Klappentext
Klostermann Rote Reihe 159. 4 Bände in Schmuckhülle mit zusammen XXXII, 2.348 Seiten, zahlreiche teils farbige Abbildungen, zwei Faltkarten. Bernard Bolzano, der 1781 in Prag geboren wurde und ebendort 1848 starb, war der größte Logiker zwischen Leibniz und Frege. Diesen Rang erwarb er durch die Theorien der logischen Wahrheit, der Folgerung und der Begründung, die er in seiner monumentalen Wissenschaftslehre (als Basis seiner Epistemologie, Heuristik und Methodenlehre) entwickelte. Bolzano war außerdem Mathematiker und ein katholischer Priester, der von der Reformbedürftigkeit seiner Kirche überzeugt war. Viele der Reden, die er als Studentenpfarrer hielt, kursierten bald in Mit- und Abschriften in ganz Böhmen. Hier erwies er sich als scharfsinniger Analytiker moralischer und politischer Begriffe und als politischer Dissident, dem die Tschechen bis heute nicht vergessen haben, dass er die Diskriminierung der slawischen Bevölkerungsmehrheit durch die deutsche Minderheit anprangerte. Der "gute Kaiser Franz", den die österreichische Hymne besang, sorgte für die Entlassung des Professors und drängte den Prager Erzbischof zu einem kirchlichen Verfahren gegen den Priester. Bolzano verweigerte den geforderten Widerruf und ließ sich auch in seinen letzten Lebensjahren nicht daran hindern, neben mathematischen und philosophischen Abhandlungen für die Böhmische Akademie auch Zeitungsartikel zu schreiben. Wolfgang Künne schildert Bolzanos Leben und sein Nachleben im Kontext der tschechischen Geschichte zwischen Joseph II. und Václav Havel. Er macht den Leser mit Bolzanos zeitgenössischen Freunden und Feinden und mit seinen Wiederentdeckern bekannt, die Schüler oder Enkelschüler Brentanos oder tschechische Mathematiker waren. Und er stellt die wichtigsten Schriften Bolzanos in der Reihenfolge ihrer Entstehung vor und kommentiert sie ausführlich.
Rezensionsnotiz zu
Die Tageszeitung, 03.01.2026
Enthusiastisch bespricht Rezensent Tim Caspar Böhme Wolfgang Künnes Buch über Bernhard Bolzano, seines Zeichens Philosoph, Mathematiker, Theologe und manches mehr. Das vierbändige Mammutwerk beschäftigt sich mit verschiedenen Facetten des Wirkens des 1781 geborenen Bolzano, im Zentrum steht jedoch das philosophische Werk, das zwar im Allgemeinen wenig bekannt ist, aber, so Böhme mit Künne, als Grundlage für die Tradition der analytischen Philosophie, der sich auch Künne verschrieben hat, dienen kann. Mit Künne geht Böhme auf einige Abschnitte der Biografie Bolzanos ein, der im Österreich des frühen 19. Jahrhunderts mit der Obrigkeit aneinander geriet, was vor allem mit seinen als religionskritisch betrachteten Schriften zu tun hatte, möglicherweise aber auch eine Reaktion auf sein nüchternes, analytisches Denken war - jedenfalls verlor er 1819 eine Professur und musste teils unter Pseudonym veröffentlichen. Was hat es nun mit der Philosophie dieses Mannes auf sich? Zunächst einmal stellt Böhme nach der Lektüre fest, dass Bolzano durchaus als öffentlicher Intellektueller auftrat, fachlich war sein Hauptwerk die ebenfalls vierbändige "Wissenschaftslehre", in der Bolzano eine Zeichentheorie entwickelt sowie über die logische Struktur von Propositionen - ein zentraler Begriff der analytischen Philosophie - nachdenkt. Künne fasst nicht nur Bolzanos Werk zusammen, freut sich Böhme, sondern prüft und kommentiert es kleinteilig, oft geht es um Bedeutungsnuancen einzelner Wörter wie etwa "hat". Das ist anstrengend und auf produktive Art unzeitgemäß findet Böhme, der mit Künne abschließend noch auch Bolzanos intellektuelles Nachleben eingeht - der Mann hat nicht nur Philosophen wie Husserl und Frege beeinflusst, sondern auch Dissidenten wie Havel und Jiří Hájek. Dieses Leben so umfassend gewürdigt zu haben, so könnte man Böhmes begeisterte Kritik zusammenfassen, ist eine Leistung ersten Ranges.