Tagtigall

Fagissess!

Die Lyrikkolumne. Von Marie Luise Knott
13.12.2017. Vom Sterben der Bienen, dem Leben der Fächerflügler, verlassenen Inseln und Gesprächen zwischen Piraten und Papageien - Lyrikempfehlungen
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Von Fritz Mauthner stammt der Satz, Sprache sei zwar zur Kommunikation geeignet, jedoch nicht zur Erkenntnis von Wahrheit oder Wirklichkeit; mit Namen und Gestalten lerne der Mensch nur den "Schleier der Maya" kennen. Dass Sprache mehr verschleiert als sie enthüllt, dürfte als sicher gelten. In der Dichtkunst nun wird die Sprache aufgebrochen und der Schleier gerät in Bewegung. So bei Brigitta Falkners "Strategien der Wirtsfindung", in diesem Herbst bei Matthes & Seitz Berlin erschienen. Ausgangspunkt ist ein Naturphänomen, das jeder kennt: die Parasiten - Wesen, die dadurch leben, dass sie sich Fremde als Wirte erwählen, sich in sie hineinfressen, ohne Rücksicht darauf, dass sie diese in den Ruin wirtschaften. Staubläuse treiben ihr Wesen in Folianten, die CYMOTOHOA EXIGUA krallt sich an eine Fischzunge, Zecken saugen sich fest und fett, Blattläuse fressen die Bäume kahl und Flechtenbären attackieren Fledermäuse, während, wie die Autorin schreibt, die Varoamilbe, VARROA DESTRUCTOR genannt, "arglose Larven befällt / und in der Nektar / schlürfenden Welt / der Bienen Einzug hält".


Illustration von Brigitta Falkner aus dem besprochenen Band

Tatsächlich scheint nicht selten Arglist im Spiel. Es geht um Attacken, Überwältigungen, feindliche Übernahmen. Eigentlich will Mensch das alles nicht so und nicht so genau wissen, doch Falkner hält drauf und umhüllt den mörderischer Prozess mit der Sanftheit und Schönheit des Klangs, hier: "befällt", "Welt" und "hält". Der aufs Präziseste komponierte Band, in 12 Kapitel unterteilt, lebt aus Beobachtung und Wissenssuche. Der Schmarotzer an sich ist abstoßend, die Autorin eine Parasiten-Papparazza? Ein Stalkerin, die im Dschungel der Natur Ortskunde betreibt.

"Der erfolgreiche Endoparasit trägt Tarnkleidung aus wirtseigenem Gewebe", lautet eine der Überschriften; es folgt:

Die Larve des Fächerflüglers Stichotrema Dalatorreanum dringt in den Körper der Laubheuschrecke Segestidea Novaeguineae, indem sie fortgesetzt mit dem Kopf gegen die Außenhülle ihres Opfers schlägt. .... Von der wirtseigenen Epidermis umhüllt ... dringt der Parasit, vom Immunsystem seines Wirtes nicht als Eindringling erkannt, immer tiefer ins Innere der Laubheuschrecke vor.


Illustration von Brigitta Falkner aus dem besprochenen Band

Wie Voyeure umstellen die Worte die Grausamkeiten. Ausufernde Substantiv-Reihungen inszenieren die Artenvielfalt, bewegte Verben (durchdringen, hervorschnellen, auftauchen, entschlüpfen) geben der permanenten Mutation der Natur sprachliche Gestalt. Getragen werden die Texte durch die präzise infiltrierten lateinischen Bezeichnungen, die uns die Prozesse durch (reale wie fiktive) wissenschaftliche Exaktheit vom Leibe halten.

Im Stil eines Graphic-Novel hat Falkner die Texte in Zeichnungen gebettet; diese setzen Verstellung und Überwältigung ins Bild: in den Fängen von Winden und anderen wuchernden Strukturen erkennt man Echsen und Schnecken, aber auch Konservendosen und Jeans. Was genau ist heute alles von feindlicher Übernahme bedroht? Brigitta Falkner hat neben dem Schreiben und dem Zeichnen noch eine dritte Komponente geschaffen: die Performanz. Im Internet kann man sich betören lassen von ihrer Lesung:



"Strategien der Wirtsfindung" ist große Lyrik: hochkomplex und hochaktuell. Ein subversives Spiel - Komposition und Kontamination - das sich als Naturkunde tarnt. Zwischen die eigenen Texte hat Falkner Zitate eingefügt: Goethe, Jahn, Lamarck, Adorno wie Schreber. Auch Mauthners Satz, es gelte, aus der Wissenschaft die latenten metaphysischen Grundlagen zu eliminieren, findet sich und nistet sich in uns ein. Irgendwann ist klar: nicht nur Bienen oder Laubheuschrecken sind als Spezie bedroht, sondern offensichtlich auch Gedanken und Text - und das schreibende Ich:

Bevor ich verschwand,
wie die Milbe,
die im Sog der Saugkraft
den Weg ins Saugrohr
der Gerätschaft fand;
bevor ich verstummte
und kein Wort mehr,
keine gereimte Silbe
über die Belange
der Milbe verlor,
saß ich abseits der Menge
fern dem Gedränge
im Teppichflor
und las
Die Gesänge
des Maldorodor.

Mit "Maldorodor" schwingen Lautréamonts grausame Verse von der "Sonne des Bösen" hinein. Falkners Sprache ist allen Wirklichkeiten zugewandt. Schließlich ist Abschottung keine Lösung. Nirgends. Was vermag die Schönheit? Schließlich gibt es auch die Schönheit der Parasiten, weshalb Falkner nicht von ungefähr daran erinnert, dass die weichen Epithelzellen der Muscheln durch Eindringlinge animiert werden, Perlen zu bilden.


Fremde Sprachen

Zitieren heißt sich begegnen. Auf der Suche nach Aufbrüchen besiedeln zeitgenössische Dichter ihre Verse nicht selten mit Zitaten, auch aus Gesängen und diversen Fachsprachen; oder sie spielen mit der Sprache als Fremder, wie jüngst der Dichter Eugene Ostashevsky. Geboren in Petersburg, richtiger: Leningrad, kam er mit 11 Jahren nach New York. Derzeit lebt er meist in Berlin und Paris. Er ist ein großer Performer seiner Werke und ein großartiger Übersetzer russischer Avantgarde-Literatur. Aber zuallererst ist er Dichter. Viele seiner Text haben Paare zu Protagonisten, die je auf ihre Weise demonstrieren, in welchem Ausmaße Kommunikation ein Ding der Unmöglichkeit und dennoch das Sprechen bitter nötig ist. Schließlich ist Sprache ein Mittel, in der die menschliche Verschiedenheit sich austragen und aushandeln lässt.

Ostashevskys jüngster Gedichtband, dieses Jahr bei Kookbooks erschienen, handelt von einem Piraten und einem Papagei - a pirate and a parrot. Die Konsonanten verbinden, die Vokale trennen den Räuber der Meere und den Räuber der Sprache. Der Titel: rätselhaft. "Der Pirat, der von Pi den Wert nicht kennt" funktioniert nach dem bekannten Prinzip des Sprachwitzes, des "pun-dits". Ähnlich wie wir als Kinder fragten: "Wie viele Elefanten passen in einen Käfer?" beginnt Ostashevsky sein Buch: "Wie viele Piraten braucht es, um von Pi den Wert zu errechnen?" Niemand erwartet eine vernünftige Antwort auf solche Fragen: bei Ostashevsky setzt die Frage Geschichten, Beobachtungen und Überlegungen in Gang, unterbrochen von Gesprächen, erfundenen Piratenliedern, absurden Dialogen. Fragen der Geistesgeschichte ragen hinein: Etwa ob man überhaupt eine fremde Erfahrung verstehen könne? Und was eigentlich den Mensch vom Tier unterscheide, oder das Verhältnis von Mensch und Tier bei Wittgenstein.

Neben der Internet-Piraterie ist natürlich auch Stevensons "Schatzinsel" Thema: Als Pirat und Papagei auf einer Insel stranden, dekonstruieren sie, welche Strategien sprachlicher Ausgrenzung in Begriffen wie Eingeborene, Flüchtlinge und Muttersprache stecken.

- Meinst du, auf dieser Insel leben irgendwelche Indigenen?
- Wenn ja, werden wir sie nicht verstehen. Oder sie uns.
Indigene haben nie gesunden Menschenverstand. Hätten sie gesunden Menschenverstand würden sie auswandern.
- Aber Papagei, warum sollten sie auswandern.
- Aber Pirat, warum sollten sie nicht auswandern. Sollen sie ihr ganzes Leben lang hier rumsitzen. Haben sie keine zweite Chance verdient?
- ... Arme Indigene! Arme, arme Indigene! Arme, fotogene, insgeheeme, kenstukeene Indi-
- … Hau weg die Gene, Mister Empathene! Was, wenn sie auftauchen und unsere Visa sehen wollen ...

Mit allem, was das Zeug hält - inklusive schwarzem Humor - durchsegelt das ungleiche Paar die Stürme des Daseins und zeigt, dass Zustände wie "disparate" und "desperate" - ungleich und verzweifelt - manchmal nur zwei Buchstaben entfernt liegen. Und "boarding" nicht nur für eine Schule, sondern auch fürs Boot verwandt wird. Jedes Internat ein Enternat? erschwindeln sich die Übersetzerinnen grandios gekonnt diese im Deutschen nicht existente sprachliche Verwandtschaft.

Ostashevsky bringt die Nichtkommunikation in der Kommunikation zur Aufführung. Ideen und Sprechweisen werden geentert, gekapert. "I Parrot" sagt der Autor in einem Interview über die vielen Stimmen und Soziolekte im Buch. Wie soll man das übersetzen? "Fagissess", krächzt der Papagei an einer Stelle des Buches: "Fagissess". Großartig inspiriert haben Monika Rinck und Uljana Wolf die Geschichte vom parrot und pirate ins Deutsche übertragen. "Werden wir existieren, wenn das Buch fertig ist?" fragt der parrot irgendwann, und der pirate antwortet: "Wenn es ein gutes Buch ist." Ostashevskys "Der Pirat der von Pi den Wert nicht wusste" ist unterhaltsam und sprachmächtig und geistreich. Doch vor allem ist das Buch ganz von heute, grenzüberschreitend und zutiefst human.


***

Zum Weiterlesen und Weitersehen:

Brigitta Falkner, Strategien der Wirtsfindung, MSB Berlin 2017, 202 Seiten, 35,90 Euro.

Eugene Ostashevsky, Der Pirat, der von Pi den Wert nicht kennt. Gedichte, aus dem Amerikanischen Englisch von Monika Rinck und Uljana Wolf, kookbooks 2017, 114 Seiten, 19,90 Euro.

Ders., The Life and Opinions of DJ Spinoza, Ugly Duckling Press 2009. Auf der Seite des berliner künstlerprogramms des daad findet man mehrere Auftritte von Eugene Ostashevsky zu Pirat und Papagei.


Weitere Empfehlungen:

Daniel Bayerstorfer, Gegenklaviere, Hochroth Verlag, 56 Seiten, 8 Euro.

China Box. Neue Lyrik aus der Volksrepublik, hg. von Lea Schneider, Illustrationen von Yimeng Wu, Edition Polyphon, Verlagshaus Berlin, 2017, 2 x 200 Seiten, 24.90 Euro  

Thomas Kunst, Kolonien und Manschettenknöpfe. Gedichte, Suhrkamp Verlag, 120 Seiten, 20 Euro

Milena Markovic, bevor sich alles zu drehen anfängt. Gedichte, aus dem Serbischen von Peter Urban, Edition Korrespondenzen, 96 Seiten, 19 Euro.

Jürgen Nendza, picknick. gedichte, Poetenladen, 72 Seiten, 17.80 Euro

Gertrude Stein. Das große Lesebuch, hg. von Uda Strätling, übersetzt von Barbara Köhler, Ernst Jandl, Marcel Beyer, Oskar Pastior, UdaSträtling, Ulf Stolterfoht. Fischer Klassiker, Seiten, 14 Euro.

Matthew Sweeney, Hund und Mond. Gedichte, aus dem Englischen von Jan
Wagner, Hanser Berlin 2017, 144 Seiten, 18,50 Euro

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