Elif Shafak

Der Bonbonpalast

Roman
Cover: Der Bonbonpalast
Eichborn Verlag, Berlin 2008
ISBN 9783821858067
Gebunden, 472 Seiten, 19,95 EUR

Klappentext

Aus dem Türkischen von Eric Czotscher. Ein ehemals prachtvolles Haus im Zentrum von Istanbul, gebaut von einem russischen Adeligen für seine Frau, ist der Schauplatz dieses Romans. Inzwischen ist der "Bonbonpalast" allerdings ziemlich verwittert - und Heimstatt nicht nur für eine, sondern gleich für zehn sehr unterschiedliche Familien. In der Erzählung ihrer Schicksale, Tragödien und Komödien folgt "Der Bonbonpalast" der Struktur von "Tausendundeiner Nacht". In loser Folge und doch aufeinander bezogen werden die Schicksale und Erlebnisse eines zutiefst frommen Mannes, zweier ungleicher Zwillinge, die einen Friseursalon betreiben, eines namenlosen Ich-Erzählers, einer rätselhaften alten Frau, einer charmanten Schönheit und eines Marihuana rauchenden Studenten mit Hund erzählt - und damit die des Gebäudes und der Stadt. Gegenwart, Vergangenheit, Zukunft, alles fließt in diesem Roman zusammen, der vor Geschichten nur so sprudelt, Geschichten, die so unglaublich sind und so real wie der Geruch des Hauses, dessen Quelle ganz am Ende an unerwarteter Stelle gefunden wird.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 27.01.2009

Die Opulenz dieses Romans von Elif Shafak um ein einst prächtiges Istanbuler Wohngebäude, das zu einem mit Müllproblemen behafteten Mietshaus mit äußerst skurrilen Bewohnern heruntergekommen ist, hat Claudia Kramatschek zunächst durchaus gefesselt. Die türkische Autorin nimmt Müll zu ihrem originellen "Leitmotiv", um das Konglomerat an Kulturen, Völkern und Sprachen am Bosporus in seiner ganzen schillernden Vielfalt darzustellen und um dem "auf Reinheit erpichten türkischen Nationalismus" etwas entgegenzusetzen, so die Rezensentin ganz einverstanden. Ihre üppigen, verspielte Sprache und die verschlungenen Erzählstränge allerdings erzeugen bei Kramatschek nicht nur eine gewisse Übersättigung, sie lassen in ihr auch die ungute Vermutung reifen, Shafak, die bereits eine Anklage wegen "Verunglimpfung des Türkentums" hinnehmen musste, versuche mit der sprachlichen und formalen Verspieltheit ihre Intentionen zu verschleiern.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 16.10.2008

Arno Widman empfiehlt uns Elif Shafak als eine der "wichtigsten" Autorinnen der Türkei, die von Kemalisten wie von islamischen Fundamentalisten gleichermaßen abgelehnt wird. Den Roman "Bonbonpalast", der die Geschichte eines heruntergekommenen Prunkhauses und seiner Bewohner in Istanbul erzählt, preist der Rezensent als großes Lesevergnügen, was einer politischen Lektüre nicht unbedingt Vorschub leistet, wie er betont. Ohne in Orientalismus oder Kitsch zu verfallen, fasst Shafak in einer Atmosphäre wie aus 1001 Nacht die Istanbuler Hausgemeinschaft ins Auge und es entsteht eine vielstimmige "Sinfonie der Großstadt", in der "Ernst und Gelächter" so schnell wechseln, dass es dem Rezensenten ganz schwindlig wird. Am Ende ist Widmann richtig bekümmert, dass er Abschied von den liebenswerten Hausbewohnern nehmen muss, so sehr ist er in ihren Bann geraten.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 16.10.2008

Kein großer Wurf, aber ein vitales, gelegentlich etwas überladenes Stück Istanbul, schreibt Rezensentin Bernadette Conrad über den neuen, 2002 im Original erschienenen Roman von Elif Shafak. Auch hier zeigt sich der Rezensentin das Talent der Autorin, bittere Wahrheiten süß zu verpacken: die Geschichte eines palastartigen Hauses aus der osmanischen Epoche, das die Zeit als "zugemülltes, stinkendes Anwesen" voller leicht verrückter Bewohner überlebte. Die Höhepunkte des Romans bestehen für Conrad aus grotesken Zuspitzungen und gigantischen Übertreibungen, da aus ihrer Sicht die Sprache dieser Schriftstellerin gerade in der vitalen Komik zu sich findet. Insgesamt ist ihr aber alles ein wenig zu bunt, weil der Roman mehr Geschichten berge, als der Bonbonpalast Wohnungen habe, von denen außerdem keine zu Ende erzählt wird.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.10.2008

Modern oder traditionell? Wie die Stadt, in der dieser Text spielt, erscheinen Friedmar Apel das Konstruktionsprinzip und die Poetik des Romans von Elif Shafak. Als sinnbildlich dafür erkennt Apel den Müll vor dem Mietshaus mit seinen zehn so unerschiedlichen Parteien. Auch in ihm, meint Apel, vermengen sich Historie und Gegenwart. Was der Erzähler an Geschichten daraus zusammenbraut, kommt Apel mitunter leicht verquasselt vor. Der Stil der Autorin jedoch reißt das raus. Als munter, sinnlich und liebevoll, aber auch von kritischer Sachlichkeit durchsetzt charakterisiert Apel ihn. Und regelrecht verlockend findet er die darin zum Ausdruck kommende Utopie von einem Istanbul mitten in Europa.
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Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 04.10.2008

Schön zu lesen, aber alles in allem dann doch ein wenig harmlos, findet Rezensent Jörg Magenau diesen Roman. Es geht darin, wie Magenau schreibt, um die Geschichte eines Hauses in Istanbul und der Bewohner, die in seinen zehn nummerierten Wohnungen leben. Lauter seltsame Menschen, wenn man dem Rezensenten Glauben schenkt. Zwar versteht es die Autorin seiner Ansicht nach, die Geschichten dieser so unterschiedlichen Menschen behutsam miteinander zu verweben und widersteht auch der Versuchung, allzu "symbolistisch" mit der Schilderung der Stadt Istanbul und ihrer Gedächtnislosigkeit und Geschichtsvergessenheit zu verfahren. Trotzdem ist das Buch für seinen Geschmack eine Spurt zu konfliktlos und unterhaltsam ausgefallen, ein Sachverhalt, den er mit den politischen Schwierigkeiten in Verbindung bringt, die sich Elif Shafak mit ihrem letzten Roman "Der Bastard von Istanbul" eingehandelt hat.