Bücher der Saison

Lyrik

Eine Auswahl der interessantesten, umstrittensten und meist besprochenen Bücher der Saison.
18.11.2024. Twitterpoesie von Clemens J. Setz, Alda Merinis Welt aus Rhythmus und Klang, Agi Mishols zwiespältiges Heimatgefühl, Word paintings von Yusef Komunyakaa.
Romane / Krimis / Lyrik / Briefe und Erinnerungen / Reportagen / Sachbücher / Politische Bücher


"Das All im eignen Fell" (bestellen) ist ein Erinnerungsbuch von Clemens J. Setz an Gedichte - von ihm und von anderen -, die auf Twitter erschienen sind, als die Zeichenzahl noch auf 140 beschränkt war. Diese Begrenzung hat Elon Musk nach seiner Übernahme von Twitter aufgehoben und schlimmer noch, er lässt Accounts, die über längere Zeit inaktiv waren, unwiederbringlich löschen: "Wenn keine Sicherungskopien existieren, befinden sich diese wunderbaren Werke, ein höchst seltsamer Gedanke, inzwischen tatsächlich außerhalb des Universums, und man kann sich, so wie ich das hier versuchen werde, nur noch an sie erinnern", schreibt Setz trauert um das Werk "unseres Rimbauds" @LunaticAbsturz oder @Computerfan2001. Meike Feßman taucht für Dlf Kultur begeistert in diese materialreiche Analyse der goldenen Jahre der Twitter-Lyrik ein, ebenso Björn Hayer (FR) der eine "dichterische Wildnis" entdeckt, die sich neben "Existenzreflexionen" durch ihren Humor auszeichnet. Nele Pollatschek, eigentlich bekennende Twitter-Hasserin, findet hier manche Inspiration, wie sie in der Zeit erzählt: Zum Beispiel "es ist herbts/auf dem feld/die kürben", das die Kritikerin an Herbsttagen regelmäßig rezitiert, wie sie bekundet. Sehr schön auch: "Manchmal hebt sich ein Gedanke/wie so eine Parkplatzschranke//und so können Maus und Lurch/wieder ungehindert durch."

Auf Daniela Seels Langgedicht "Nach Eden" (bestellen) hat Marie Luise Knott in ihrer "Tagtigall" eine kleine Hymne geschrieben: Es "folgt einem im besten Sinne feministischen Ansatz. Das Ich im Band denkt 'von Eva her', davon her, dass Eva 'wusste, was sie tat, als sie aß'. Seel sieht Evas 'Vertreibung' tatsächlich ... als eine Entscheidung für Neugier, Erkenntnishunger, Verantwortung, Urteilsvermögen, für Lust und Mut." In 76 Kurz- und Kürzesttexten strahlt eine "poetisch radikale Glutmitte" um Themen wie Mutterschaft, der freie Wille, Hexenverfolgung und Naturzerstörung, bemerkt Angelika Overath, die das Buch in der FAZ empfiehlt.

Die vor 15 Jahren verstorbene italienische Dichterin Alda Merini findet man in ihrem Heimatland in jeder Buchhandlung, Zeit, dass sie auch hier bekannt wird, findet SZ-Kritiker Reinhard J. Brembeck und legt uns eine zweisprachige Auswahl von Merini aus 62 Jahren ans Herz: "Die schönsten Gedichte schreibt man auf Steine" (bestellen). Schon ihr Leben erinnert den Kritiker an einen fantastischen Film: Sie wurde von Pier Paolo Pasolini gelobt, von Salvatore Quasimodo geliebt und in der Psychiatrie mit Elektroschocks behandelt - ein Leben wie ein Drehbuch, staunt Brembeck, der ihre Gedichte "direkt ins Herz" gehen fühlt, ob sie nun von Liebe, Gott, Zwangsjacken oder Orpheus spricht. Brembeck ahnt, warum die Dichterin in Deutschland unbekannt ist: Alltagsszenen, Alltagssprache, "das Fehlen von Gedankenlyrik, da die Merini Gedanken immer in betörend diesseitigen Bildern transportiert". Im Dlf Kultur ist Nico Bleutge fasziniert, wie Merini es schafft, von der eigenen Geschichte zu abstrahieren und ihren Stoff in eine Welt aus Rhythmus und Klang zu verwandeln. Und noch eine Unbekannte gilt es zu entdecken, Agi Mishol, die populärste Lyrikerin Israels, wie Sigrid Brinkmann im dlf Kultur schreibt. Ihr zweisprachiger Band "Gedicht für den unvollkommenen Menschen" (bestellen) beschreibt empathisch ihr Leben als Landwirtin an der Grenze zum Gazastreifen, erzählt Ilma Rakusa in der NZZ. Aber auch Politisches spielt eine Rolle, so Rakusa, der die Mischung aus Hoch- und Umgangssprache gut gefällt. Für den FAZ-Rezensenten Alexandru Bulucz ist es nicht weniger als "an Vollkommenheit grenzende" Lyrik. Ohne jede überflüssige Zeile beschreibe Mishol ein zwiespältiges Heimatgefühl, fußend auch auf der Biografie der Autorin, die selbst als Kind ungarisch-jüdischer Schoa-Überlebender nach dem Zweiten Weltkrieg aus Rumänien nach Israel auswanderte, wie Bulucz erklärt. Insgesamt zeigt Mishol eine Lebensrealität, die den meisten von uns unbekannt sein dürfte, meint Insa Wilke in der SZ, und ist schon allein deshalb lesenswert.

Und auf noch drei Bücher möchten wir hinweisen: Der afroamerikanische Dichter, Vietnam-Veteran und Jazz-Fan Yusef Komunyakaa bezeichnet seine Gedichte, die der Band "Der Gott der Landminen" (bestellen) in einer Auswahl versammelt, als "Word paintings", ein musikalischer, neben dem Jazz auch von Blues und Soul beeinflusster Rhythmus grundiert sie, erzählt in der FAZ Beate Tröger. Marianna Kijanowska hat mit "Babyn Jar" (bestellen) den Opfern des Massenmords in Babyn Jar ein "würdiges, ein wortgewaltiges Denkmal" gesetzt, so Jens Uthoff in der taz. 1941 wurden dort mehr als 33 000 Kiewer Juden von den deutschen Einsatzgruppen, der Wehrmacht und lokalen Helfern erschossen. In rund sechzig Gedichten mit unregelmäßgem Versmaß, das das Stolpernde des Todesmarsches erinnern lässt, widmet sie sich pro Text einem Opfer, sodass ein "Wimmelbild fiktiver Endzeitporträts" entsteht, schreibt Kerstin Holm in der FAZ. Im Dlf hält Nico Bleutge das Buch für einen wichtigen Erinnerungsversuch. Und auch Ilma Rakusa (NZZ) ist beeindruckt, mit wieviel Empathie und "Sinn für Details" Kijanowksa die letzten Momente vor dem Massaker imaginiert. Und zum Schluss sei noch ein Hörbuch empfohlen mit Gedichten von Georg Trakl: "Trakl-Sound" (bestellen), hörbar gemacht durch 32 Vorleser, ist ein phänomenales, mit Musik unterlegtes Hörerlebnis, versichert Irene Bazinger in der FAZ.

Empfehlungen für weitere Gedichtbände finden Sie in Marie Luise Knotts Lyrikkolumne "Tagtigall" und über unsere erweiterte Suche.

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