Essay
Ein dummer und barbarischer Akt
Von Claus Leggewie
13.01.2025. Boualem Sansal ist Opfer eines erinnerungskulturellen und geschichtspolitischen Chaos geworden, das zu entschlüsseln wäre. Die algerischen Machthaber haben einen renommierten Autor und alten Mann, um dessen Gesundheit man ernsthaft fürchten muss, zum Sündenbock gemacht. Mit der Stilisierung eines äußeren Feindes versuchen sie ihr verunsichertes Regime mit einer karikaturalen Neuauflage des Unabhängigkeitskrieges und der Entkolonialisierung zu stützen. Es wäre Zeit, dass auch die in Algerien gut angesehene Bundesregierung sich für den Träger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels stärker einsetzt.Der algerische Schriftsteller, der am 16. November am Flughafen von Algier festgenommen eingesperrt wurde, blieb bei der Neujahrsamnestie des Präsidenten unberücksichtigt und trotz seines Alters und seines Krankheitszustands in Haft. Eine ordentliche Verteidigung hat er bis heute nicht, die juristischen Interventionen seines Pariser Verlages Gallimard verpufften. Eine reguläre Anklageschrift liegt offenbar nicht vor, man hört nur, dass ihm wegen Hochverrat der Prozess gemacht werden soll. Der algerische Staatspräsident Abdelmadjid Tebboune fühlte sich Ende Dezember bemüßigt, Frankreich und seinen Präsidenten Emmanuel Macron mit den Worten anzugreifen: "Sie schicken einen Betrüger, der seine Identität nicht kennt, seinen Vater nicht kennt und mit der Behauptung daherkommt, die Hälfte Algeriens gehöre zu einem anderen Staat."
Als kapitaler Verrat gelten Sansals Äußerungen gegenüber dem französischen Fernsehsender Frontières, die Westsahara gehöre zu Marokko, und mehr noch: auch Gebiete Westalgeriens um Oran und Tlemcen wären vor längerer Zeit einmal marokkanisch gewesen. Über die Historie des Maghreb kann man streiten, doch treffen solche Behauptungen ins Mark des hochsensiblen Nationalgefühls und des Anspruchs Algeriens, nationalrevolutionäre Befreiungsbewegungen in Afrika und darüber hinaus zu unterstützen. Algerien ist der Patron der Unabhängigkeitsbestrebungen der Frente Polisario in der ehemals spanischen Kolonie an der nordafrikanischen Atlantikküste, die von Marokko beansprucht wird.
Der renommierte Historiker Benjamin Stora, der dem französischen Staatspräsidenten geschichtspolitische Vorschläge zur Aussöhnung mit seiner ehemaligen, 1962 unabhängig gewordenen Kolonie vorgelegt hat, stellte Sansals Aussagen in Frage - gerade aus dem westlichen Teil Algeriens und Oran und Tlemcen seien Rebellionen und Initiativen zur Formierung der algerischen Nation ausgegangen, die bis 1832 zum Osmanischen Reich gehörte, ebenso zu Erringung der Unabhängigkeit im Befreiungskrieg 1954 bis 1962. Was Stoff für einen Historikerstreit gewesen wäre und zu einer sachlichen Klärung des angespannten Verhältnisses zwischen Algerien in seinem Nachbarn Marokko hätte beitragen können, die sich seit den 1960er Jahren in einem latenten Kriegszustand befinden, was also ein Meinungsstreit hätte bleiben müssen, entwickelte sich zur Staatsaffäre.
Streitpunkt ist die Autonomie der Westsahara, seit 1912 ein Protektorat Spaniens und nach dessen Rückzug 1967 für ein Referendum vorgesehen. Mit der Resolution 3292 hat die UN-Vollversammlung: Spanien aufgefordert, den Internationalen Gerichtshof über die Zugehörigkeit des westsaharischen Gebietes und damit die Zukunft das sahraouischen Volkes entscheiden zu lassen. Dem ist Marokko zuvorgekommen und hat den größten Teil der Westsahara besetzt und bevölkert. Algerien steht seither klar auf die Seite der Frente Polisario, deren Stützpunkt auf algerischem Gebiet in Tindouf liegt, einer von Tausenden Sahraoui bevölkerten Flüchtlingsstadt. Marokkos Landnahme, von großem patriotischem Tamtam begleitet, um von inneren Schwierigkeiten abzulenken, ist eindeutig illegal gewesen, aber eine friedliche Revision ist derzeit kaum zu erwarten.
Man versteht so das Engagement Algeriens, das sich in der Tradition der Antikolonialismus sieht und diversen Befreiungsbewegungen einschließlich der palästinenischen PLO und radikaleren Gruppen Exil und Unterstützung geboten hat. Palästina spielt in die Affäre Sansal hinein, insofern Marokko aus der Einheitsfront der arabischen Gegner Israels ausgeschert ist, die von Donald Trump eingefädelte "Abraham-Koalition" unterstützt und Jerusalem als Hauptstadt Israels anerkennt, während Algerien Israel weiter als zionistischen Feindstaat bekämpft.
Dass Frankreich gute Beziehungen zu Marokko pflegt und die Westsahara de facto als dessen Teil anerkennt, verstärkt den Zorn der algerischen Staatsführung, die ihre Legitimation und Reputation daraus bezieht, dass ihr immer noch ehemalige Unabhängigkeitskämpfer (moudjahedins) angehören. Auch die gegen diese Staatsführung gerichtete Demokratiebewegung Hirak, die von 2019 bis 2021 das Regime in Frage stellte, lässt es an Patriotismus nicht fehlen und dürfte in der Westsahara-Frage mit ihm einig sein. Denn auch sie agiert in dem Bewusstsein, den Befreiungskampf gegen Frankreich mit dem friedlichen Sturz des FLN-Regimes fort und zu Ende zu führen; auch sie ist antifranzösisch eingestellt.
Die offizielle Position Algeriens in der Sansal-Affäre ist, dass es sich um eine "franko-zionistische" Verschwörung zur Destabilisierung Algeriens handelt. Nur eine autokratisches Regime kann auf die absurde Idee kommen, eine Regierung beauftrage Schriftsteller wie Sansal oder seinen ebenso verfemten Freund Kamel Daoud oder die Presse, um einen anderen Staat zu destabilisieren. Aber auch nur ein autoritäres Regime tut genau das, nämlich algerische Influencer zu animieren oder gewähren zu lassen, die gegen Frankreich hetzen und via TikTok und andere Netzwerke Tausende gläubige Follower unter jungen algerischen Einwanderern ansprechen. Sie kolportieren den hysterischen Hochverratsvorwurf an einen ohnehin wegen seiner Regime- und Islamkritik verrufenen, in Algerien in faktischem Hausarrest lebenden Autor. Der Vorwurf an einen kritischen Schriftsteller, dessen Bücher nur auf Französisch vorliegen und in Algerien kaum erworben werden können, kommt einer Fatwa gleich, wie sie der Iran gegen Salman Rushdie verhängt hat. Es geht hier um das Recht auf die Freiheit auch "umstrittener" Meinungen und letztlich um Menschenrechte.
Umso kritikwürdiger sind damit "islamo-gauchistische" Positionen der französischen Linken, die Sansal seit Wochen wegen seiner Kritik am Islam und seiner Konfrontation in Zweifel ziehen und wie die grüne Abgeordnete Sandrine Rousseau mutmaßen, er sei ob seiner als "suprematistisch" bewerteten Äußerungen "auch kein Engel", ihm also gewissermaßen eine Mitschuld an seiner Einkerkerung zuschieben.
Der Fall Sansal hat somit viele Facetten, die ein anti- oder postkoloniales Selbstverständnis irritieren müssten. Dazu gehört erstens die bemerkenswerte Tatsache, dass Algerien die vom Kolonialismus mit dem Lineal gezogenen Grenzziehungen bekräftigt, um seine Nationsbildung ins 19. Jahrhundert zurück zu legitimieren, während Marokko auf vorkoloniale Wechselwirkungen in der Zeit seiner historischen Monarchien rekurriert, auch das natürlich zur Unterstützung des Legitimation seines heutigen autoritären Regimes.
Zweitens wird im postkolonialen Schema weitgehend von Kritik ausgenommen, was auf das Umkippen von Befreiungsbewegungen in autoritäre Regime hinweist, wie es im algerischen Fall auf der Hand liegt, der bei fast allen Indikatoren freiheitlicher Demokratie nicht allein im Bezug auf die Meinungs- und Pressefreiheit weit hinten rangiert. Sobald darauf hingewiesen wird, gilt dies als neokolonialer Affront und Einmischung in inneralgerische Angelegenheiten.
Aussöhnungsbemühungen, die es auch bei Algeriern gibt, werden damit unterlaufen, ebenso Bestrebungen einer innermaghrebinischen Verständigung, die alte Konflikte nicht leugnen soll, aber auf die Zukunft einer Region ausgerichtet sein müsste. Eine besondere Komplikation ist die Anwesenheit von Hunderttausenden Migrantinnen und Migranten algerischer Herkunft, meist im Besitz der französischen oder doppelten Staatsangehörigkeit, die in Loyalitätskonflikte geraten können. Dass Sansal seine Äußerungen in einem rechtsgerichteten Organ machte, das ein islamophobes Milieu bedient, macht die Sache nicht leichter.
Die Linke wirbt unter arabisch-islamischen Einwanderern um Stimmen und ist dabei oft genug geneigt, Religionskritik auf Christen zu beschränken, die frontale Attacke der Muslimbruderschaften auf den französischen Laizismus zu ignorieren, islamistische Gewalt zu verharmlosen und Menschenrechte "identitär" zu relativieren. Ihre antizionistische Agitation ist drittens häufig auf einer schiefen Bahn in den Antisemitismus, ein klares Bekenntnis zum Existenzrecht des Staates Israel fehlt zumeist. Selbst die völlig haltlosen, konspirationistischen Angriffe der algerischen Staatsführung und angeblich freier Influencer auf Frankreich im Allgemeinen und Präsident Macron im Besonderen finden in diesem Milieu ein hämisches Echo.
Boualem Sansal ist Opfer dieses erinnerungskulturellen und geschichtspolitischen Chaos geworden. Die algerischen Machthaber haben einen renommierten Autor und alten Mann, um dessen Gesundheit man ernsthaft fürchten muss, zum Sündenbock gemacht, mit der Stilisierung eines äußeren Feindes versuchen sie ihr verunsichertes Regime mit einer karikaturalen Neuauflage des Unabhängigkeitskrieges und der Entkolonialisierung zu stützen. Es hat sich an einem mutigen Schriftsteller vergriffen, der ihm schon lange auf die Nerven fiel. Das ist ein dummer und barbarischer Akt, der nach einer entschiedenen Antwort der europäischen Öffentlichkeit und Politik verlangt - aber sie hat sich bisher aus Furcht vor negativen Folgen für Sansal, aber auch im Blick auf die Abhängigkeit von Erdöl- und Erdgaslieferungen zurückgehalten.
Macron hat am 6. Januar Klartext gesprochen: "Algerien, das wir so sehr lieben und mit dem wir so viele Kinder und so viele Geschichten teilen, tritt in eine Geschichte ein, die es entehrt, indem es einen schwerkranken Mann daran hindert, sich behandeln zu lassen. Das wird dem, was sie ist, nicht gerecht. Ich fordere seine Regierung nachdrücklich auf, Boualem Sansal freizulassen". Es wäre Zeit, dass auch die in Algerien besser angesehene Bundesregierung sich den Träger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels stärker einsetzt.
Claus Leggewie
Als kapitaler Verrat gelten Sansals Äußerungen gegenüber dem französischen Fernsehsender Frontières, die Westsahara gehöre zu Marokko, und mehr noch: auch Gebiete Westalgeriens um Oran und Tlemcen wären vor längerer Zeit einmal marokkanisch gewesen. Über die Historie des Maghreb kann man streiten, doch treffen solche Behauptungen ins Mark des hochsensiblen Nationalgefühls und des Anspruchs Algeriens, nationalrevolutionäre Befreiungsbewegungen in Afrika und darüber hinaus zu unterstützen. Algerien ist der Patron der Unabhängigkeitsbestrebungen der Frente Polisario in der ehemals spanischen Kolonie an der nordafrikanischen Atlantikküste, die von Marokko beansprucht wird.
Der renommierte Historiker Benjamin Stora, der dem französischen Staatspräsidenten geschichtspolitische Vorschläge zur Aussöhnung mit seiner ehemaligen, 1962 unabhängig gewordenen Kolonie vorgelegt hat, stellte Sansals Aussagen in Frage - gerade aus dem westlichen Teil Algeriens und Oran und Tlemcen seien Rebellionen und Initiativen zur Formierung der algerischen Nation ausgegangen, die bis 1832 zum Osmanischen Reich gehörte, ebenso zu Erringung der Unabhängigkeit im Befreiungskrieg 1954 bis 1962. Was Stoff für einen Historikerstreit gewesen wäre und zu einer sachlichen Klärung des angespannten Verhältnisses zwischen Algerien in seinem Nachbarn Marokko hätte beitragen können, die sich seit den 1960er Jahren in einem latenten Kriegszustand befinden, was also ein Meinungsstreit hätte bleiben müssen, entwickelte sich zur Staatsaffäre.
Streitpunkt ist die Autonomie der Westsahara, seit 1912 ein Protektorat Spaniens und nach dessen Rückzug 1967 für ein Referendum vorgesehen. Mit der Resolution 3292 hat die UN-Vollversammlung: Spanien aufgefordert, den Internationalen Gerichtshof über die Zugehörigkeit des westsaharischen Gebietes und damit die Zukunft das sahraouischen Volkes entscheiden zu lassen. Dem ist Marokko zuvorgekommen und hat den größten Teil der Westsahara besetzt und bevölkert. Algerien steht seither klar auf die Seite der Frente Polisario, deren Stützpunkt auf algerischem Gebiet in Tindouf liegt, einer von Tausenden Sahraoui bevölkerten Flüchtlingsstadt. Marokkos Landnahme, von großem patriotischem Tamtam begleitet, um von inneren Schwierigkeiten abzulenken, ist eindeutig illegal gewesen, aber eine friedliche Revision ist derzeit kaum zu erwarten.
Man versteht so das Engagement Algeriens, das sich in der Tradition der Antikolonialismus sieht und diversen Befreiungsbewegungen einschließlich der palästinenischen PLO und radikaleren Gruppen Exil und Unterstützung geboten hat. Palästina spielt in die Affäre Sansal hinein, insofern Marokko aus der Einheitsfront der arabischen Gegner Israels ausgeschert ist, die von Donald Trump eingefädelte "Abraham-Koalition" unterstützt und Jerusalem als Hauptstadt Israels anerkennt, während Algerien Israel weiter als zionistischen Feindstaat bekämpft.
Dass Frankreich gute Beziehungen zu Marokko pflegt und die Westsahara de facto als dessen Teil anerkennt, verstärkt den Zorn der algerischen Staatsführung, die ihre Legitimation und Reputation daraus bezieht, dass ihr immer noch ehemalige Unabhängigkeitskämpfer (moudjahedins) angehören. Auch die gegen diese Staatsführung gerichtete Demokratiebewegung Hirak, die von 2019 bis 2021 das Regime in Frage stellte, lässt es an Patriotismus nicht fehlen und dürfte in der Westsahara-Frage mit ihm einig sein. Denn auch sie agiert in dem Bewusstsein, den Befreiungskampf gegen Frankreich mit dem friedlichen Sturz des FLN-Regimes fort und zu Ende zu führen; auch sie ist antifranzösisch eingestellt.
Die offizielle Position Algeriens in der Sansal-Affäre ist, dass es sich um eine "franko-zionistische" Verschwörung zur Destabilisierung Algeriens handelt. Nur eine autokratisches Regime kann auf die absurde Idee kommen, eine Regierung beauftrage Schriftsteller wie Sansal oder seinen ebenso verfemten Freund Kamel Daoud oder die Presse, um einen anderen Staat zu destabilisieren. Aber auch nur ein autoritäres Regime tut genau das, nämlich algerische Influencer zu animieren oder gewähren zu lassen, die gegen Frankreich hetzen und via TikTok und andere Netzwerke Tausende gläubige Follower unter jungen algerischen Einwanderern ansprechen. Sie kolportieren den hysterischen Hochverratsvorwurf an einen ohnehin wegen seiner Regime- und Islamkritik verrufenen, in Algerien in faktischem Hausarrest lebenden Autor. Der Vorwurf an einen kritischen Schriftsteller, dessen Bücher nur auf Französisch vorliegen und in Algerien kaum erworben werden können, kommt einer Fatwa gleich, wie sie der Iran gegen Salman Rushdie verhängt hat. Es geht hier um das Recht auf die Freiheit auch "umstrittener" Meinungen und letztlich um Menschenrechte.
Umso kritikwürdiger sind damit "islamo-gauchistische" Positionen der französischen Linken, die Sansal seit Wochen wegen seiner Kritik am Islam und seiner Konfrontation in Zweifel ziehen und wie die grüne Abgeordnete Sandrine Rousseau mutmaßen, er sei ob seiner als "suprematistisch" bewerteten Äußerungen "auch kein Engel", ihm also gewissermaßen eine Mitschuld an seiner Einkerkerung zuschieben.
Der Fall Sansal hat somit viele Facetten, die ein anti- oder postkoloniales Selbstverständnis irritieren müssten. Dazu gehört erstens die bemerkenswerte Tatsache, dass Algerien die vom Kolonialismus mit dem Lineal gezogenen Grenzziehungen bekräftigt, um seine Nationsbildung ins 19. Jahrhundert zurück zu legitimieren, während Marokko auf vorkoloniale Wechselwirkungen in der Zeit seiner historischen Monarchien rekurriert, auch das natürlich zur Unterstützung des Legitimation seines heutigen autoritären Regimes.
Zweitens wird im postkolonialen Schema weitgehend von Kritik ausgenommen, was auf das Umkippen von Befreiungsbewegungen in autoritäre Regime hinweist, wie es im algerischen Fall auf der Hand liegt, der bei fast allen Indikatoren freiheitlicher Demokratie nicht allein im Bezug auf die Meinungs- und Pressefreiheit weit hinten rangiert. Sobald darauf hingewiesen wird, gilt dies als neokolonialer Affront und Einmischung in inneralgerische Angelegenheiten.
Aussöhnungsbemühungen, die es auch bei Algeriern gibt, werden damit unterlaufen, ebenso Bestrebungen einer innermaghrebinischen Verständigung, die alte Konflikte nicht leugnen soll, aber auf die Zukunft einer Region ausgerichtet sein müsste. Eine besondere Komplikation ist die Anwesenheit von Hunderttausenden Migrantinnen und Migranten algerischer Herkunft, meist im Besitz der französischen oder doppelten Staatsangehörigkeit, die in Loyalitätskonflikte geraten können. Dass Sansal seine Äußerungen in einem rechtsgerichteten Organ machte, das ein islamophobes Milieu bedient, macht die Sache nicht leichter.
Die Linke wirbt unter arabisch-islamischen Einwanderern um Stimmen und ist dabei oft genug geneigt, Religionskritik auf Christen zu beschränken, die frontale Attacke der Muslimbruderschaften auf den französischen Laizismus zu ignorieren, islamistische Gewalt zu verharmlosen und Menschenrechte "identitär" zu relativieren. Ihre antizionistische Agitation ist drittens häufig auf einer schiefen Bahn in den Antisemitismus, ein klares Bekenntnis zum Existenzrecht des Staates Israel fehlt zumeist. Selbst die völlig haltlosen, konspirationistischen Angriffe der algerischen Staatsführung und angeblich freier Influencer auf Frankreich im Allgemeinen und Präsident Macron im Besonderen finden in diesem Milieu ein hämisches Echo.
Boualem Sansal ist Opfer dieses erinnerungskulturellen und geschichtspolitischen Chaos geworden. Die algerischen Machthaber haben einen renommierten Autor und alten Mann, um dessen Gesundheit man ernsthaft fürchten muss, zum Sündenbock gemacht, mit der Stilisierung eines äußeren Feindes versuchen sie ihr verunsichertes Regime mit einer karikaturalen Neuauflage des Unabhängigkeitskrieges und der Entkolonialisierung zu stützen. Es hat sich an einem mutigen Schriftsteller vergriffen, der ihm schon lange auf die Nerven fiel. Das ist ein dummer und barbarischer Akt, der nach einer entschiedenen Antwort der europäischen Öffentlichkeit und Politik verlangt - aber sie hat sich bisher aus Furcht vor negativen Folgen für Sansal, aber auch im Blick auf die Abhängigkeit von Erdöl- und Erdgaslieferungen zurückgehalten.
Macron hat am 6. Januar Klartext gesprochen: "Algerien, das wir so sehr lieben und mit dem wir so viele Kinder und so viele Geschichten teilen, tritt in eine Geschichte ein, die es entehrt, indem es einen schwerkranken Mann daran hindert, sich behandeln zu lassen. Das wird dem, was sie ist, nicht gerecht. Ich fordere seine Regierung nachdrücklich auf, Boualem Sansal freizulassen". Es wäre Zeit, dass auch die in Algerien besser angesehene Bundesregierung sich den Träger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels stärker einsetzt.
Claus Leggewie
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