In zehn Kapiteln beschäftigt sich Wilhelm Vossenkuhl mit Wittgensteins Werk, das für ihn vor allem ein Werk im Werden ist: Für uns Leserinnen und Leser ist es nie abgeschlossen, wir können immer wieder Neues entdecken. Deswegen sollten wir zurückhaltend mit abschließenden Urteilen und Interpretationen und offen für Revisionen und Ergänzungen sein. Wittgensteins Nachlass wurde erst ab 2000 mit der "Bergen Electronic Edition" erschlossen. Viele Aspekte seiner Philosophie wurden dadurch erst sichtbar und werden es immer noch. Die "Wiener Ausgabe" macht Wittgensteins Werk ab 1929, dem Jahr seiner Rückkehr nach Cambridge, zugänglich. Beide Quellen gehen weit über die Werkausgabe, die zu seinem 100. Geburtstag erschien, hinaus. Von dieser Lage geht Vossenkuhl aus, indem er vieles, was ihm in seiner früheren Beschäftigung mit Wittgenstein als klar erschien, kritisch überprüft und revidiert. Die philosophische Auseinandersetzung mit Wittgensteins Denken ist vom philologischen Umgang mit seinem Nachlass nicht zu trennen. Es zeigen sich immer wieder neue Erkenntnisse, wie etwa Wittgensteins Orientierung an Anton Bruckners Kompositionen oder die Bedeutung der vielen, von ihm sehr ernst genommenen Wiederholungen, die in früheren Editionen nicht zu finden sind. Die immer wieder neu ansetzenden Gedanken zum Sehen von Aspekten oder zum Solipsismus kommen zu keinem Ende.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 20.12.2025
Rezensent Michael Hesse liest Wilhelm Vossenkuhls Wittgenstein-Band aus der Blauen Reihe des Meiner-Verlags mit Gewinn. Leser mit Vorverständnis von Wittgensteins Philosophie können ihr Wissen hier vertiefen, meint Hesse. Dem Philosophieprofessor Vossenkuhl gelingt es laut Hesse, den kritischen Blick des Lesers zu schärfen für die verschiedenen Editionen der Werke Wittgensteins und den Folgen für das Verständnis. Darüber hinaus bietet der Band für den Kritiker eine "behutsame" Einführung in die Überlegungen Wittgensteins zur Farbenlehre, "Lehrreiches" zum Frühwerk und klare Analysen von Wittgensteins Begrifflichkeit.
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