Die viel beschworene Chance, das Eigene durch die Auseinandersetzung mit Fremdem neu sehen zu lernen, ist in der neueren Erziehungswissenschaft noch kaum genutzt worden. Der vorliegende Band stellt eine Vergleichende Pädagogik vor, die sich nicht auf Schulleistungsvergleiche beschränkt, sondern systematisch an der Erweiterung des pädagogischen Diskurshorizonts arbeitet. Verdeutlicht werden die Möglichkeiten einer solchen als vergleichende Kulturwissenschaft verstandenen Pädagogik an einer Reihe von Untersuchungen zu Erziehungs- und Bildungsverhältnissen in Japan, die sich um die Themenbereiche pädagogische Arrangements, Lernkultur und das Verhältnis von Individuum und Gruppe zentrieren. Deutlich wird dabei u.a., dass Disziplin und Spontaneität keineswegs unvereinbar sind, dass Leistungsorientierung und soziales Lernen zusammengehören können.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.01.2006
Recht aufschlussreich findet Steffen Gnam diese Studie über Erziehung und Bildung in Japan, die Volker Schubert vorgelegt hat. Ausführlich rekapituliert er die Ergebnisse von Schuberts Arbeit. Dabei betont er den Aspekt der Inszenierung von Kindheit und Jugend in den Schulen Japans sowie die ausgefeilte Gruppenpädagogik bei der Konformitätssicherung, die sich etwa im Senioritätsprinzip oder in der typisch japanischen Gruppendynamik der Innen- und Außenbeziehungen bemerkbar macht. Schubert stelle gängige Dichotomien von West und Ost wie Moderne und Tradition, Individualismus und Gruppenorientierung als einander, hier wie dort, durchdringende und nicht ausschließende Konzepte in Frage. Er entlarve ethnozentrische Standpunkte sowohl in den "Japaner-Theorien", die Japans Einzigartigkeit betonen, als auch in der modernisierungstheoretischen westlichen Sicht. Auch wenn östliche und westliche Lernkulturen voneinander lernen könnten, warne Schubert vor der Nivellierung westlicher und östlicher Bildsamkeit im Sinne eines "Weltmodells Schule", denn dies verkenne die Kontexte erzieherischer Praktiken und Diskurse.
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