Intervention

Schillernder Verlierer

Von Richard Herzinger
12.08.2025. Vor 85 Jahren holte Ramon Mercader mit dem Eispickel aus und zertrümmerte Leo Trotzki, der im mexikanischen Exil als eine Art streng überwachter Sektenguru lebte, den Schädel. Seinen Mythos zertrümmerte er nicht,. Trotzki wurde zur Projektionsfigur einer romantischen Linken, die hoffte, einen Totalitarismus ohne Opfer oder zumindest ohne die graue Anmutung des Stalinismus errichten zu können - Trotzki selbst übrigens hatte sich von seinem "Roten Terror" nie distanziert.
Vor 85 Jahren zertrümmerte Ramon Mercader mit einem Eispickel den Schädel Leo Trotzkis, der einst neben Lenin der mächtigste Mann der jungen Sowjetunion gewesen war. Das bizarre Mordgerät hatte der Attentäter unter einem Regenmantel verborgen, den er an diesem heißen 20. August 1940 auffälligerweise nicht ablegen wollte. 

Mercader, der auch unter dem Namen Frank Jacson auftrat, hatte sich als belgischer Geschäftsmann namens Jacques Mornard ausgegeben und war zur Tarnung eine Liebesbeziehung mit einer amerikanischen Anhängerin Trotzkis eingegangen. So konnte er sich Zugang zu dem scharf bewachtem Haus in Mexiko City verschaffen, das die letzte Zuflucht des mittlerweile 61-jährigen exilierten Revolutionärs war.

In Wahrheit war der Mörder Spanier und Agent des sowjetischen Geheimdienstes NKWD, von dem er in Moskau den Auftrag erhalten hatte, Trotzki umzubringen - obwohl dieser doch längst jeglichen realpolitischen Einfluss verloren hatte. Als Stalin ihn 1929 aus der Sowjetunion ausweisen ließ, war noch vorstellbar, dass der Diktator eines Tages stürzen und sein Erzrivale triumphal an die Macht zurückkehren könnte. 

Doch ein gutes Jahrzehnt und mehrere Stationen seines Exils später, das ihn über die Türkei, Dänemark und Frankreich nach Mexiko geführt hatte, waren Trotzkis tatsächliche oder angebliche Anhänger in der Sowjetunion liquidiert oder in Arbeitslager verschleppt worden. Mächtig erschien er nur noch in den propagandistischen Wahnbildern des stalinistischen Herrschaftsapparats, der ihn zum Kopf einer gigantischen "faschistischen" Verschwörung gegen die Sowjetmacht gestempelt und die Ausrottung des "Trotzkismus" zum Leitmotiv der großen "Säuberungen" der 1930er Jahre gemacht hatte.

Trotzki dirigierte jetzt nur noch kleine bis winzige Parteien und Gruppen in aller Welt, die er 1938 in einer "Vierten Internationale" zusammenschloss. Mit dogmatischer Strenge wachte er darüber, dass sich in ihren Reihen keine Abweichungen von der reinen Lehre des Leninismus durchsetzen konnten, als deren berufener Hüter er sich selbst betrachtete. Doch besaß Trotzki nur noch die Macht des Wortes, um seine nicht selten wirre Gefolgschaft zu disziplinieren. Bald waren die trotzkistischen Gruppierungen daher hauptsächlich mit inneren Fraktionskämpfen um die richtige Auslegung der Gedanken des Meisters beschäftigt und spalteten sich in immer mehr konkurrierende Richtungen auf.

Dennoch reichte Trotzkis Ruhm und Ansehen auch in seiner letzten Lebensphase noch über die Grenzen engstirniger Politzirkel hinaus. Für nicht wenige Linksintellektuelle, die von der totalitären Uniformität des offiziellen Kommunismus abgestoßen waren, avancierte er zu einer attraktiven Projektionsfigur ihrer romantischen revolutionären Sehnsucht. Im Kontrast zu dem übermächtigen stalinistischen Terrorapparat erschien ihnen der nur noch auf sich selbst und seine intellektuellen Fähigkeiten gestellte Trotzki wie die reine, unbefleckte Seele der Revolution. In den Hintergrund trat dabei, dass er selbst wesentlich zum Aufbau jenes totalitären Machtgebildes beigetragen hatte, das sich unter Stalin zu einer Vernichtungsmaschinerie ungeahnten Ausmaßes auswuchs, die bald auch die alte bolschewistische Führung zermalmen sollte.

Obgleich sich Trotzki als Organisator des bolschewistischen Oktoberputschs 1917, als "Volkskommissar" und Gründer der Roten Armee durch Maßnahmen wie die "Militarisierung der Arbeit" und durch die Propagierung des "Roten Terrors" hervorgetan und sich so als skrupelloser Gewaltmensch entpuppt hatte, galt er nun aufgrund seiner literarischen Fähigkeiten und kulturellen Bildung als eine Art revolutionärer Schöngeist, der sich weit über die Niederungen gleichgeschalteten doktrinären Denkens erhob. Er selbst indes wies bis zuletzt jede Kritik an seinen einstigen Umtrieben als Ausfluss eines überholten "bürgerlichen Humanismus" zurück. Unerbittlich verteidigte er etwa die Liquidierung der Matrosen von Kronstadt, die sich 1921 gegen die bolschewistische Diktatur erhoben hatten, und die nach ihrer Gefangennahme auf seinen Befehl erschossen worden waren.

Trotzki bediente auch die ästhetischen Bedürfnisse linker Abweichler von der kommunistischen Parteilinie, indem er sich vom stumpfsinnigen stalinistischen Dogma des "sozialistischen Realismus" distanzierte und die künstlerische Avantgarde zum revolutionären Potenzial erklärte. Der Maler Diego Rivera und der Surrealist André Breton verfassten sogar mit ihm gemeinsam ein "Manifest für eine unabhängige revolutionäre Kunst".

Besonders eine Reihe von führenden amerikanischen - und namentlich New Yorker - Intellektuellen waren in den 1930er Jahren von Trotzki fasziniert. Namhafte Literaten wie Sidney Hook, Mary McCarthy, Irving Howe und Lionel Trilling, die sich um die Zeitschrift Partisan Review scharten, sowie spätere liberale und "neokonservative" Antikommunisten wie Max Schachtman, James Burnham und Irving Kristol hingen zu dieser Zeit den Ideen Trotzkis an. Viele von ihnen waren - wie der als Lew Dawidowitsch Bronstein in der Ukraine geborene Trotzki - Juden, die ihre jüdische Identität jedoch zugunsten eines "proletarischen Internationalismus" hinter sich gelassen zu haben glaubten. Gleichwohl dürfte ihnen nicht entgangen sein, dass sich in den stalinistischen Hasstiraden gegen Trotzki nicht zuletzt ein brutaler Antisemitismus austobte.

Mit Trotzki konnten sich radikale Intellektuelle der geistigen Unterwerfung unter den offiziellen kommunistischen Apparat entziehen, ohne sich als "Verräter" an der "guten" kommunistischen Sache fühlen zu müssen. In diesem Sinne erlebte der Trotzki-Mythos in den rebellischen 68er-Jahren noch einmal eine Renaissance. Der Dramatiker Peter Weiss präsentierte den schillernden Verlierer der Geschichte in seinem Stück "Trotzki im Exil" (1970) als einsamen Bewahrer der ewigen Flamme der Revolution in düsterer Zeit. Und dieses geschönte Bild vom tragisch gescheiterten Weltrevolutionär wird weiterwirken, so lange der Glaube fortlebt, es könne jenseits aller Erfahrungen mit dem totalitären Sozialismus dereinst doch noch so etwas geben wie die wahre egalitäre Erlösung der Menschheit.

Richard Herzinger

Der Autor arbeitet als Publizist in Berlin. Hier seine Seite "hold these truths". Wir übernehmen in lockerer Folge eine Kolumne, die Richard Herzinger für die ukrainische Zeitschrift Tyzhden schreibt. Der Link zur Originalkolumne folgt.