Intervention

Giftige Brühe

Von Thierry Chervel
22.06.2026. "Ich habe mich entschieden, es einen Genozid zu nennen", sagte Ines Schwerdtner von der Linkspartei auf dem Parteitag. Die Delegierten jubelten. Dieser Satz verdient es, näher betrachtet zu werden. So wie Sally Rooneys Satz. "Die Befreiung Palästinas bedeutet die Befreiung der Welt." Israel wird zur Obsession - nicht nur der Linken: Im Hass auf Israel fusionieren die totaliären Ideen. 
Ines Schwerdtner, Parteivorsitzende der Linkspartei, hat dem Kind einen Namen gegeben: "Ich habe mich entschieden, es einen Genozid zu nennen", sagte sie auf dem Parteitag am Wochenende. Die anwesenden Delegierten brachen in Jubel aus. Der Satz verdient eine nähere Betrachtung.

Der Satz soll vielleicht ein intensives Nachdenken signalisieren, aber er lässt in der Schwebe, ob er inhaltlich gemeint ist. Der Sprachakt der Benennung hat immer etwas Willkürliches. Ich habe mich entschieden, meinen Sohn Paul zu nennen, aber ich hätte ihn auch Max nennen können. Schwerdtner sagt mit dem Satz nichts über das Geschehen im Gazastreifen aus, sondern sie sendet mit dem Begriff ein Signal. Unabhängig davon, was dort geschieht: "Ich habe mich entschieden, es einen Genozid zu nennen." Sie nennt es eine Gewissensentscheidung.

Der Satz hat Bekenntnischarakter. Man beugt sich mit solchen Sätzen einem Druck. Es ist ein bisschen wie in einer Dystopie, sagen wir wie in "The Handmaid's Tale", wo solche Bekenntnisse zu einer dekretierten Wahrheit permanent gefordert werden. Im Blick auf den Delinquenten stelle ich mich auf die Seite, die die Exekution fordert. Jubel der Erleichterung.

Der Satz "Ich habe mich entschieden, es einen Genozid zu nennen", klingt wie ein Echo auf einen anderen Satz, den die Autorin Sally Rooney in der letzten Woche aussprach: "Die Befreiung Palästinas bedeutet die Befreiung der Welt." Zu diesen Sätzen gesellte sich in dieser Woche noch die Drohung der Trump-Regierung, Israel die Unterstützung zu entziehen.

Es ist erstaunlich, dass der Begriff des "Genozids" mit Blick auf Israel kaum begründet wird. Er scheint viel mehr als eine Art Taufe empfunden zu werden, mit der man sich einer Religionsgemeinschaft zuordnet. Bei Rooney schwebt die quasi religiöse Hoffnung - beseitigt Israel, dann sind wir erlöst - noch deutlicher mit. Aber der Satz mit dem Genozid ist nur einen Schritt davon entfernt, denn er erteilt die moralische Lizenz.

Rooneys Satz sagt nichts anderes als die "Juden sind unser Unglück". Oder macht es einen großen Unterschied, dass sie sagen würde "Israel ist unser Unglück"?

Um diesen Unterschied zwischen Israelhass und Antisemitismus, der keiner ist, drehten sich in Deutschland schon die Debatten vor dem 7. Oktober. Der Philosoph Achille Mbembe sollte einen hohen Kulturpreis bekommen, obwohl er Israel schlimmer fand als die Nazis. Kulturfunktionäre forderten eine Lizenz für Positionen, die Israels Auslöschung wollen (und die sie selbstverständlich nicht teilen). Die gleiche Fraktion formulierte die "Jerusalem Declaration", deren Zweck es ist, Israelboykottpositionen vom Antisemitismusvorwurf freizusprechen. Auf der Documenta 15 wurden mildernde Umstände für die Mordgelüste des "Globalen Südens" gefordert.

Seit Jahren arbeiten linke Akteure der westlichen Öffentlichkeiten im Schulterschluss mit Islamisten, der Queer-Bewegung und Intellektuellen des "Globalen Südens" in einer an kollektiven Wahn grenzenden Fokussierung daran, Israel zum Paria der Weltgesellschaft zu stempeln. Rechtsextreme wie Tucker Carlson bieten Linksextremen wie Hasan Piker ein Forum. Zu groß ist die gemeinsame Passion - Eva Illouz hat diese "rotbraune Allianz" neulich im Perlentaucher angeprangert

Israel ist wie ein flaches Eiland im Klimawandel. Die Tsunamis kommen aus unterschiedlichen Richtungen - Rechtsextremismus, Linksextremismus, Islamismus - aber seit dem 7. Oktober haben sie sich zu einer giftigen Brühe verbunden, die mit ungeheurer Insistenz immer wieder in die eine Richtung schwappt. 

Schon seit den 1930er Jahren ist der Nahe Osten eine Weltregion, in der Nazi-Ideologie, Islamismus und Kommunismus zeigten, dass das Bild des "Hufeisens" verharmlosend war, denn im Hufeisen sind die Enden deutlich getrennt. In Wirklichkeit beweist gerade der Streit um Israel, dass zwischen diesen Ideologien kaum getrennt werden kann: die Muslimbrüder waren von vornherein von den Faschisten, den Nazis, aber auch linken Massenbewegungen geprägt. Der "Mufti von Jerusalem", Anführer der arabischen Bevölkerung im Mandatsgebiet, war ein SS-Mann, verbrachte die  Jahre 1941 bis 1945 in Berlin, war in den Holocaust einbezogen und wollte ihn auch bei sich umsetzen. Nach dem Krieg übernahmen dann die Sowjetunion und mit ihr die DDR die Rolle der effizientesten Judenhasser - PLO-Anführer Mahmud Abbas wurde in Moskau im Fachgebiet "wissenschaftlicher Antizionismus"  mit einer Dissertation über "Verbindungen zwischen Zionismus und Nationalsozialismus (1933 bis 1945)" promoviert. 

Holocaustleugnung wird in den westlichen Öffentlichkeiten meist der extremen Rechten zugeschrieben. Entwickelt wurde die Idee allerdings von ehemals Linken wie Roger Garaudy, einem sehr hohen Funktionär der KPF, der nach seiner Konversion zum Islam seine Gedanken zum Holocaust im revolutionären Iran popularisierte. 

Der Religionswissenschaftler Tomer Persico hat neulich auf Twitter die neue Qualität des Antisemitismus benannt, die  sich über Jahrzehnte entwickelte, etwa in postkolonialen Studien, und seit dem 7. Oktober zu einer Art offiziellen Doktrin geworden ist, zu der man sich wie Schwerdtner nun nur noch bekennen muss: "Beseitige Israel, und du rettest die ganze Welt. Es geht weit über Rooney hinaus. In den letzten Jahren haben Künstler, Aktivisten und Wissenschaftler immer wieder Varianten derselben Behauptung vorgebracht: Israel als Erzfeind der Menschheit, dessen Verschwinden irgendwie alle Probleme lösen würde... Israel ist zu einem westlichen Totem geworden, das die gesammelten Sünden der gesamten westlichen Geschichte verkörpert. In einer unglaublichen historischen Ironie sind die Juden heute kein orientalisches, semitisches Paria-Volk, keine entartete, untermenschliche Rasse mehr, sondern die reinste Verkörperung des Westens und die abscheulichsten Vorreiter weißer Vorherrschaft."

Persico spricht einen zentralen Punkt an: Der Hass auf Israel ist ein externalisierter Selbsthass. In ihm bündelt sich alles, was der Westen an sich selber hasst. Israel ist der Inbegriff jenes in der Queertheorie vollends geschleiften "Weißen Mannes". Es ist die einzige Farbe, die in ihrem Regenbogen nicht vorkommt.

Israel ist eine Demokratie, unvollkommen wie alle Demokratien, ein Land, das umstellt ist. Dass sich auch dort nach Jahrzehnten des Gehasstwerdens rechtsextreme Bewegungen gebildet haben, ist nicht verwunderlich. Daraus lässt sich keine Symmetrie mit der Hamas und der Hisbollah konstruieren, die es, unterstützt von Schwerdtner und Rooney, todernst meinen mit der Vernichtung. Und die westlichen Öffentlichkeiten sollten sich klar machen: Auch sie sind gemeint. Der Hass entlädt sich auf Israel, weil es als Sündenbock ausgesondert werden kann - gehasst aber wird die Demokratie.

Thierry Chervel