Yasmina Khadra

Die Schuld des Tages an die Nacht

Roman
Cover: Die Schuld des Tages an die Nacht
Ullstein Verlag, Berlin 2010
ISBN 9783550087905
Gebunden, 414 Seiten, 19,95 EUR

Klappentext

Aus dem Französischen von Regina Keil-Sagawe. Nach einem halben Jahrhundert trifft Jonas noch einmal die Freunde aus Jugendtagen. Er blickt zurück auf sein Leben und die bewegte Geschichte seiner Heimat Algerien. Unter dem arabischen Namen Younes wird er auf der Nachtseite des Schicksals geboren, als Jonas wächst er im europäischen Viertel der Küstenstadt Rio Salado auf. Dort begegnet er der schönen Französin Emilie - sie wird die große Liebe seines Lebens. Die Sehnsucht dieser beiden Menschen spiegelt über Jahrzehnte hinweg das dramatische Verhältnis von Orient und Okzident, zweier Welten, die einander so viel Leid zufügen und dennoch so verzweifelt um Versöhnung ringen.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 10.02.2011

Für Martina Meister ist dieser Roman des Algeriers Yasmina Kadhra sein bisher größter Wurf, eine Familiensaga, die sie tief hineingezogen hat in das Algerien der Kolonialzeit, in dem Kolonialisten und Einheimische, Franzosen und Algerier, Ausbeuter und Ausgebeutete sich nicht nur miteinander arrangiert hatten, sondern Zukunft versprachen. Es ist ein nostalgischer Blick, den Khadra hier auf Algeiren wirft, er erzählt recht ornamental, ja mitunter auch an der Grenze zum Kitsch und darüber hinaus. Aber trotzdem hat sich Rezensentin Meister nicht von dieser Geschichte losreißen können, sich ihrem Sog hingegeben und sie als eindrucksvolle Liebeserklärung an sein Land hingenommen.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 11.11.2010

Rezensentin Judith von Sternburg ist beeindruckt von diesem sieben Jahrzehnte umspannenden, algerischen Familienepos von Yasmina Khadra, auch wenn die Geschichte ihrer Meinung nach deutliche Schwäche hat. Dass die in dieses Familiendrama eingeflochtene Liebesgeschichte vergleichsweise banal daherkommt, findet die Rezensentin noch einigermaßen in Ordnung, aber die ebenfalls erzählt "Jugendcliquengeschichte", bei der jeder einzelne "seine exemplarische Last" zu stemmen hat, ist Sternburg doch ein bisschen viel. Allerdings berichtet sie spürbar mit Achtung von diesem Roman, an dessen "lebenslustiger Vorkriegswelt" sie durchaus Freude hat. An einigen Stellen wünscht sich die Rezensentin wohl weniger Überfrachtung, dafür aber mehr psychologische Tiefe, schon um die bisweilen schwer zu verstehende "Passivität" der Hauptfigur deuten zu können.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.09.2010

Joseph Hanimanns Urteil über den jüngsten Roman Yasmina Khadras ist zwiespältig. Einerseits feiert er den algerischen Autor als "Meistererzähler zeitgenössischer Weltkrisenherde", und als solcher überzeugt Khadra den Rezensenten auch mit diesem Roman um den algerischen Younes, der sich im Algerien zwischen französischer Kolonialherrschaft und Unabhängigkeitsbewegung aufreibt, durchaus. Immer wenn Khadra sich auf seine Figuren konzentriert und die Geschichte in individuellen Geschichten spiegelt, ist ihm die Aufmerksamkeit des Rezensenten gewiss. Wenn er sich allerdings in einem Panoramablick übt, der die deutsche Invasion in Nordafrika oder die Landung der Alliierten in der Normandie in seinen Roman hineinzuholen versucht, dann regieren die "konstruierten Klischees", wie Hanimann unzufrieden feststellt. So erweist sich für den Rezensenten die erste Hälfte des Romans als nicht eben flüssig zu lesender "Epochenroman", dem aber in der zweiten Hälfte durchaus plastische und berührende Einzelschicksale gegenüberstehen. Die Übersetzung durch Regina Keil-Sagawe allerdings hat ihn in ihrer Genauigkeit und Treffsicherheit ohne Abstriche überzeugt.
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 07.09.2010

Für Rezensentin Irene Binal gibt Yasmina Khadra den Namenlosen, die 1945 in Algerien zwischen der arabischen und französischen Welt hin- und hergerissen sind, eine Stimme und ein Gesicht. Khadra, das Pseudonym des Schriftstellers Mohammed Moulessehoul, erzählt von einem arabischen Jungen namens Younes, der von seinem Onkel auf eine gute französischsprachige Schule geschickt wird. Es braucht ein Mädchen, um ihn darauf zu stoßen, dass die anderen ihn immer noch als Araber betrachten. Der Roman leidet ein wenig unter der Unentschlossenheit des Protagonisten, auch den trockene Berichtston lässt nicht viel Sympathie mit Jonas aufkommen, schreibt Binal. Dennoch gelinge es Khadra, eine besondere Atmosphäre zu schaffen, die den Helden "wie unter einer Glasglocke" leben lässt: Jonas sei immer nur Beobachter, niemals Teilnehmer.