Clemens J. Setz

Das All im eignen Fell

Eine kurze Geschichte der Twitterpoesie
Cover: Das All im eignen Fell
Suhrkamp Verlag, Berlin 2024
ISBN 9783518225592
Gebunden, 192 Seiten, 23,00 EUR

Klappentext

"Hatte jemals irgendein einzelner Mensch eine größere zerstörerische Wirkung auf die deutschsprachige Lyrik als Elon Musk? Ich glaube nicht." Mehrfach kündigte Clemens Setz an, nie wieder Gedichte in Buchform zu veröffentlichen - um es in vorliegendem Band doch zu tun. Es handelt sich um Poesie der besonderen Art, denn sie ist ursprünglich in einem Medium entstanden, das es nicht mehr gibt: Der legendäre Mikroblogging-Dienst Twitter ist Geschichte, seit er von Elon Musk übernommen wurde. Er heißt jetzt bekanntlich X und funktioniert ganz anders. Das kreativitätsfördernde Zeichenlimit wurde entfernt, aber vor allem: Längere Zeit inaktive Accounts werden für immer und unwiederbringlich gelöscht - und mit ihnen die vielen poetischen Wunderkerzen, die dort funkeln. "Das All im eignen Fell" ist ein Erinnerungsbuch im doppelten Sinn. Es versammelt in einem ersten Teil eine Auswahl von Setz' eigenen, inzwischen gelöschten Twitter-Gedichten. Und erzählt im zweiten die kurze, aber umso blütenreichere Geschichte einer Gattung, die Schritt für Schritt aus unserer Wirklichkeit entfernt wird.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 24.12.2024

Rettet Clemens J. Setz mit diesem Buch ein Stück Literaturgeschichte? Rezensent Thore Rausch kann sich mit diesem Gedanken zumindest anfreunden. Setz war selbst einst viel auf Twitter unterwegs und fabrizierte dort Textminiaturen, die nun im ersten Teil dieses Buches wiederabgedruckt und, beschreibt Rausch, von ihm selbst kommentiert werden. Im Anschluss stellt er, fährt die Rezension fort, sieben weitere ehemalige Twitter-user und ihre lyrischen Tweets vor, darunter Kurt Prödel und @chaosfuchs. Unter anderem geht es in dem Buch darum, wie Falschschreibungen Sprache kreativ weiterdenken und wie Zeichenbeschränkungen kreatives Schreiben produzieren. Inzwischen, stellt Setz laut Rausch klar, ist Twitter, beziehungsweise x, als Literaturplattform hinüber, Elon Musks Hetzaccounts und Pornobots haben die Plattform zerstört. Außerdem zeige sich, dass die Zeit des gedruckten Wortes doch noch nicht ganz vorbei ist - schließlich verschwinden Websites allzu schnell und auf Nimmerwiedersehen. Vielleicht, schließt Rausch hoffnungsvoll, entsteht ja jetzt auf Bluesky große Literatur - aber erst einmal kann man in diesem Buch nachlesen, wie schön die Twitter-Poesie zuweilen war.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 13.12.2024

Dass Clemens Setz ein überzeugter Nutzer und Verfechter sozialer Netzwerke ist, ist bekannt. So begibt sich Rezensent Paul Jandl nicht völlig unvorbereitet in die "Verklärungszusammenhänge" von Setz' schwärmerisch euphorischer "Geschichte der Twitter-Poetik". Dennoch weiß Jandl nicht so recht, ob er von der Exzentrik, dem nerdig exklusiven Humor dieser Gedichte sowie der Selbstinszenierung ihrer Verfasserinnen und Verfasser genervt sein soll oder erleuchtet. Vieles von dem, was Setz in "Das All im eigenen Fell" vorstellt, feiert, untersucht und in einen weiteren literaturgeschichtlichen Zusammenhang stellt, hat tatsächlich seinen Reiz, sicherlich zumindest seinen Witz, so Jandl. Dass nicht nur der Text an sich, sondern auch der Kontext diesen Reiz ausmacht, das vermutet der Rezensent, denn gedruckt würde ein Großteil dieser neuen Digitaldichtung dann doch einiges von ihrem Charme verlieren. Im richtigen Kontext jedoch, heißt auf ihrer Entstehungsplattform, kann ein wenig Poesie zumindest "nicht schaden", so Jandls Resümee. Und das Buch? Bietet zumindest die Möglichkeit, das Spektrum zwischen albernder Blödelei und subtil tiefsinnigem Humor zu erforschen.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 24.10.2024

Für Rezensentin Nele Pollatschek war Twitter eigentlich immer schon eher das Tor zur Hölle, voller Beleidigungen und ehrabschneidender Verrisse. Dass es auch eine zweite, viel spaßigere Seite gab, zeigt ihr der Band, den Clemens Setz über Twitter-Poesie geschrieben hat. Jetzt, wo die flüchtigen, provisorischen Dichtungen nach der Übernahme der Plattform durch Elon Musk im Verschwinden begriffen sind, hat Setz ihnen noch einmal ein Denkmal gesetzt, vom Feuilleton ist diese unstete Gattung kaum gewürdigt worden, erfahren wir. Spezifisch für die vom Autor ausgewählten Beispiele sind laut Pollatschek "memefizierte Refrains", die sich immer wieder finden und verfremdete Grammatiken, wie etwa hier: "es ist herbts/auf dem feld/die kürben", das die Kritikerin an Herbsttagen regelmäßig rezitiert, wie sie bekundet. Auch, dass Urheberschaft selten Thema war und jeder für den anderen weiterdichten konnte, hebt Pollaschek lobend hervor. So ist Setz' Band ein "Herz-Emoji-zerreißend schöner Nachruf" auf eine sterbende Gattung, wie sie schließt.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 28.09.2024

Dass eine Beschränkung auf 140 Zeichen ungeahnte poetische Freiheiten mit sich bringt, lernt Rezensent Uwe Mattheiß von Clemens Setz, der sich in seinem Buch der Twitterpoesie widmet und versucht, das, was von der Plattform noch übrig ist, ein Stück weit dem Verschwinden zu entziehen. In aphoristischer Manier wird etwa festgehalten, dass "Saxofone letztendlich/auch nur/Ritterrüstungen/für Aale" sind, Setz erkennt darin subversives Potential und bedauert, dass mit der Übernahme der Plattform durch Elon Musk viele dieser Bedeutungsverschiebungen verloren gegangen sind, so Mattheiß, der fordert, für wirklich demokratische digitale Poesie "bis in den Maschinencode" dieser Anwendung vorzudringen und das eigene Handeln zu reflektieren.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 13.08.2024

Björn Hayer ist Clemens J. Setz richtig dankbar. Der Autor erhält ein Stück Medien- und Kulturgeschichte, indem er längst gesperrte Tweet-Poeten und eigene Alltagsprotokolle auf Twitter nebst lyrischen Notaten versammelt. Screenshots und Fetzen der Erinnerung lassen ein ganzes Universum der Seelenentblößung erahnen, das da (fast) unerhört im Netz gedieh. Hayer trifft auf witzige Fehlschreibungen und brüchige Grammatik, auf viel Humor und eine "dichterische Wildnis", wo es um Einsamkeit geht, aber auch um starke Lämmer beim Almabtrieb (Setz) oder Dichterparodien. Vor allem aber geht es um Spontanes, Nebensächliches, das ohne intellektuelle Artistik auskommt, so Hayer sichtlich erleichtert.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk Kultur, 08.08.2024

Die Zukunft der Dichtkunst ist Twitter spätestens seit Elon Musks Übernahme der Plattform nicht mehr, meint Rezensentin Meike Feßmann nach Lektüre dieses Buches; aber immerhin legt Clemens J. Setz nun eine materialreiche Analyse der goldenen Jahre der Twitter-Lyrik vor. Eigene und fremde Tweets werden hier abgedruckt und in der Gesamtschau zeigt sich für  Feßmann, dass es durchaus eine Nähe zur kanonischen Printdichtkunst von Rilke bis Jandl gibt. Außerdem sammle Setz wichtige, teils bereits gelöschte Twitter-Accounts, und gehe auf twittertypische Stilistiken sowie die Rolle des Gemeinschaftserlebnisses ein. Ein lohnendes Unternehmen ist dieses Buch, so der Tenor der Kritik, auch wenn die Plattform ihre Versprechen auf die Dauer nicht einlösen konnte.