
Als die
FAS neulich eine Liste der wichtigsten deutschen Intellektuellen herausbrachte (unser
Resümee) fehlte
Marko Martin, obwohl er der einzige ist, der in jüngster Zeit mal richtig mit einem Repräsentanten aneinanderrasselte (Steinmeier nahm's
nicht so sportlich). Seine argumentative Munition bezieht er von Camus, Giordano und immer wieder
André Glucksmann, dessen letzte Bücher nicht mal mehr ins Deutsche übersetzt worden waren. An Glucksmann schätzt er gerade das
Antisystematische,
Konkrete seiner Vernunft, erklärt er in einem schönen und langen Gespräch mit Christoph David Piorkowski. "Das ist das Entscheidende. Nicht Rettung, nicht Untergang, nicht Avantgarde, nicht letzte Generation, nicht all diese träumerischen oder
dröhnenden Maximalbegriffe, sondern beständiges Basteln, Reparieren." Falsche Totalisierung entdeckt Martin in vielen aktuellen Diskursen, besonders aber beim modischen Genozidvorwurf gegenüber Israel. "Gerade in Deutschland geht es dabei häufig um eine
entlastende Relativierung des Holocaust, nach dem Motto: Ihr macht inzwischen doch das gleiche, und so weiter. Aber auch in anderen Ländern vollzieht sich eine Auslagerung von Schuld. Frappierend zu beobachten, dass
Menschen in Spanien, die sich selbst im intellektuellen studentischen Milieu kaum je mit ihrer eigenen Kolonialgeschichte auseinandergesetzt haben, dass
Menschen in Italien, in denen die Kolonialverbrechen etwa des Abessinien-Krieges bis heute kaum thematisiert werden, dass all diese Zeitgenossen plötzlich derart darauf versessen sind, sich in Palästinensertücher zu gewanden und Israel des Völkermords zu bezichtigen. Mit diesen Entlastungsprojektionen schreiben sie ein neues Kapitel in der Geschichte der dämonisierenden Judenfeindschaft."