Essay
Eine Form der moralischen Kapitulation
Von Nasrin Amirsedghi
03.07.2025. Nicht ein Regimewechsel im Iran wäre das Problem - die Angst davor ist es. Geradezu beispielhaft hat der ehemalige Zeit-Herausgeber Josef Joffe diese Angst formuliert. In der Welt beschrieb er den Iran als ein "Balkanistan", das man besser unter der Herrschaft der Mullahs belässt. Aber Joffes Darstellung verkehrt zentrale Entwicklungen ins Gegenteil, blendet Freiheitsbewegungen aus und unterschlägt die Vielschichtigkeit eines Volkes, das sich seit Jahrzehnten unter schwersten Bedingungen für grundlegende Rechte und Freiheiten einsetzt.Am 21. Juni 2025 veröffentlichte die Welt einen Artikel des ehemaligen Zeit-Mitherausgebers Josef Joffe mit dem Titel "Der vergiftete Traum vom Regime Change". Darin warnt er in belehrendem Tonfall vor einem Umsturz im Iran - und tut dies auf eine Weise, die weder der Komplexität der persischen Geschichte gerecht wird noch dem gegenwärtigen Freiheitsstreben der iranischen Bevölkerung.
Joffe, ein gewichtiger Kommentator außenpolitischer Fragen, bedient sich in seinem Text eines Vokabulars, das entlarvend ist: Der Iran wird von ihm zum "Balkanistan" degradiert - ein kulturhistorisch zutiefst fragwürdiger Vergleich, der die über 2.500 Jahre alte persische Zivilisation auf eine Bühne ethnischer Konflikte und chaotischer Machtwechsel reduziert. Es ist der Versuch, Geschichte durch Polemik zu ersetzen - und Kritik am Mullah-Regime mit kultureller Herablassung zu vermengen.
Zur vermeintlichen Untermauerung seiner Thesen zitiert Joffe zwei Autoren: Homa Katouzian, einen in Oxford lehrenden Sozialwissenschaftler mit Nähe zur politischen Linken, sowie Sohrab Ahmari, einen konservativen Populisten aus den USA (Mitbegründer des Online-Magazins Compact). Beide vertreten höchst unterschiedliche, teils gegensätzliche Positionen - doch in Joffes Argumentation fungieren sie als Alibis für eine These, die in Wahrheit eine Absage an das Selbstbestimmungsrecht der Iranerinnen und Iraner bedeutet.
Dieser Essay will nicht nur Joffes Argumente aufgreifen, sondern auch aufzeigen, wo sie historisch unhaltbar sind. Wer sich ernsthaft mit der persischen Geschichte auseinandersetzt, erkennt rasch: Joffes Darstellung verkehrt zentrale Entwicklungen ins Gegenteil, blendet Freiheitsbewegungen aus und unterschlägt die Vielschichtigkeit eines Volkes, das sich seit Jahrzehnten unter schwersten Bedingungen für grundlegende Rechte und Freiheiten einsetzt.
Was Joffe liefert, ist keine differenzierte Analyse - sondern eine entmutigende Apologie des Status quo. Sie zielt nicht auf Verständigung, sondern auf das intellektuelle Abriegeln einer Debatte, die im Westen längst überfällig ist: nämlich die Frage, ob ein politischer Wandel im Iran nicht nur möglich, sondern dringend notwendig ist - für die Region, für die Welt, vor allem aber für die Iraner selbst.
Joffe, ein einst begeisterter und heute tief enttäuschter Transatlantiker, hatte im Jahr 2003 vehement für einen "Regime Change" im Irak plädiert. Mag sein, dass er als gebranntes Kind schreibt - er thematisiert es in seinem Artikel nicht.
Die Feuilletons erliegen inzwischen eher der gefährlichsten aller Versuchungen: der moralischen Müdigkeit. Joffe warnt mit der Attitüde des welterfahrenen Realisten vor jeder Hoffnung auf Wandel im Iran. Seine Argumente wirken dabei wie aus dem letzten Kapitel eines traurig resignativen Geschichtsbuchs - voller Bitterkeit, verzerrter Analogien und unterschwelliger Überheblichkeit gegenüber einem Land, dessen kulturelle Tiefe und politische Gegenwart er kaum ermessen kann und systematisch entwertet. Es ist an der Zeit, diesen Behauptungen zu widersprechen - historisch, analytisch und nicht zuletzt aus einem Pflichtgefühl gegenüber der iranischen Zivilgesellschaft heraus.
Der Exporteur der Unterdrückung
Joffe beschreibt die Islamische Republik Iran als Opfer einer westlichen Regimewechsel-Obsession, die angeblich überall gescheitert sei - in Irak, Libyen, Afghanistan. Dabei unterschlägt er, dass der Iran längst nicht nur ein Schauplatz, sondern ein Akteur auf dem Feld des Imperialismus ist. Seit 1979 hat das Regime in Teheran systematisch Gewalt exportiert: über die Hisbollah im Libanon, über schiitische Milizen im Irak, über das Assad-Regime in Syrien bis hin zur Huthi-Bewegung im Jemen. Diese Außenpolitik ist kein Reflex kolonialer Traumata, sondern Ausdruck eines religiös motivierten Expansionismus, der mit der klassischen Definition von Imperialismus durchaus mithalten kann. Wer das Land also vor westlichen Ambitionen "schützen" will, sollte auch sagen, wen es selbst bedroht.
Deutschland - wirklich ein Vorbild?
Joffe bemüht die westdeutsche Nachkriegsgeschichte als Argument gegen Interventionen. Nur Deutschland und Japan hätten - nach totaler Niederlage - zu stabilen Demokratien gefunden. In dieser Gegenüberstellung liegt ein doppelter Trugschluss. Erstens: Die Bundesrepublik war kein Produkt innerer Läuterung, sondern alliierter Gestaltung. Zweitens: Von "demokratischen Traditionen" als Boden für das Wirtschaftswunder zu sprechen, ist Geschichtsglättung. Die Weimarer Republik mündete in den Faschismus, die Revolution von 1848 scheiterte, das Erbe der Aufklärung blieb ein intellektueller Inselbetrieb. Was Deutschland half, war nicht Kontinuität, sondern ein radikaler Neuanfang - von außen ermöglicht, aber innerlich angenommen.
Diese Lektion lässt sich auch auf den Iran übertragen: Was fehlt, ist nicht das demokratische Potenzial, sondern die Gelegenheit zur Entfaltung.
Der Mythos Mossadegh
Mit der CIA-Operation von 1953 gegen Premierminister Mohammed Mossadegh benennt Joffe einen der westlichen Ursündenfälle im Iran - zu Recht. Doch seine Lesart bleibt oberflächlich. Denn Mossadegh war keineswegs nur ein freiheitlicher Nationalheld. Er verbündete sich taktisch mit der kommunistischen Tudeh-Partei, was im Kontext des Kalten Krieges die Furcht vor einem sowjetischen Einfluss keineswegs irrational erscheinen ließ. Die Unterstützung des Schahs war kein Triumph, sondern ein kalkuliertes Übel, dessen Folgen wir bis heute spüren. Aber: Der Putsch richtete sich nicht gegen Demokratie an sich, sondern gegen eine gefährliche Unwucht der Weltordnung - aus Sicht Washingtons. Wer dies moralisch verurteilt, muss zugleich den historischen Kontext verstehen. Wer daraus aber eine generelle Unmöglichkeit von Wandel im Iran ableitet, betreibt intellektuelle Vereinfachung.
Iran ist nicht Libyen
Der schwerwiegendste Fehler Joffes liegt im Vergleich des heutigen Iran mit Irak, Libyen oder Afghanistan. Diese Länder waren vom Kolonialismus geprägt, tribal strukturiert und historisch weit entfernt von staatsbürgerlicher Verankerung. Der Iran hingegen ist seit über 2.500 Jahren ein kulturell gefestigter Nationalstaat - mit einer durchgängigen urbanen Zivilisation, mit einer hochgebildeten Diaspora und einer politischen Geschichte, die bereits 1906 in eine konstitutionelle Monarchie mündete, lange vor der türkischen Republik. Der Iran kennt Opposition, Protestbewegungen, Säkularismus - und eine Bevölkerung, die mehrheitlich nicht zurück in die Zeit Muhammads will, sondern vorwärts in eine Ära ohne Mullahs.
Während im Irak nach Saddam die Sehnsucht nach islamischer Ordnung dominierte, erleben wir heute im Iran eine fundamentale Abkehr vom politischen Islam. Die "Jin, Jiyan, Azadî"-Bewegung von 2022 war kein ethnischer Aufruhr, sondern ein zivilgesellschaftlicher Befreiungsschrei - getragen von Frauen, Studenten, Intellektuellen und Jugendlichen, die ihre Zukunft nicht in einer Theokratie sehen, sondern in einem modernen, offenen Nationalstaat. Die Angst vor einem "Balkanistan", wie Joffe es polemisch nennt, ist ein Phantom westlicher Vorstellungskraft - nicht der iranischen Wirklichkeit.
Die Verachtung der Straße
Am verstörendsten ist Joffes These, das iranische Volk brauche eine Art externe Umerziehung - eine "endlose Drecksarbeit", die niemand leisten wolle. Das ist nicht nur sprachlich despektierlich, sondern inhaltlich grob falsch. Denn es ist nicht der Westen, der nach einem Regimewechsel ruft - es ist die iranische Bevölkerung. Laut einer viel beachteten Studie des niederländischen Forschungsinstituts GAMAAN aus dem Jahr 2020 bekennen sich über 70 Prozent der Iraner zu einem säkularen Staat, 80 Prozent lehnen die Islamische Republik explizit ab. Diese Menschen haben keinen Erziehungsbedarf, sondern ein Freiheitsrecht. Dass der Westen dies ignoriert oder relativiert, ist keine Realpolitik, sondern eine Form der moralischen Kapitulation.
Die Würde einer alten Nation
Schließlich verweigert Joffe dem Iran selbst die kulturelle Reife, seine Zukunft in die Hand zu nehmen. Zwischen den Zeilen liest man eine fatale Arroganz: Als sei der Nahe Osten per se unfähig zur Demokratie, als sei Zersetzung immer wahrscheinlicher als Aufbau. Dabei ist die Geschichte des Iran nicht nur älter, sondern in mancher Hinsicht zivilisierter als jene Europas. Von Zarathustras Ethik über Hafis' Poesie bis zu den reformorientierten Intellektuellen unserer Zeit - es gibt kaum ein Land im Orient, das unter widrigsten Umständen so konsequent an der Idee der Humanität festgehalten hat wie der Iran. Wer den Begriff "Balkanistan" für diese Gesellschaft verwendet, verlässt das Terrain der Analyse und betritt das der Herabwürdigung.
Der Regimewechsel ist nicht das Problem - die Angst davor ist es
Josef Joffe hat viel gesehen, viel gedacht, viel geschrieben. Doch in diesem Fall blickt er nicht nach vorn, sondern rückwärts - durch das Prisma vergangener Fehlschläge. Wer den Iran heute pauschal für unfähig zur Selbstbefreiung erklärt, beleidigt ein Volk, das seit Jahrzehnten den höchsten Preis zahlt für seine Hoffnung auf Freiheit. Der Westen mag zu müde, zu misstrauisch oder zu zynisch sein, um dabei zu helfen - aber wenigstens sollte er aufhören, im Namen vermeintlicher Klugheit die Sehnsucht nach Gerechtigkeit zu desavouieren.
Der vergiftete Traum liegt nicht im Regimewechsel - sondern im westlichen Unwillen, an das bessere Ende der Geschichte zu glauben.
Nasrin Amirsedghi
Joffe, ein gewichtiger Kommentator außenpolitischer Fragen, bedient sich in seinem Text eines Vokabulars, das entlarvend ist: Der Iran wird von ihm zum "Balkanistan" degradiert - ein kulturhistorisch zutiefst fragwürdiger Vergleich, der die über 2.500 Jahre alte persische Zivilisation auf eine Bühne ethnischer Konflikte und chaotischer Machtwechsel reduziert. Es ist der Versuch, Geschichte durch Polemik zu ersetzen - und Kritik am Mullah-Regime mit kultureller Herablassung zu vermengen.
Zur vermeintlichen Untermauerung seiner Thesen zitiert Joffe zwei Autoren: Homa Katouzian, einen in Oxford lehrenden Sozialwissenschaftler mit Nähe zur politischen Linken, sowie Sohrab Ahmari, einen konservativen Populisten aus den USA (Mitbegründer des Online-Magazins Compact). Beide vertreten höchst unterschiedliche, teils gegensätzliche Positionen - doch in Joffes Argumentation fungieren sie als Alibis für eine These, die in Wahrheit eine Absage an das Selbstbestimmungsrecht der Iranerinnen und Iraner bedeutet.
Dieser Essay will nicht nur Joffes Argumente aufgreifen, sondern auch aufzeigen, wo sie historisch unhaltbar sind. Wer sich ernsthaft mit der persischen Geschichte auseinandersetzt, erkennt rasch: Joffes Darstellung verkehrt zentrale Entwicklungen ins Gegenteil, blendet Freiheitsbewegungen aus und unterschlägt die Vielschichtigkeit eines Volkes, das sich seit Jahrzehnten unter schwersten Bedingungen für grundlegende Rechte und Freiheiten einsetzt.
Was Joffe liefert, ist keine differenzierte Analyse - sondern eine entmutigende Apologie des Status quo. Sie zielt nicht auf Verständigung, sondern auf das intellektuelle Abriegeln einer Debatte, die im Westen längst überfällig ist: nämlich die Frage, ob ein politischer Wandel im Iran nicht nur möglich, sondern dringend notwendig ist - für die Region, für die Welt, vor allem aber für die Iraner selbst.
Joffe, ein einst begeisterter und heute tief enttäuschter Transatlantiker, hatte im Jahr 2003 vehement für einen "Regime Change" im Irak plädiert. Mag sein, dass er als gebranntes Kind schreibt - er thematisiert es in seinem Artikel nicht.
Die Feuilletons erliegen inzwischen eher der gefährlichsten aller Versuchungen: der moralischen Müdigkeit. Joffe warnt mit der Attitüde des welterfahrenen Realisten vor jeder Hoffnung auf Wandel im Iran. Seine Argumente wirken dabei wie aus dem letzten Kapitel eines traurig resignativen Geschichtsbuchs - voller Bitterkeit, verzerrter Analogien und unterschwelliger Überheblichkeit gegenüber einem Land, dessen kulturelle Tiefe und politische Gegenwart er kaum ermessen kann und systematisch entwertet. Es ist an der Zeit, diesen Behauptungen zu widersprechen - historisch, analytisch und nicht zuletzt aus einem Pflichtgefühl gegenüber der iranischen Zivilgesellschaft heraus.
Der Exporteur der Unterdrückung
Joffe beschreibt die Islamische Republik Iran als Opfer einer westlichen Regimewechsel-Obsession, die angeblich überall gescheitert sei - in Irak, Libyen, Afghanistan. Dabei unterschlägt er, dass der Iran längst nicht nur ein Schauplatz, sondern ein Akteur auf dem Feld des Imperialismus ist. Seit 1979 hat das Regime in Teheran systematisch Gewalt exportiert: über die Hisbollah im Libanon, über schiitische Milizen im Irak, über das Assad-Regime in Syrien bis hin zur Huthi-Bewegung im Jemen. Diese Außenpolitik ist kein Reflex kolonialer Traumata, sondern Ausdruck eines religiös motivierten Expansionismus, der mit der klassischen Definition von Imperialismus durchaus mithalten kann. Wer das Land also vor westlichen Ambitionen "schützen" will, sollte auch sagen, wen es selbst bedroht.
Deutschland - wirklich ein Vorbild?
Joffe bemüht die westdeutsche Nachkriegsgeschichte als Argument gegen Interventionen. Nur Deutschland und Japan hätten - nach totaler Niederlage - zu stabilen Demokratien gefunden. In dieser Gegenüberstellung liegt ein doppelter Trugschluss. Erstens: Die Bundesrepublik war kein Produkt innerer Läuterung, sondern alliierter Gestaltung. Zweitens: Von "demokratischen Traditionen" als Boden für das Wirtschaftswunder zu sprechen, ist Geschichtsglättung. Die Weimarer Republik mündete in den Faschismus, die Revolution von 1848 scheiterte, das Erbe der Aufklärung blieb ein intellektueller Inselbetrieb. Was Deutschland half, war nicht Kontinuität, sondern ein radikaler Neuanfang - von außen ermöglicht, aber innerlich angenommen.
Diese Lektion lässt sich auch auf den Iran übertragen: Was fehlt, ist nicht das demokratische Potenzial, sondern die Gelegenheit zur Entfaltung.
Der Mythos Mossadegh
Mit der CIA-Operation von 1953 gegen Premierminister Mohammed Mossadegh benennt Joffe einen der westlichen Ursündenfälle im Iran - zu Recht. Doch seine Lesart bleibt oberflächlich. Denn Mossadegh war keineswegs nur ein freiheitlicher Nationalheld. Er verbündete sich taktisch mit der kommunistischen Tudeh-Partei, was im Kontext des Kalten Krieges die Furcht vor einem sowjetischen Einfluss keineswegs irrational erscheinen ließ. Die Unterstützung des Schahs war kein Triumph, sondern ein kalkuliertes Übel, dessen Folgen wir bis heute spüren. Aber: Der Putsch richtete sich nicht gegen Demokratie an sich, sondern gegen eine gefährliche Unwucht der Weltordnung - aus Sicht Washingtons. Wer dies moralisch verurteilt, muss zugleich den historischen Kontext verstehen. Wer daraus aber eine generelle Unmöglichkeit von Wandel im Iran ableitet, betreibt intellektuelle Vereinfachung.
Iran ist nicht Libyen
Der schwerwiegendste Fehler Joffes liegt im Vergleich des heutigen Iran mit Irak, Libyen oder Afghanistan. Diese Länder waren vom Kolonialismus geprägt, tribal strukturiert und historisch weit entfernt von staatsbürgerlicher Verankerung. Der Iran hingegen ist seit über 2.500 Jahren ein kulturell gefestigter Nationalstaat - mit einer durchgängigen urbanen Zivilisation, mit einer hochgebildeten Diaspora und einer politischen Geschichte, die bereits 1906 in eine konstitutionelle Monarchie mündete, lange vor der türkischen Republik. Der Iran kennt Opposition, Protestbewegungen, Säkularismus - und eine Bevölkerung, die mehrheitlich nicht zurück in die Zeit Muhammads will, sondern vorwärts in eine Ära ohne Mullahs.
Während im Irak nach Saddam die Sehnsucht nach islamischer Ordnung dominierte, erleben wir heute im Iran eine fundamentale Abkehr vom politischen Islam. Die "Jin, Jiyan, Azadî"-Bewegung von 2022 war kein ethnischer Aufruhr, sondern ein zivilgesellschaftlicher Befreiungsschrei - getragen von Frauen, Studenten, Intellektuellen und Jugendlichen, die ihre Zukunft nicht in einer Theokratie sehen, sondern in einem modernen, offenen Nationalstaat. Die Angst vor einem "Balkanistan", wie Joffe es polemisch nennt, ist ein Phantom westlicher Vorstellungskraft - nicht der iranischen Wirklichkeit.
Die Verachtung der Straße
Am verstörendsten ist Joffes These, das iranische Volk brauche eine Art externe Umerziehung - eine "endlose Drecksarbeit", die niemand leisten wolle. Das ist nicht nur sprachlich despektierlich, sondern inhaltlich grob falsch. Denn es ist nicht der Westen, der nach einem Regimewechsel ruft - es ist die iranische Bevölkerung. Laut einer viel beachteten Studie des niederländischen Forschungsinstituts GAMAAN aus dem Jahr 2020 bekennen sich über 70 Prozent der Iraner zu einem säkularen Staat, 80 Prozent lehnen die Islamische Republik explizit ab. Diese Menschen haben keinen Erziehungsbedarf, sondern ein Freiheitsrecht. Dass der Westen dies ignoriert oder relativiert, ist keine Realpolitik, sondern eine Form der moralischen Kapitulation.
Die Würde einer alten Nation
Schließlich verweigert Joffe dem Iran selbst die kulturelle Reife, seine Zukunft in die Hand zu nehmen. Zwischen den Zeilen liest man eine fatale Arroganz: Als sei der Nahe Osten per se unfähig zur Demokratie, als sei Zersetzung immer wahrscheinlicher als Aufbau. Dabei ist die Geschichte des Iran nicht nur älter, sondern in mancher Hinsicht zivilisierter als jene Europas. Von Zarathustras Ethik über Hafis' Poesie bis zu den reformorientierten Intellektuellen unserer Zeit - es gibt kaum ein Land im Orient, das unter widrigsten Umständen so konsequent an der Idee der Humanität festgehalten hat wie der Iran. Wer den Begriff "Balkanistan" für diese Gesellschaft verwendet, verlässt das Terrain der Analyse und betritt das der Herabwürdigung.
Der Regimewechsel ist nicht das Problem - die Angst davor ist es
Josef Joffe hat viel gesehen, viel gedacht, viel geschrieben. Doch in diesem Fall blickt er nicht nach vorn, sondern rückwärts - durch das Prisma vergangener Fehlschläge. Wer den Iran heute pauschal für unfähig zur Selbstbefreiung erklärt, beleidigt ein Volk, das seit Jahrzehnten den höchsten Preis zahlt für seine Hoffnung auf Freiheit. Der Westen mag zu müde, zu misstrauisch oder zu zynisch sein, um dabei zu helfen - aber wenigstens sollte er aufhören, im Namen vermeintlicher Klugheit die Sehnsucht nach Gerechtigkeit zu desavouieren.
Der vergiftete Traum liegt nicht im Regimewechsel - sondern im westlichen Unwillen, an das bessere Ende der Geschichte zu glauben.
Nasrin Amirsedghi
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