Herausgegeben von Volker Jehle. Selbst guten Kennern von Wolfgang Hildesheimers Leben und Werk war und ist weitgehend unbekannt, was genau ihn beschäftigte, bevor er 1950, scheinbar aus purem Zufall, zu schreiben begann und umgehend literarische Erfolge feierte. Hildesheimers Briefe an die Eltern erhellen nicht nur das Dunkel dieser Frühzeit, sondern auch seine weitere, bislang weitgehend unbekannte Entwicklung. Beginnend mit einer Schiffsreise des angehenden Studenten nach London 1937 und endend mit dem Tod der Mutter 1962, bieten die erhalten gebliebenen 507 Briefe ein so aufschlussreiches wie aufregendes Tagebuch in Briefform über einen Zeitraum von 25 Jahren. Wichtige Stationen sind das Studium in England, der Aufenthalt in Palästina während des Weltkriegs, die Tätigkeit als Dolmetscher bei den Nürnberger Prozessen und der Weg ins Rampenlicht der deutschen Literaturszene als Autor und Übersetzer. In diesen Briefen spiegelt sich aber auch eine Epoche großer politischer Umwälzungen sowie tiefgreifender Entwicklungen in der internationalen Kultur und Kunst, die Hildesheimer als bildender Künstler aufmerksam verfolgte und denen er wichtige Impulse für sein schriftstellerisches Werk verdankte.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 09.12.2016
"Ein Geschenk" sind die von Volker Jehle herausgegebenen und "exzessiv kommentierten" Briefe Wolfgang Hildesheimers an seine Eltern für Sven Hanuschek nicht zuletzt aus dem Grund, dass sie Licht in die frühen Jahrzehnte des Autors werfen, über die bislang nur wenig bekannt war. Aufschluss geben sie dem Rezensenten aber auch über Hildesheimers spätere Lese- und Hörgewohnheiten sowie über seinen extensiven Freundes- und Bekanntenkreis. Und auch zu Hildesheimers Werk selbst erfährt Hanuschek aus den Briefen Neues, beispielsweise dass er vor der Geschichte "Der Kammerjäger" bereits eine leider verschollene Geschichte in einer Zeitung veröffentlicht hatte, oder dass er vor seiner schriftstellerischen Tätigtkeit eine Werbeagentur in Palästina leitete.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 09.12.2016
Hilmar Klute empfiehlt die Lektüre von Wolfgang Hildesheimers Büchern. Hildesheimers pünktlich zu seinem 100. Geburtstag erscheinenden Briefe an seine Eltern aus der Zeit zwischen 1937 und 1951 entnimmt Klute derweil, wie gespalten der Autor zum intellektuellen Leben in der BRD stand, wenn er einerseits die Geschichtsverleugnung kritisierte, andererseits der Familie in Israel ein befriedetes Nachkriegsdeutschland zeichnete. Die beiden Bände findet Klute penibel ediert von Hildesheimers Nachlassverwalter Volker Jehle, der die Briefe laut Rezensent mit einem informativen Apparat versieht. Jehles Anmerkungen liest er als Parallelerzählung zu den Briefen, die wiederum ein eigenständiges biografisches Panorama abgeben, wie Klute meint.
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