Intervention

Ohne den Hauch eines Bewusstseins

Von Thomas Stern
04.08.2025. 200 deutsche  Fernsehprominente schreiben einen Aufruf an Friedrich Merz unter dem Titel "Lassen Sie Gaza nicht sterben". Sie haben keine Zeit, an die israelischen Opfer zu denken, deren Ermordung die Hamas in euphorischen Videos feierte, denn sie müssen Israel daran hindern, "Millionen von unschuldigen Menschen auf brutalste Weise kollektiv zu bestrafen". Interessant ist, was der Aufruf alles nicht fordert. Eine Replik
200 Personen aus dem deutschen Entertainmentsektor haben am vergangenen Donnerstag einen an Friedrich Merz gerichteten offenen Brief veröffentlicht, in dem dieser unter anderem dazu aufgefordert wird, alle deutschen Waffenexporte nach Israel zu stoppen, und von Israel einen sofortigen Waffenstillstand zu verlangen.

Der offene Brief enthält zwei Sätze, die den Autoren offenbar besonders wichtig waren, wird doch modular mal der eine, mal der andere jeweils als Überschrift verwendet oder ans Ende gesetzt, je nachdem, ob man die volle Version auf Avaaz oder die Digest-Version auf Instagram liest (man konnte sich anscheinend nicht entscheiden, von welchem der beiden man nun mehr begeistert war).

Einer dieser Sätze lautet "Haben Sie den Mut dazu, Herr Merz?"

Das Regierungsoberhaupt des viertreichsten Landes der Erde braucht also "Mut", um Druck auf Israel auszuüben. Anscheinend verfügen israelische Interessen (obschon sie die UN und die meisten ihrer Mitgliedsstaaten gegen sich haben) über so viel Macht, dass sie aus dem deutschen Bundeskanzler einen Underdog machen, dem erst einmal von Pro7-Moderatoren und dem einstigen "Melitta-Mann" Mut zugesprochen werden muss, bevor er es wagt, aufzubegehren. Aber vielleicht sind es ja gar nicht der jüdische Staat (und auch nicht das Weltjudentum), die Friedrich Merz den Mut rauben, sondern ideologische Hemmungen? Möglicherweise soll er ja, wie die Rechte es ausdrücken würde, vom "Schuldkult", oder, wie die Linke es ausdrücken würde, vom "Judenknacks" befreit werden.

Der andere exponierte Satz lautet: "Lassen Sie Gaza nicht sterben, Herr Merz".

Auch hier stellt sich die Frage, was genau gemeint ist.

Gaza als politische Entität? Diese ist seit zwei Jahrzehnten, gegenwärtig, und in der Zukunft, die eintreten würde, wenn den Forderungen der Briefschreiber nachgegeben würde, gleichbedeutend mit der Hamas, und nichts als der Hamas; und damit eine Basis zur Organisation großangelegten Judenmords. Als solche ist ihr "Überleben" also mit der Sicherheit Israels nicht vereinbar, wie seit dem 7. Oktober 2023 (und dem offen geäußerten Wunsch, diesen zu wiederholen) jedem klar sein sollte (frei nach der Punkband Slime: "Gaza muss sterben, damit wir leben können").

Wenn andererseits die Bevölkerung Gazas gemeint ist, würde das in dieser Totalität der Formulierung bedeuten, dass der Genozidvorwurf aufgegriffen wird, der ursprünglich vom Iran und Katar - auf dem Umweg über Südafrika - in den Diskurs eingebracht wurde. Ob deutsche Promis, die 2022 noch ostentativ die Proteste gegen das iranische Regime unterstützt haben, gedacht hätten, dass sie sich nur wenige Jahre später zum "useful idiot" ebendieses Regimes machen und dessen Propaganda weiterverbreiten würden?

Aber Provenienz und Entstehungsgeschichte von Vorwürfen gegenüber Israel sind für den Antizionisten an sich ja gewohnheitsmäßig uninteressant.

Dass dies der Fall ist, stellt sich auch im Rest des Briefes unter Beweis. Da ist dann zunächst einmal viel von "Kindern" die Rede; in den ersten neun Zeilen, die auf die Anrede folgen, wird das Wort ganze fünf Mal verwendet. Denn Juden und Kinder, das ist seit tausend Jahren eine sichere Bank, um das noch nicht zu Matze verarbeitete Blut in Wallung zu bringen.

Dafür werden dann Zahlen, deren ursprüngliche Quelle die Hamas ist, unhinterfragt übernommen; mit Emphase Bilder beschrieben, deren manipulatives Framing zu Propagandazwecken bereits erwiesen ist; und die bewusste Sabotage der Versorgungslage durch die Hamas ebenso ausgeblendet wie die Tatsache, dass sie Zivilisten als menschliche Schutzschilde missbraucht. Dass die Vorwürfe in ihrem Kern exakt das Gleiche reproduzieren, was in der langen Geschichte der Judenverfolgung immer wieder zur Rechtfertigung von antijüdischer Gewalt vorgeschoben wurde, wird wohl als bloßer Zufall betrachtet; nach dem Motto "Diesmal stimmt's aber wirklich!" Denn natürlich ist man kein Freund der Hamas - aber warum sollte sie über Juden Lügengeschichten verbreiten?!

Israel wird im Weiteren vorgeworfen, "Millionen von unschuldigen Menschen auf brutalste Weise kollektiv zu bestrafen". Wer wissen möchte, wie es tatsächlich aussieht, wenn unschuldige Menschen auf brutalste Weise kollektiv bestraft werden, könnte sich die Videoaufnahmen anschauen, die die Hamas-Terroristen vom 7. Oktober gemacht haben; aber um das zu tun, haben die Briefschreiber vielleicht noch nicht genug Mut von einander eingefordert.

Wie sich das "kollektive Bestrafen" in Gaza dagegen trennscharf vom schwer vermeidbaren kollateralen Leid der Zivilbevölkerung in jedem (selbst angezettelten) Krieg unterscheiden lässt (gerade in Deutschland sollte dieses Phänomen nicht unbekannt sein), ist deutlich weniger klar; etwas, das genau so ignoriert wird wie die Tatsache, dass die Hamas dieses Leid bewusst maximiert.

Doch selbst die Formulierung "Millionen von unschuldigen Menschen" ist nicht so unproblematisch, wie der privilegierte Menschenfreund, der nicht selbst Zielscheibe obsessiven Hasses ist, und dessen Menschenfreundlichkeit daher so gratis ist wie der Pazifismus dessen, der nicht Opfer eines kriegerischen Angriffs wurde, es sich gerne einredet. Umfragen zufolge wurde das Massaker vom 7. Oktober (zumindest zunächst) nämlich von mehr als der Hälfte der Bewohner Gazas befürwortet. Diese Tatsache sollte - auch wenn sie selbstverständlich nicht alle Einwohner Gazas zu "Schuldigen" macht - in diesem Zusammenhang doch zumindest Erwähnung finden, da Unterstützung des Massenmords an Juden als Mehrheitsposition einer Gesellschaft durchaus Relevanz für den Umgang von Juden mit dieser Gesellschaft hat. Wer aus falsch verstandenem Humanismus die Augen vor real existierendem Hass verschließt, transferiert diesen nur auf dessen Opfer, dessen Abwehrreaktionen jetzt nicht mehr rational erklärbar erscheinen.

Wie immer bei Briefen dieser Art ist aufschlussreich, was alles nicht gefordert wird. Beispielsweise irgendeine Form von politischem Druck auf die Hamas, um beispielsweise ihre Waffen niederzulegen (was für sie ja rein theoretisch möglich wäre, da es - man muss das gelegentlich in Erinnerung rufen - im Widerspruch zu keinem Naturgesetz steht ) oder einfach nur, ganz banal, die Geiseln freizulassen; oder, wenn Konzessionen gegenüber Juden zu viel verlangt wären oder für die Unterzeichner nicht von Interesse sind, dann vielleicht auch nur, nicht mehr ohne militärische Uniformen zu kämpfen, keine Hilfslieferungen zu stehlen, nicht das Feuer auf Menschen zu eröffnen, die solche Hilfslieferungen in Empfang nehmen möchten, und militärische Kommandozentralen und Waffenlager nicht in zivilen Institutionen zu verstecken -  also all die Dinge einzustellen, die das beklagte Leid der palästinensischen Zivilbevölkerung und die Anzahl an zivilen Todesopfern so in die Höhe treiben. Auch Forderungen, Ägypten dazu zu bewegen, Flüchtlinge aufzunehmen, damit Zivilisten dem Kriegsgebiet entkommen können, so wie das in anderen Kriegsgebieten geschieht (Menschen, die sich, wie einige der prominentesten Unterzeichner, für die Flüchtlingshilfe engagieren, sollten mit dem Konzept eigentlich vertraut sein), sucht man vergebens.

Das Einzige, wozu man sich durchringen kann, ist, das bereits begangene Massaker zu verurteilen. Denn mit dem Betrauern bereits toter Juden ist man in Deutschland komfortabel; das kennt man, und kann notfalls eingespielte Rituale abrufen. Erst mit den lebenden Juden, die auch am Leben bleiben möchten und tatsächlich alles Nötige tun, um dies sicherzustellen, beginnt das Unwohlsein.

Generell ist aber Folgendes zu bedenken: wenn meine politische Positionierung mich dazu führt, klarstellen zu müssen, dass ich das größte antisemitische Massaker seit dem Zweiten Weltkrieg verurteile, gibt es mit meiner politischen Positionierung vielleicht Probleme, die auch diese Klarstellung nicht gänzlich beheben kann.

Nun ist Israel zur effektiven Bekämpfung der Hamas - mit anderen Worten: zu seiner Selbstverteidigung - nicht von deutschen Waffen abhängig. Wer einen Waffenlieferungsstopp fordert, wünscht sich aber, dass dies so wäre (ansonsten wäre die Forderung nur Symbolpolitik, und gerade die soll ja vermieden werden - fordert man doch explizit "Taten", die "Leben retten", statt bloßer "Worte"). Er wünscht sich also deutsche Macht über jüdisches Leben zurück. Dies geschieht wohlgemerkt, während die letzten Juden, die die ungehinderte Ausübung dieser Macht überlebt haben, noch unter uns weilen. (Man mag sich ungern vorstellen, wie hemmungslos das Äußern solcher Wünsche erst ausfallen wird, wenn das nicht mehr der Fall ist.)

Das Thema der historischen Verantwortung wird im Brief nur in Gestalt des Begriffs der "Staatsräson" angegangen. Diesen Begriff in Frage zu stellen, hat sich in letzter Zeit zum Usus entwickelt bei den distinguierteren "Israelkritikern", denen mit weiter oben angeführten Begriffen wie "Schuldkult" oder "Judenfimmel" zu hantieren zu vulgär wäre. Im vorliegenden wird versucht, den Begriff umzudeuten: "Sie brechen durch entschlossenes Handeln für die  Zivilbevölkerung in Gaza nicht mit deutscher Staatsräson, sie wahren sie."

In diesem Satz versteckt sich der wohl perfideste Aspekt des Briefes. Denn natürlich weiß man, dass die "Staatsräson" ihren Ursprung in der historischen Verantwortung für den Holocaust hat. Wer diesen Begriff also erweitern möchte, will den Holocaust - ganz im Stil der Sowjets - von einer konkreten Schuld gegenüber dem jüdischen Volk abstrahieren und universalisieren; die Juden spielen in dieser Version des Holocaustgedenkens keine Rolle als spezifisches Volk, dem aus dem spezifischen Geist des Antisemitismus Unrecht angetan wurde, sondern nur als bloßes Illustrationsobjekt einer allgemeinen moralischen Lektion, die man anwenden kann, wo immer es einem gerade opportun erscheint; auch - und da wird die Schwelle zum sekundären Antisemitismus überschritten - gegen die Juden selbst gewendet. Die aus dem Holocaust erwachsene Verpflichtung wird vom Verhindern des Judenmords zum Behindern des Verhinderns umgedeutet - und die Juden werden damit implizit selbst in die Rolle der Nazi-Epigonen gesetzt. Dies ist ein Mechanismus, der andernorts (auch in anderen offenen Briefen) bereits deutlich expliziter durchgespielt wurde, aber dessen Wirkmechanismus auch in dieser subtileren Form nicht übersehen werden darf.

Es ist jedoch nicht so, als ob es sich bei offenen Briefen wie diesem um ein rein deutsches Phänomen handeln würde. Ganz im Gegenteil: als Deutscher sieht man, wie Kulturschaffende anderer Länder den jüdischen Staat maßregeln, ganz leicht und unbeschwert von 2000 Jahren Antisemitismusgeschichte, die bei der Erstellung des ansonsten erschöpfenden Inventars intersektioneller Diskriminierungen irgendwie im Papierkorb gelandet ist; und fragt sich, warum man da nicht auch mitspielen dürfen soll - nur, weil irgendwelche Boomer einen mit "historischer Verantwortung" behelligen. Natürlich akzeptiert man historische Verantwortung - aber doch nicht den Juden gegenüber! Die haben keine Interessengruppe zu sein, sondern stilles Mahnmal zum Wohle aller Unterdrückten dieser Erde (zu denen sie selbst wohlgemerkt nicht mehr dazu gehören). Denn, das weiß man mittlerweile, alles hängt intersektionell mit allem zusammen, auch der Antisemitismus; aber nichts hängt mit dem Antisemitismus zusammen, nicht einmal der Antisemitismus selbst. 

Und ehe man sich's versieht, sind die letzten Überlebenden verstorben, und die zweite Generation sind mittlerweile auch nicht mehr die Jüngsten. Die drögen Boomer hinter einem, die sich mit  "Vergangenheitsbewältigung" rumschlagen mussten, werden langsam ersetzt durch die Zoomer vor einem, die ihr Wissen über Politik und Geschichte aus TikTok-Videos beziehen und "Zionist" ganz selbstverständlich als Schimpfwort benutzen, ohne dabei den Hauch eines Bewusstseins dafür zu haben, exakt so zu klingen wie ihre Urgroßeltern; und endlich lässt sich wieder befreit durchatmen.

Thomas Stern