Julian Barnes: Abschied(e)Aus dem Englischen von Gertraude Krueger. Julian Barnes wird im Januar 2026 achtzig Jahre alt. Er weiß, dass die längste Zeit seines Lebens hinter ihm liegt, und er möchte…
Die zwei wichtigsten Neuentdeckungen in der türkischen Literatur waren Murathan Mungan und Perihan Magden. Perihan Magdens Istanbul-Story "Zwei Mädchen" ein Roman über eine zerstörerische Mädchenfreundschaft, wurde zwar nicht besprochen, doch der Autorin und ihren Büchern widmeten SZ und FAZ zwei längere Porträts. Magden ist nicht nur eine sehr erfolgreiche Buchautorin in der Türkei, sie ist außerdem eine scharfzüngige Kolumnistin, die ihre Meinungsfreiheit mehr als einmal vor Gericht verteidigen musste. "Perihan Magden ist unbequem, eine Geißel für Kriegstreiber und Generäle, für selbstherrliche Staatsanwälte und verbohrte Nationalisten, auf die sie immer wieder in ihren Büchern und auch in ihrer Kolumne in der linksliberalen Zeitung Radikal eindrischt, die Pflichtlektüre der türkischen Intellektuellen", schrieb die FAZ. Aber auch die kemalistische Istanbuler Elite verschont sie nicht mit ihrem Spott: "Diese sogenannten Säkularen. Die halten sich für die goldenen Herren des Landes. Die schauen auf die Anatolier in der AKP und sagen: 'WIR sind doch die schönen Türken. WIR gehen ins Ballett. WIR sollten regieren. Nicht diese Bauern. Wie können sie es wagen!' Also suchen sie Schutz bei der Armee", zitiert sie die SZ.
Murathan Mungans Roman "Tschador" () erzählt auf 127 Seiten von einem jungen Mann, der nach einem nicht näher bezeichneten Krieg in seine Heimat zurückkommt und seine Familie nicht mehr wiederfindet. Es regieren jetzt die "Soldaten des Islam". Alle Bilder sind abgehängt und die Frauen durch den Tschador unsichtbar gemacht. Die Kritiker waren spürbar beeindruckt: "Es ist ein islamisches 'Waste Land', in dem allein noch die Albträume gedeihen. Auch ein islamisches 'Draußen vor der Tür', dessen Cantus firmus das fast unhörbare Zuziehen von Türen bildet, die sich sachte, doch unerbittlich wie Sargdeckel schließen", schrieb die Welt. Für die SZ hat Mungan "fundamentalistisches Gedankengut besser auf den Punkt gebracht als jeder Kopftuchstreit". Die taz bewundert die hohe sprachliche Eleganz des Romans, die Zeit sprach gar von "betörender Mondstaub-Prosa". 
In "Istanbul war ein Märchen" erzählt Mario Levi am Beispiel einer Familie die Geschichte der Juden Istanbuls. Die NZZ rühmt die "poetische Schönheit" des Romans und fühlt sich an Joyce erinnert. Für die FR ist es ein mit großer Zärtlichkeit entworfener Jahrhundertroman, ein Buch, "das von jüdischen Kaufleuten, Künstlern und Tagedieben in Istanbul erzählt, ein Werk der erklärten Lücken, der Mutmaßungen". Der 1972 geborene Murat Uyurkulak schildert in seinem Debütroman "Zorn" die linksradikale Szene in der Türkei in den siebziger Jahren. Die taz findet das "furios" erzählt. Eindringlich würden Repressionsapparat auf der einen Seite und "Ohnmacht und Hass auf den Staat" auf der anderen Seite beschrieben. 

Geradezu ergriffen waren die Rezensenten von Orhan Pamuks "Das Museum der Unschuld" Es ist ein Roman über eine große, gescheiterte Liebe. Pamuk beschreibt darin die "Vergesellschaftung" der Gefühle bis in ihre intimsten Regungen, so die Zeit, die "unnennbar ergriffen' war. Ähnlich erging es FAZ, taz, NZZ und SZ. Nur die FR gab zu, dass sie sich beim Lesen gelangweilt hat und schlussendlich das Nachdenken über den Roman lohnender fand als die Lektüre selbst. Freundlich besprochen wurden außerdem Elif Shafaks "Der Bonbonpalast" ein Roman, der die Geschichten von zehn sehr unterschiedlichen Bewohnern eines Istanbuler Mietshauses erzählt (hier eine Leseprobe). Sebnem Isigüzels "Am Rand" erzählt parallel die Geschichte von Leyla, Diplomatentocher, Schachtalent und Königin der Istanbuler Mülldeponie, und der psychisch kranken Musikwissenschaftlerin Yildiz (hier eine Leseprobe).
Wiederentdeckt wurden auch zwei bedeutende Klassiker: Ahmet Hamdi Tanpinar (1901-1921) und Nazim Hikmet (1902-1963). Tanpinar ist keine Lektüre für Liebhaber des sprachlichen Minimalismus. Die Helden seiner Romane "Seelenfrieden" und "Das Uhrenstellinstitut" tun sich schwer in der modernen Türkei des Atatürk. Nuran, der verliebte Held in "Seelenfrieden", sehnt sich nicht nur nach seiner Geliebten, sondern auch nach der Poesie und Wärme des Osmanischen Reiches. Die Zeit verneigte sich vor der "metaphernreiche Beschreibungskunst" Tanpinars, die FAZ reagierte leicht abwehrend auf die "vergeistigte Glut". Die NZZ dachte an Proust.
Mit sehr großem Lob bedacht wurde Klaus Kreisers Atatürk-Biografie Die Rezensenten bewunderten nicht nur die Materialfülle des Buchs und die kenntnisreichen Ausführungen, sondern auch die lebendige und packende Darstellung. Necla Keleks kritisches Buch über die heutige Türkei, "Bittersüße Heimat" wurde bisher nur mit einer missmutigen Kritik in der taz bedacht, die ihr das "Pathos der Konvertitin" unterstellt: Das soll man halt nicht, sich von einem Glauben befreien. Gerade die Linke ist es ja, die heute auf traditionelle Werte wie Sitte, Religion, Familie pocht, zumindest bei den anderen. Kelek schreibt in dem Buch einmal mehr, warum sie das nicht will. Mehr noch aber ist das Buch eine Auseinandersetzung mit den Rissen und Abgründen in allen politischen Lagern der Türkei - bei den Kemalisten genauso wie der AKP. Und es reflektiert die Rolle der Türkei im Zweiten Weltkrieg, die leider nicht sehr ruhmvoll ist. Man lernt eine Menge, in zugleich faktenreicher und persönlicher Art der Darstellung!