Tagtigall

In den sonnigen Welt

Die Lyrikkolumne. Von Marie Luise Knott
29.04.2015. Ein unfertiges Gedicht von Ernst Jandl: Auch wenn es aus formalen oder thematischen Gründen in keinen seiner Gedichtbände Eingang fand, gibt es doch mehrere Fassungen.
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ich gern hätten sterben
in mein muttern seinen arm
sein aber nur noch einigen knochen wahrscheinlichen
und sein doch gewesen ein wärmenden sonderbar.
so ich jetzt schreien ununterbrochnenen
ich ununterbrochenen schreien hinaus in den sonnigen welt;
aber nicht ich zerbrechen mit meinen schreienden
den glasernen wand
nicht ich zerbrechen den glasernen panzern den trennen mich
trennen von denen verjungenden welt

so ich jetzt ununterbrochenen schreien hinaus
in den sonnigen welt und lassen den klagen denen alten


Ein unfertiges Gedicht von Ernst Jandl, das ohne Titel in seinem Nachlass im Österreichischen Staatsarchiv erhalten geblieben ist. Auch wenn es aus formalen oder thematischen Gründen in keinen seiner stets skrupulös komponierten Gedichtbände Eingang fand, gibt es doch mehrere Fassungen, die Einblicke in seine Wortkunst gewähren. Auf dem ersten handschriftlichen Entwurf hat Jandl um die Buchstaben herum viel Weißfläche gelassen, Landeplatz für Einfälle - für Streichungen, Ergänzungen, Variationen. Irgendwann hat er das Handschriftliche in zwei sich kaum unterscheidenden Varianten abgetippt, doch dann ist das Gedicht auf der Strecke geblieben, nur warum?

Hier die anfängliche handschriftliche Fassung (soweit aus der Buch-Abbildung rekonstruierbar):

ich hätten gern sterben
in mein muttern arm
sein aber nur noch einigen knochen
und waren doch ein warmen sonderbar.
so ich jetzt schreien
ich jetzt schreien hinaus in den sonnigen Welt
sein du mein Muttern
sein du mein Muttern
und lassen den klagen denen alten
aber nicht ich zerbrechen mit meinen schreien den glasenden wand
nicht den glasenden panzern den mich trennen von den jungenden


Der Dichter betritt den Wald der Sprache, so Paul Valéry, mit dem expliziten Anliegen, darin verloren zu gehen. Jandls Kompositionsprozess aus Hinzufügen und Weglassen handelt von solchem Gehen, genauer davon, wie lyrischer Impuls in klangliche Vision überführt wird. Der Unterschied der Fassungen springt ins Auge. Allein die erste Zeile: Die Umstellung erzeugt Rhythmus; sie betont das sehnende "gern" und schwächt die Finalität, das Sterben. Auch sonst ist die sprachmaterielle Modellierungsarbeit offensichtlich. Das "sein" in der zweiten Zeile ist ein Leihstück aus der Mundart. Außerdem lässt dieses eingefügte besitzanzeigende "sein" das Infinitiv "sein" der nächsten Zeile vorwegtönen und verbindet sich nicht zuletzt durch die Wiederholung klanglich eng mit dem Wort "schreien", das unmittelbar nach dem "wärmenden Sonderbar" ins Zentrum des Gedichtes rückt.

Manche Worte scheinen mit der ersten Niederschrift unumstößlich, als seien sie das Gerüst des Impulses: sterben, arm, knochen, sonderbar, schreien, sonnigen welt, klagen, panzer. Andere Worte werden moduliert, aus "schreien" wird "schreienden", aus "jungen" wird "verjungenden", usw. Wieder andere Worte kommen neu hinzu - allen voran das wiederholte "ununterbrochenen", das neben dem stotternden Charakter auch das kurze (Gottes-) "O" aus "sonnigen", "knochen" und "sonderbar" verstärkt.

Das Lyrische Ich ist zu schwach, der Einzelne zu fragil, er hat - wie in vielen Jandl-Gedichten - nicht die Kraft, das Verb zu beugen; auch die Artikel sind im Gedicht stoisch unbezogen (den, denen). So geraten die Worte im Satz einander in die Fremde. Das frühkindliche "ununterbrochene" Schreien ist das Atmen des verletzten Lebens.

Auffällig ist die Streichung der Doppelzeile: "sein du jetzt mein muttern". An wen richtete sich dieser kindliche Wunsch? - Die Mutter ist der einzige Mensch, der nie in unser Leben getreten ist, weil sie immer schon da war. Jandl hatte seine Mutter Luise verloren, als er 14 war, und ihrer, die ihn zum Schreiben animiert hatte, verschiedentlich gedacht. "Laut und Luise" lautet der Gedichtband, der ihm den Durchbruch brachte. In einem anderen unfertigen Gedicht betrauert er, dass er das Leben nicht einrollen kann "wie einen Teppich", nämlich "zurück bis zum siebenten Jahr". "bis zuletzt", so wünscht sich das Ich, solle die Mutter an seiner Seite sitzen - "lächelnd unter tränen". "deine arme / halten mich. deine arme / halten mehr als ich bin.", heißt es einmal bei Jandl.

"in mein muttern seinen arm", liest man. In den Armen der Mutter wächst man als Kind in die Welt hinein - als Neuankömmling, als Fremdling, dem die Sprache nur langsam durch Hörensagen zuwächst, weshalb Kinder wie Fremde sich immer wieder mit falschen Analogiebildungen ("schreienden") und unflektierten Verben behelfen. Jandl holt sich künstlich diesen Zustand der Spracherlernung zurück, er verlässt mutwillig die domestizierten Worte, die ihm als "Hochsprache" normgeleitet zur Verfügung stehen, treibt sie sich aus, zugunsten einer Sprache, die er "heruntergekommen" nennt. die Buchstaben dürfen aus ihren Wörtern, die Wörter dürfen aus ihren Sätzen heraus.

Der Autor setzt auf neues Hineinhorchen ins Sprachmaterial. Ein Gedicht, das seinen Autor nicht wegen seiner Form ins KZ gebracht haben würde, besäße für ihn keinen Wert, soll er einmal gesagt haben. Hier jedenfalls schafft er einen Sprachakt aus Fremddeutsch, Mundartdeutsch und Kinddeutsch, aus Stottern und Wiederholen, denn Sprache hat Anteil am lebenslangen Versuch, sich in der Welt ein wenig zurecht zu kennen. Die sprachlichen Mittel dieses Gedichts, allen voran die (falschen) Analogiebildungen, dienen der Eroberung von Unbekanntem durch Bekanntes.

Wir sind nur Gast auf Erden, tönte es in der Kirche in Jandls Kindheit. In der säkularisierten Welt, in der die Rituale des Umgangs mit dem Sterben und den Toten, die wie ein Gewand die Trauernden umhüllen und geleiten sollten, abhanden gekommen sind, stehen wir nackt, entblößt vor der Tatsache unseres Todes. Von dem Hineinhören in solche Entblößung handelt das unfertig gebliebene Gedicht. Schon beim ersten Lesen erschrickt man: Dass einer das kann, sich in das Sprachkleid des Ankömmlings zu hüllen, um, derart geschützt, umso ungeschützter die Dinge ansprechen zu können. Dichter sagen es besser, als wir es können.

ohne fremde hilfe
Ernst Jandl

manchmal ich spüren
einen sollten kommen
und mir was schreiben
auf den leeren blatt weil ich nicht selber es können
aber es kommen keinen
der das an meiner statt
tun tat
das du schon selber machen müssen
sagen in mir ein stimmen
und ich fallen auf bett hin
oder ich sitzen vor schreibmaschin
und lassen meinen fingern
bißchen klappern.


***

Gedicht und Abbildung des Manuskriptblattes in: Ernst Jandl, Musik Rhythmus Radikale Dichtung, Reihe Profile, Band 12, Bernhard Fetz (Hg.) Magazin des Österreichischen Literaturarchivs, Wien 2005.
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