Marianna Kijanowska

Babyn Jar. Stimmen

Gedichte. Ukrainisch und deutsch
Cover: Babyn Jar. Stimmen
Suhrkamp Verlag, Berlin 2024
ISBN 9783518431764
Gebunden, 155 Seiten, 24,00 EUR

Klappentext

Aus dem Ukrainischen von Claudia Dathe. In Babyn Jar, einer Schlucht bei Kiew, wurden Ende September 1941 mehr als 33 000 Kiewer Juden von den deutschen Einsatzgruppen, der Wehrmacht und lokalen Helfern erschossen. Das Hier und Jetzt jener endlosen Tage verwandelt die ukrainische Lyrikerin Marianna Kijanowska in eine nicht mehr weichende Gegenwart. Die 67 Gedichte ihres Zyklus, die "Stimmen", sind fiktive Selbstaussagen von Kiewer Bürgern, die durch die Straßen getrieben wurden, aber auch von anderen, die am Fenster standen oder von ferne die Schüsse hörten. Das Buch ist in vieler Hinsicht einzigartig und wird Anlass zu Diskussionen geben. Der wohl bedeutsamste Aspekt: eine nicht-jüdische Ukrainerin klagt und erinnert an die Kiewer Juden, deren Ermordung erst nach und nach den Platz in der Erinnerungskultur der heutigen Ukraine einnimmt. Ihr Gedichtzyklus ist ein Monument aus Stimmen - visionär und verfremdend zugleich.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.10.2024

In Babyn Jar fand 1941 das größte Massaker des Holocausts statt, weiß Rezensentin Kerstin Holm, die ukrainische Dichterin Marianna Kijanowska hat 2017 einen Gedichtband darüber geschrieben, der nun dank der Nachdichtungen von Claudia Dathe endlich auch auf Deutsch vorliegt. In rund sechzig Gedichten mit unregelmäßgem Versmaß, das das Stolpernde des Todesmarsches erinnern lässt, widmet sie sich pro Text einem Opfer, sodass ein "Wimmelbild fiktiver Endzeitporträts" entsteht, in dem in apokalyptischer Manier etwa von einer Frau schreibt, die ihren toten Bräutigam nach sich suchen sieht oder von einem Rabbi, der erschossen wird. Ein wichtiges literarisches Denkmal, bekräftigt Holm, die zudem weiß, dass der Band der Auftakt einer Trilogie über die Kriege werden soll, die die Ukraine heimgesucht haben.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 09.08.2024

Das kollektive Erinnern an den Massenmord in Babyn Jar ist noch nicht alt, weiß Rezensent Jens Uthoff. Marianna Kijanowska hat den jüdischen Opfern nun ein "würdiges, ein wortgewaltiges Denkmal" gesetzt und damit einen wichtigen Beitrag zu dieser noch jungen Erinnerungskultur geleistet, so Uthoff. In 67 Gedichten lässt sie fiktive Opfer für die realen Opfer sprechen, imaginiert ihre letzten Gedanken vor ihrem Tod. Mit verschiedenen sprachlichen Mitteln - Zeilensprüngen, Onomatopoesie, Wiederholungen und vielen Verweisen, zum Beispiel auf den Tanach, macht sie so das unaussprechliche Grauen begreiflich, so der Rezensent, der das Buch auch zum Anlass nimmt, auf die übrige, weitestgehend unbekannte Literatur über Babyn Jar und jüdisches Leben in der Ukraine aufmerksam zu machen, etwa Jewgeni Jewtuschenkos Gedicht "Babij Jar".

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk, 16.07.2024

Rezensent Nico Bleutge hält Mariana Kijanowskas Buch für einen wichtigen Erinnerungsversuch. Dass die Autorin gegen alle Einwände den Weg der Fiktionalisierung und der Einfühlung wählt, wenn sie sich dem Massaker und den Toten von Babyn Jar nähert, scheint Bleutge nicht grundsätzlich problematisch. Mitunter gelingen der Autorin im Zusammenspiel mit genauer Recherche historischer Quellen schlagende Details, findet er. Auch wo die Gedichte sich selbst reflektieren, sind sie überzeugend, glaubt der Rezensent. Richtig schwierig findet er jedoch die Verwendung von Endreimen im Original, weil diese Harmonie suggerieren. Dass die Übersetzerin Claudia Dathe ausgerechnet diese Endreime nicht übersetzt, scheint Bleutge allerdings auch keine Lösung zu sein.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 29.06.2024

67 Stimmen versammeln sich in Marianna Kijanowskas Gedichtband über das Massaker von Babyn Jar und evozieren zwar fiktional, aber doch sehr authentisch den "Holocaust durch Erschießen": Damit rufen sie, so Kritiker Christian Thomas, die Erinnerung an ein historisches Ereignis fest, das in der Nachkriegszeit massiv verdrängt wurde, auch in der BRD. In der "fernen Schlucht am Rande der Stadt" starben 33 000 Mensche, der Befehl, beim Morden Munition zu sparen, sorgte dafür, dass "nachts die gruben stöhnen", zitiert der Rezensent.  Übersetzt worden sind die Gedichte von Claudia Dathe, die nicht alle Reime, aber den gehetzten Rhythmus der Verse übertragen hat, so Thomas. Der Auftakt einer Trilogie über den Tod in der Ukraine, den der Rezensent unbedingt zur Lektüre nahelegt.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 26.06.2024

Rezensentin Ilma Rakusa ist beeindruckt von Mariannas Kijanowskas Lyrik-Anthologie. Mit "großer Empathie" und "Sinn für Details" imaginiert Kijanowksa darin die letzten Momente vor dem Massaker in der Schlucht von Babin Jar bei Kiew. Die Lektüre dieser fiktiven Stimmen, die in der Erschießungskolonne den Tod ihrer Mitmenschen beklagen und gezwungen sind, ihre eigenen Gräber zu schaufeln, hat bei Rakusa eine nachhaltige Wirkung hinterlassen. Die Kritikerin betont Kijanowskas Imaginationskraft und zeigt sich durch den "stockenden, fragmentarischen" Ausdruck berührt, mit dem sie die Schicksale der in Babin Jar ermordeten Opfer wiedergibt. So zeigt der Gedichtband für Rakusa, dass Lyrik einen substanziellen Beitrag zur Erinnerungskultur leisten kann.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 08.06.2024

Rezensentin Sonja Zekri möchte die im ukrainischen Original im Jahr 2017 veröffentlichten Gedichte von Marianna Kijanowska über das Massaker von Babyn Jar nicht als anmaßende Aneignung des Schreckens durch eine nicht-jüdische Dichterin verstanden wissen, sondern als Geste der Solidarität mit den Opfern. Die Verbrechen, die die Wehrmacht mit Hilfe von ukrainischen Polizisten beging, stellt die Autorin in ihren Texten aus Sicht der Opfer dar, sie gibt ihnen eine Stimme, so Zekri. 67 Menschen sprechen, legen Zeugnis ab von letzten Momenten, ohne dass Kijanowska dafür genau recherchiert hätte. Stark sind die Texte für Zekri durch ihre "szenische Eindringlichkeit".