Wolfgang Kraushaar

1968 als Mythos, Chiffre und Zäsur

Cover: 1968 als Mythos, Chiffre und Zäsur
Hamburger Edition, Hamburg 2000
ISBN 9783930908592
Gebunden, 350 Seiten, 24,54 EUR

Klappentext

»1968« war sicher eine starke, vielleicht sogar die weitreichendste politische Herausforderung in der Geschichte der alten Bundesrepublik. Eine Tiefenwirkung besaß die antiautoritäre Bewegung vor allem aber als ein soziokultureller Bruch, als die Implementierung eines neuen Lebensgefühls, das eine erhebliche gesellschaftspolitische Durchsetzungskraft entfaltete. Das erzeugte in den siebziger Jahren eine nachhaltige Grundspannung zwischen den in ihrer Legitimität in Frage gestellten Institutionen in Erziehung, Wissenschaft, Kirche, Presse usw. und den Staatsorganen sowie den von den etablierten Parteien geprägten Einrichtungen. Die Frage steht im Raum, ob eine grundlegende Veränderung der Mentalitäten, Lebensstile und Lebensentwürfe, die Ausbildung zivilgesellschaftlicher Normen, die Fundamentalliberalisierung der neuen Mittelschichten in dieser Form ohne die von der antiautoritären Bewegung freigesetzten Schubkraft überhaupt denkbar gewesen wären. Der Politikwissenschaftler Wolfgang Kraushaar, einer der genauesten Kenner der 68er-Geschichte, versucht das Schlüsseljahr in seinen wichtigsten gesellschaftspolitischen Dimensionen zu dechiffrieren.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 08.02.2001

Richard Herzinger betont, dass es sich bei dem Autor um einen der ausgewiesensten 68er-Kenner handelt: "Wer über 68 mitreden will, muss Kraushaar lesen", findet er. Dennoch hat der Rezensent auch allerhand Kritik am vorliegenden Band anzubringen. So ist er beispielsweise der Ansicht, dass der Autor die Bedeutung von 1968 möglicherweise "gehörig überschätzt", etwa dort, wo Kraushaar von der `ersten globalen Rebellion` spricht - und dabei offenbar die internationale Arbeiterbewegung völlig vergessen hat. Auch ist sich Herzinger im Gegensatz zum Autor nicht sicher, ob die 68er wirklich Urheber des "gesellschaftlichen Wertewandels" waren oder nicht vielmehr "paradoxes Symptom modernisierungsskeptischer Verunsicherung". Gut gefallen dem Rezensenten jedoch die Passagen des Buchs, bei denen der Autor kritisch die Ideen von 1968 analysiert, etwa die Verbindung einiger Protagonisten zu SED und Stasi oder aber die Gratwanderung zwischen "zivilem Widerstand einerseits und ihren infantilen Allmachts- und Gewaltphantasien" andererseits. Die Mythen um 68 werden, wie der Rezensent bedauert, in diesem Buch jedoch auch nicht wirklich geklärt. Nicht zuletzt macht Herzinger darauf aufmerksam, dass der Autor einen Hang zu "blumiger Soziologenprosa" an den Tag legt.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 12.12.2000

Seinem Ärger über dieses Buch gibt Kolja Mensing gemäßigt Ausdruck, dennoch spürt man ihn durch seine Formulierungen durch: von einer "faden Begriffssuppe des diskussionsfreudigen Restmilieus" ist da die Rede, womit die 68er Generation und jene "postmaterialistische Werteelite" gemeint ist, die aus rebellierenden Studenten Hochschulprofessoren, Journalisten, Lehrer hat werden lassen. Was Mensing dem Autor, Mitarbeiter am Hamburger Institut für Sozialforschung, ankreidet, ist die Pose des Geschichtslehrers, der nicht erzählt, sondern diskutiert. Was zum einen für Mensing die Lektüre des Buches erheblich erschwert, weil es auf das narrative Moment verzichtet, zum anderen aber auch einen Ton der Belehrung, der Überheblichkeit mit sich führt, der den Rezensenten sichtlich irritiert. Wirklich interessant findet Mensing ein Kapitel, das sich der Verflechtung von Stasi und Studentenbewegung widmet: es sei symptomatischerweise nur 23 Seiten kurz, befindet Mensing, der Kraushaars "Geschichte der antiautoritären Bewegung als zivilisatorischer Erfolgsstory" insgesamt eher misstrauisch, bestenfalls gelangweilt begegnet.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 06.12.2000

Reino Schönberger ist erleichtert, dass dieses Buch nicht zu denen gehört, die für sich beanspruchen, endlich aufzuklären, wie es wirklich war, sondern vielmehr eine Faktensammlung und Systematisierung, verbunden mit dem Versuch, die Voraussetzungen dieser Zeit stärker mit einzubeziehen. Schönberger verweist auf Kraushaars "erweiterten Blickwinkel". Er stelle die politischen Unruhen auf der ganzen Welt in einen Zusammenhang, von den Ereignissen in Frankreich und Deutschland zum Vietnamkrieg, dem Prager Frühling und nicht zuletzt den Studentenunruhen in Mexiko. Auch sei der zeitliche Rahmen in dieser Studie weiter gefasst, beginnend bei den Voraussetzungen für die weltweiten Unruhen über den Hinweis, dass die Ereignisse in den verschiedenen Ländern nicht unmittelbar zeitgleich verlaufen seien, bis hin zum "68-er Nachgesang", der Frage also, was aus den 68ern geworden ist. Kraushaar ist jedoch nicht nur Chronist, er übt auch Kritik an der Linken und ihrem Verhältnis zur RAF, betont Schönberger. Er sieht in dem Buch einen wichtigen Beitrag zur Differenzierung vieler Teilaspekte, die unter dem Stichwort `68 häufig "in einen Topf geworfen" werden.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 18.11.2000

Zwiespältig fällt das Urteil des Rezensenten Hanno Zickgraf zu diesem neuesten Beitrag Kraushaars zur 68er-Forschung aus. Der "bedeutungsschwangere Titel" stehe in offensichtlichem Kontrast zum "Illustriertenstil" des Buches. Unangenehm fällt Zickgraf das Anbiederische von Kraushaars Ausführungen auf, seinen theoretischen Ansprüchen werde der Band an keiner Stelle gerecht. Interessant, wenngleich "zum Gruseln" dagegen, so der Rezensent, die geschilderten Biografien der rechtsgewendeten einstigen 68er von Horst Mahler (und dessen Beziehungen zu Gerhard Schröder) bis Bernd Rabehl - die Zickgraf zu unguten Spekulationen über Rudi Dutschke und den Wendungen veranlasst, die er hätte nehmen können, würde er bis heute leben. Insgesamt kommen die 68er hier jedenfalls nicht besonders gut weg, sondern erscheinen, in den Worten des Rezensenten, vorwiegend als "falsche Fuffziger".
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