Magazinrundschau - Archiv

Philomag

2 Presseschau-Absätze

Magazinrundschau vom 07.10.2025 - Philosophie Magazin

Als die FAS neulich eine Liste der wichtigsten deutschen Intellektuellen herausbrachte (unser Resümee) fehlte Marko Martin, obwohl er der einzige ist, der in jüngster Zeit mal richtig mit einem Repräsentanten aneinanderrasselte (Steinmeier nahm's nicht so sportlich). Seine argumentative Munition bezieht er von Camus, Giordano und immer wieder André Glucksmann, dessen letzte Bücher nicht mal mehr ins Deutsche übersetzt worden waren. An Glucksmann schätzt er gerade das Antisystematische, Konkrete seiner Vernunft, erklärt er in einem schönen und langen Gespräch mit Christoph David Piorkowski. "Das ist das Entscheidende. Nicht Rettung, nicht Untergang, nicht Avantgarde, nicht letzte Generation, nicht all diese träumerischen oder dröhnenden Maximalbegriffe, sondern beständiges Basteln, Reparieren." Falsche Totalisierung entdeckt Martin in vielen aktuellen Diskursen, besonders aber beim modischen Genozidvorwurf gegenüber Israel. "Gerade in Deutschland geht es dabei häufig um eine entlastende Relativierung des Holocaust, nach dem Motto: Ihr macht inzwischen doch das gleiche, und so weiter. Aber auch in anderen Ländern vollzieht sich eine Auslagerung von Schuld. Frappierend zu beobachten, dass Menschen in Spanien, die sich selbst im intellektuellen studentischen Milieu kaum je mit ihrer eigenen Kolonialgeschichte auseinandergesetzt haben, dass Menschen in Italien, in denen die Kolonialverbrechen etwa des Abessinien-Krieges bis heute kaum thematisiert werden, dass all diese Zeitgenossen plötzlich derart darauf versessen sind, sich in Palästinensertücher zu gewanden und Israel des Völkermords zu bezichtigen. Mit diesen Entlastungsprojektionen schreiben sie ein neues Kapitel in der Geschichte der dämonisierenden Judenfeindschaft."

Magazinrundschau vom 25.06.2024 - Philosophie Magazin

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Die Philosophin Lea Ypi hat mit ihrem Projekt des "moralischen Sozialismus" mehrere Tage lang das Myriam-Makeeba-Auditorium des Hauses der Kulturen der Welt gefüllt. Wer mit Marx glaubte, das Sein bestimme das Bewusstsein liegt demnach nicht ganz richtig. Liest man das Gespräch, das Friedrich Weißbach mit der albanisch-britischen Autorin führt, erfährt man eher, dass es auf das richtige Denken ankommt: "Die interessante politische Frage dreht sich" laut Ypi "nicht nur um die Verteilung der materiellen Ressourcen, sondern auch um den vorherrschenden Diskurs und die intellektuelle Hegemonie. Wenn wir bei einer orthodoxen Analyse bleiben, haben wir Schwierigkeiten zu erklären, was jemanden wie Engels dazu bewog, sich der Arbeiterklasse und nicht der bürgerlichen Klasse, in die er hineingeboren worden war, anzuschließen. Mit Kant kann man sagen, er tat es, weil es etwas gibt, was wir alle verstehen, nämlich die Moral. Das System, in dem wir leben, untergräbt die Moral, es fördert das Profitstreben, macht Menschen zur Ware und normalisiert eine strukturelle Unterdrückung." Immerhin aber beruft sie sich auf den Universalismus Kants und Marx' und bietet somit vielleicht auch linken Aspirationen einen Ausweg aus dem Kulturrelativismus der Postkolonialen: Es habe stets einen "einen Drang in den Menschen" gegeben, "der sich nicht auf das reduzieren ließ, was sie gelernt hatten oder womit sie sozialisiert wurden. Dieser Drang ermöglichte es ihnen, über ihre Umgebung hinauszugehen und kritische Fragen zu stellen. Und genau das ist es, was es bedeutet, einen moralischen Standpunkt zu haben."