Essay

Der ganze Stoff der Wirklichkeit

Von Arno Widmann
12.11.2015. Erst wenn man anfängt, Gabriele Goettles Reportagen als Ganzes zu sehen, zeigt sich die Dimension des Unternehmens, an dem sie jetzt seit fast dreißig Jahren arbeitet. Ich weiß nicht, seit wann Gabriele Goettle bewusst ist, dass sie an einer einzigen riesigen vielstimmigen Komposition sitzt. Eine Laudatio.
Dies ist die Laudatio, die Arno Widmann am 8. November aus Anlass der Verleihung des Roswitha-Preises der Stadt Gandersheim an Gebriele Goettle gehalten hat. Wir danken dem Autor für die Genehmigung zur Online-Veröffentlichung. (D.Red.)
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Gabriele Goettle hat ihre Kolumne in der Taz, die sie seit dem 22. September 1986 schreibt, genutzt nicht für die Darstellung der eigenen Person, sondern genutzt, um sich und ihren Lesern die Augen für die Welt, in der wir leben zu öffnen. Jeden Monat mehr als eine taz-Seite über einen Besuch bei einer Hure oder einem Teilchenphysiker, bei einer Kioskfrau, bei einem Obdachlosen, der mit dem Fahrrad Berlin erkundet. Sie lässt sich diese Lebensgeschichten erzählen - es sind wohl inzwischen ein paar hundert -, schreibt sie auf und veröffentlicht sie in der taz.

Seit 1991 werden sie alle paar Jahre in Bücher gebunden. Zunächst erschienen sie in Hans Magnus Enzensbergers "Anderer Bibliothek", seit 2012 im Verlag Antje Kunstmann. So ist - beginnend mit "Deutsche Sitten" - ein Panorama des wieder vereinigten Deutschland entstanden, das Sie so umfassend und so genau, so subjektiv auch nirgendwo anders finden werden. In dem Sie Gabriele Goettle den Roswitha Preis der Stadt Bad Gandersheim geben, zeichnen Sie womöglich ohne, dass Ihnen das bewusst war, das umfassendste Romanprojekt der deutschen Gegenwartsliteratur aus.

Der übertreibt, denken Sie.

Er tut es nicht. Man nennt Gabriele Goettles Arbeiten gerne Reportagen. Ich möchte Sie nicht langweilen mit Erwägungen über richtige und falsche Genrebezeichnungen. Aber die Bücher der Gabriele Goettle sind keine Buchbindersynthese unterschiedlicher Reportagen. Erst wenn man anfängt, sie als Ganzes zu sehen, zeigt sich die Dimension des Unternehmens, an dem Gabriele Goettle jetzt seit fast dreißig Jahren arbeitet. Ich weiß nicht, seit wann Gabriele Goettle bewusst ist, dass sie an einer einzigen riesigen vielstimmigen Komposition sitzt. Ich kam ihr auf die Spur, als sie nach der Serie über die Ärmsten mit einer über die Experten startete. Da war klar, dass es nicht um eine "Geschichte von Unten" ging, nicht um die Erhellung von von der Presse gerne im Dunkeln gelassenen Gebieten. Es ging Gabriele Goettle nicht um vernachlässigte Aspekte, sondern um den ganzen Stoff der Wirklichkeit.

Aber nicht erzählt von ihr, als einem allwissenden Erzähler, sondern von all jenen, die sie besucht hatte, die Gabriele Goettle berichteten aus ihren meist deutlich getrennten Welten. So hören wir die Stimmen der Demenzkranken, der Buchhändlerin, des Masochisten, des Religionsphilosophen. Jeder erzählt mit seiner Stimme, ja mit seinen Worten. Aber wohl nur selten wörtlich. Goettle stellt keinen Zusammenhang her, sie schafft keinen roten Faden, keine Struktur, sondern einen Klang.

Das ist, ich schäme mich ein wenig das zu sagen, der Sound der Bundesrepublik. Ich schäme mich, weil ich ihn ohne Gabriele Goettle niemals gehört hätte. Und weil ich weiß, es ist der Goettle-iche Sound. Der meiner Vorrednerin, der Bürgermeisterin der Stadt Bad Gandersheim, oder der meine, wäre ein anderer. Nur: Wir können ihnen den Sound der Bundesrepublik nicht vorspielen. Ich jedenfalls hatte nicht einmal die Idee davon, dass es einen geben könnte, bis ich Gabriele Goettles Buch "Experten" las.

Da erst begriff ich, dass ich es nicht nur mit einer Vielzahl ernster und witziger, sehr präziser Beobachtungen und mindestens ebenso genauer Erfindungen zu tun hatte, sondern mit einem jedes Maß sprengenden Werk. Ein Werk, das natürlich am Schreibtisch der Autorin entstand. Aber doch nacheinander. Erst im Kopf des Lesers schießen die verschiedenen Fäden zusammen. Natürlich nur die, die er zusammenliest. Gabriele Goettles riesiger Roman ist offen wie das Leben selbst. Auch darin ist er ein Roman, der sich für die Wirklichkeit ausgibt. Er gibt sich aus, sage ich. Das ist falsch, wenn das so verstanden wird, als wäre den Erzählungen nicht zu trauen. Wenn Gabriele Goettle in ihrem im vergangenen Jahr erschienenen Buch "Haupt- und Nebenwirkungen - Zur Katastrophe des Gesundheits- und Sozialsystems" zum Beispiel schreibt "Mehr als das Doppelte von dem, das die Pharmaindustrie für Forschung ausgibt, gibt sie für Werbung aus", dann können Sie sicher sein, dass das stimmt. Nicht weil an dem, was Gabriele Goettle schreibt, nicht zu zweifeln wäre - Goettle-Leser sind Leser, die zweifeln an dem, was ihnen gesagt wird, sondern weil in den fast dreißig Jahren ihrer Arbeit kaum jemand sich einen Anwalt nahm und versuchte, gegen sie vorzugehen. Es handelt sich bei Goettles Werk um einen Roman, der sich aus - offenbar sehr gut abgesicherten - Tatsachenbehauptungen zusammensetzt.

Ich sprach vorhin vom Schämen. Es gibt immer wieder Stellen in den Büchern von Gebriele Goettle, an denen den Leser Scham befällt. Da erzählt eine Frau, eine Nichtmedizinerin, ihr, eines Tages sei ihr aufgefallen, dass es keine unabhängige Patientenorganisation gab, keine informierte Bürgerbewegung in Sachen Gesundheitssystem. "Eine Woche später", so notiert Gabriele Goettle, "habe ich eine Initiative gestartet und mithilfe meiner Webmasterin die Homepage www.patient-informiert-sich.de ins Netz gestellt." Natürlich schämt sich der Leser, der noch nie den Sprung geschafft hat von der Einsicht zur Tat. Er fühlt sich ertappt und blamiert. Er zögert, weiter zu lesen. Er mag es nicht, wenn man ihm ein schlechtes Gewissen einpflanzt. Aber sie hat doch Recht! Denkt der Leser.

Aber wer? Die Frau, die die Initiative aus dem Boden gestampft hat oder Gabriele Goettle? Gabriele Goettle schließlich, so wird dem Leser bewusst, hat nicht eine einzige Bürgerbewegung gegründet.

Seit dreißig Jahren porträtiert sie Menschen, zeigt uns, dass es nichts Uninteressantes gibt, dass, wer für das System, in dem wir leben, irrelevant ist, in einem anderen systemrelevant sein könnte. Für diese Einsicht danke ich ihr.

Sie mobilisiert meinen Verstand. Wenn ich zum Beispiel bei ihr lese, dass es in Deutschland 140 000 niedergelassene Ärzte gibt, dann sagt sie mir das drängend, so persönlich, dass ich mich sofort frage, wie viel Journalisten gibt es eigentlich? Darüber habe ich in 40 Jahren Journalistendasein nicht nachgedacht. Jetzt weiß ich: Es sind etwa 45 000 und ein Drittel davon arbeitet in Tageszeitungen.

Wer nur zwei, drei "Reportagen" von Gabriele Goettle liest, der geht der Autorin auf den Leim. Der sieht nur die Tatsachen. Er merkt nicht, dass er hineingezogen wird in einen Roman. Die 1946 geborene Gabriele Goettle stammt aus einer Zeit, als überall probiert wurde, Kunst herzustellen aus nichts als der Wirklichkeit. Ich erinnere Sie an die Versuche von Peter Weiss, Heinar Kipphardt und Hans Magnus Enzensberger. In den sechziger Jahren gab es überall ein spürbares Unbehagen an der gar zu großen Leistungsbereitschaft der Fantasie. Die Künstler unternahmen darum Ausflüge ins Dokumentarische. Meist kehrten sie nach zwei, drei Versuchen zurück in die überkommenen Genres der Kunst- und Literaturgeschichte.

Denken Sie an F.C. Delius und seine großartige, aus O-Tönen konstruierte Komposition "Unsere Siemens-Welt" aus dem Jahre 1972. Danach schrieb er sehr erfolgreich Erzählungen und Romane. Ein Jahr vor der Siemens-Welt veröffentlichte Delius seine Dissertation "Der Held und sein Wetter", in der er sich über "ein Kunstmittel und seinen ideologischen Gebrauch im Roman des bürgerlichen Realismus" lustig machte.

Eine heiter-harsche Kritik an den Konventionen des Ästhetischen. Journalisten erkannten in dieser Selbstkritik der Literatur ihre Chance. Sie schnappten sich den von dem Literaten weggeworfenen Wetterlumpen und motzten mit ihm ihre Texte ästhetisch auf.

Das Illustrierten- und Zeitungspublikum war dankbar für das von den Künstlern verachtete Ornament, an dessen Schönheit es sich gewöhnt hatte. Seit den 80er Jahren verzichtet kaum ein Kischpreisträger auf den symbolisch aufgerüsteten Wetterbericht.

Gabriele Goettle hat damit nichts zu tun. Sie träumt weiter vom Tod des Autors. Sie übt sich in der Kunst des Verschwindens. Ihr Trick ist allerdings nicht, sich klein zu machen. Sie erbaut - vor unseren Augen - ein Werk, das so riesig ist, dass wir es nicht sehen. Nicht sehen können. Wir sind immer zu nahe dran, um jenen Abstand zu gewinnen, zu dem diese Preisrede mir jetzt verholfen hat.

Gabriele Goettle zeigt uns seit Jahrzehnten hübsche und hässliche, gerade und ungerade, große und kleine Bäume, und wir - ihre Leser - haben uns jeden dieser Bäume angesehen, haben ihn abgeschmeckt und analysiert. Aber niemals haben wir einen Blick auf den Wald geworfen, den sie inzwischen gepflanzt hat und in dem wir ganz selbstverständlich Platz genommen haben. Wir - ihre Leser - sind längst Teil dieses von Gabriele Goettle geschaffenen Waldes.

Ihre jüngsten Bücher habe ich auf einem Kindle. Ich mache mir Notizen dazu. Dabei beginne ich meist mit einem Zitat, das ich abschreibe. Mir ist aufgefallen, dass der Textergänzer des Gerätes sehr oft die richtigen Wörter vorschlägt. Gabriele Goettle schreibt einfach und klar. Sie sucht nicht nach etwas Ausgefallenem, sondern die von ihr geschilderten Realitäten sind ihr - und dem Leser, möchte ich sagen - monströs und bizarr genug. Sie redet sich in keinen Rausch. Wer Ekstase sucht, der wird sie in den Texten von Gabriele Goettle nicht finden. Aber er wird, erst einmal angefixt, es schwer haben, aufzuhören mit dem Lesen. Man braucht Zeit, um in den Sog zu geraten. Drei, vier Texte wird man in einem Stück lesen müssen, um die von ihr gesammelten Stimmen zu hören als Teil eines sich stetig ausdehnenden Ganzen. Niemand wird die Zeit haben, um in einer einzigen Wanderung Goettles Wald zu erleben, aber er wird immer wieder ansetzen, um in ihn hineinzukommen. Schon aus Neugier auf sich.

Arno Widmann