kopf, der sich zu meinem neigte,
Ihren Hauch in meinem, die flinken nassen Klingen,
Nichts konnte uns je einander näher bringen.


(dt. von Ditte und Giovanni Bandini, aus: Seamus Heaney, Die Amsel von Glanmore. Gedichte 1965-2006, herausgegeben von Michael Krüger, Fischer Verlag, 2011)

Weitere Lektüre:

Jan Wagner, Regentonnenvariationen. Gedichte, Hanser Berlin, 2014.

Jürg Halter: Wir fürchten das Ende der Musik. Wallstein Verlag, Göttingen 2014.

Seamus Heaney, Verteidigung der Poesie. Oxford Lectures, Edition Akzente im Hanser Verlag, 1996.

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