Magazinrundschau - Archiv

Nepszabadsag

215 Presseschau-Absätze - Seite 22 von 22

Magazinrundschau vom 07.12.2004 - Nepszabadsag

"Modellieren, Kausalitäten erkennen, Wahrscheinlichkeiten und Risiken einschätzen, planen, experimentieren und die Konsequenzen ins Modell einbauen zu können. Sie glauben bestimmt, das wäre hier der Semesterplan eines Philosophiekurses an der Universität. Nein, das ist die Liste der künftig benötigten Fähigkeiten, um das kleine Lebensmittelgeschäft an der Ecke effektiv betreiben zu können" - schreibt die junge Kunsthistorikerin und Essayistin Eszter Babarczy in der größten Tageszeitung Ungarns. Sie erklärt das digitale Planspiel zum Bildungsmedium der Zukunft. Planspiele können nämlich komplexe Syteme allgemein verständlich simulieren und das Konzept "handelnd lernen" umzusetzen. Als Beispiele erwähnt die Autorin ein für Jugendliche entworfenes Planspiel der UNO über internationale Konfliktlösungsstrategien und die Planspiele zur Modellierung eines Gesundheitssystems (Sim Health) oder ökologischer Systeme (SimEarth). "Ernsthafte Computerspiele" - "Entertaining Games with Non-Entertainment Goals" - haben inzwischen schon einen internationalen Verein, wie auch die "Computerspiele mit einer gesellschaftlichen Wirkung". Die ungarische Regierung stellte - zeitgleich mit den Debatten über das neue Haushaltsgesetz im Parlament - ein Spiel online, in dem man eingeladen wird, Finanzminister zu spielen und den ungarischen Staatshaushalt für 2005 nach Lust und Laune umzuschreiben. Man kann auch die Konsequenzen sowie Haushaltskorrekturen anderer Internetnutzer mitverfolgen.

Magazinrundschau vom 18.10.2004 - Nepszabadsag

In der Wochenendbeilage der größten ungarischen Tageszeitung fragt sich der Politologe Laszlo Lengyel (mehr hier), warum in letzter Zeit besorgniserregende Signale - wie das gute Abschneiden populistischer Parteien in Ostdeutschland und Litauen - aus den politischen Landschaften Ostmitteleuropas kommen. Lengyel diagnostiziert dabei eine Art Opfermythos in Ostmitteleuropa, der externe Faktoren für sämtliche Probleme schuldig erklärt. "Wir, Polen, Tschechen, Litauer, Kroaten, Ungarn sind die Opfer der kommunistischen Unterdrückung. Unser Leben wurde durch das sowjetische System und nach 1989 durch fremde Eliten zerstört. Europa und die westliche Welt ließen uns immer im Stich, das tun sie auch jetzt. Diese nationalen Wutausbrüche lenken uns von unseren eigenen Mißerfolgen, unserem Scheitern ab. Und dann fängt es an - mit der Angst der Polen vor den Polen, mit der Angst der Litauer vor den Litauern, mit der Angst der Ungarn vor den Ungarn. So bilden ein religiöses, nationales, heroisches, sich widersetzendes Polen und ein säkulares, sich nicht auf die Nation besinnendes, sich anpassendes Polen. Und so schwört das eine Ungarn mit der Kokarde der 1848-er Revolution an der Brust ewige Treue dem Kampf gegen das andere."

Magazinrundschau vom 04.10.2004 - Nepszabadsag

Wie sieht sich heute der kleine baltische Staat Lettland? Die Antwort, die der Dichter Knuts Skujenieks in der in mehreren europäischen Tageszeitungen erscheinenden Artikelreihe "Museum Europa" darauf gibt, ist unter anderem ein Foto aus dem Jahre 1958. Darauf ist eine aus der sibirischen Deportation zurückgekehrte Bauernfamilie zu sehen. Außerdem führt er auf: Eine lettische Käsesorte, deren Form die Sonne oder auch das Universum darstellt, einen nur für lettische Bauernhäuser typischen, von zeitgenössischen Designern wiederentdeckten Stuhl und eine Novelle von Vizma Belsevica, in der es um zwei einsame Greisinnen geht, für die in den Zeiten der kommunistischen Diktatur die Vorbereitung auf eine würdige Beerdigung zum Sinn ihres Lebens wird.

Magazinrundschau vom 20.09.2004 - Nepszabadsag

Mit drei zerbrechlichen Klauseln begann die Geschichte des ungarischen Rechtsstaates - erinnert sich die größte Tageszeitung Ungarns in ihrer Wochenendbeilage. Heute vor fünfzehn Jahren wurden die Gespräche am Nationalen Rundtisch beendet. Sie wurden im Frühjahr 1989 von den oppositionellen, heute noch maßgeblichen Parteien FIDESZ, MDF und SZDSZ initiiert, um mit der Staatspartei gemeinsam den friedlichen Wandel in ein demokratisches Mehrparteiensystem auszuhandeln. Am 18. September 1989 wurde bis in die Nacht diskutiert, bis sich die Staatspartei zögernd mit dem Prinzip der Volkssouveränität, den freien Wahlen und dem "Verbot des unmittelbaren Einsatzes militärischer Kräfte durch eine gesellschaftliche Organisation" einverstanden erklärte. Die Gespräche waren gespannt, obwohl die Staatspartei aus den Lauschangriffen alles wusste, was die Opposition sagte, schrieb, dachte und träumte: "Es ist fast sicher, dass sie alles mithörten, was wir hier sagten. Sie waren während der Rundtischgespräche sehr, sehr gut informiert. Sogar meine Formulierungen waren ihnen genau bekannt, die ich in die Vereinbarung aufnehmen wollte. Es war sehr peinlich" - berichtete der Bürgerrechtler Peter Tölgyessy am nächsten Tag der Opposition über die Gespräche am Runden Tisch.

Magazinrundschau vom 27.09.2004 - Nepszabadsag

Die dänische Tageszeitung Politiken hat Künstler aus den 25 EU-Ländern gebeten, ein Gemälde, ein Foto, eine Person, einen Gegenstand, einen Text, ein Musikstück, ein Gedicht, ein Gericht, einen Ort und ein Ereignis zu wählen, die ihrer Meinung nach beschreiben, wie ihr Land sich selbst sieht. Die Selbstporträts erscheinen jetzt in mehreren europäischen Tageszeitungen gleichzeitig: in der niederländischen Trouw, in der norwegischen Dagsavisen und in der ungarischen Nepszabadsag. In dieser Woche erfahren wir endlich von dem Dramatiker und Kunsttheoretiker Herkus Kuncius, was wir schon immer fragen wollten, nämlich: warum Kartoffeln in Litauen fast heilig sind, wieso die Gründung von Vilnius durch den Traum von einem heulenden Wolf angeregt wurde und was für eine euphorische Wirkung das Volkslied "Die Litauer galoppieren im Gebirge" manchmal bei den Singenden auslösen kann.