Volker Reinhardt

Der unheimliche Papst

Alexander VI. Borgia 1431-1503
Cover: Der unheimliche Papst
C. H. Beck Verlag, München 2005
ISBN 9783406448171
Gebunden, 277 Seiten, 22,90 EUR

Klappentext

Die Borgia gehörten nicht zu den mächtigen alten Familien Italiens, aber als Neffe von Papst Calixtus III. wurde Rodrigo Borgia zum Kardinal erhoben und mit reichen Einkünften ausgestattet. Diese Mittel nutzte er zu glänzender Selbstdarstellung, Hofhaltung, ja zur Gründung eines Familienhaushalts - und setzte sie schließlich 1492 dazu ein, selbst Papst zu werden. Der Vatikan wurde während seines elfjährigen Pontifikats zum Ort von ausgelassenen Festen und Giftmorden. Vor allem aber strebte der Papst als treusorgender Familienvater danach, seinen Kindern eine fürstliche Stellung in Italien zu verschaffen. Seine Tochter Lucrezia Borgia wurde mit italienischen Fürsten verheiratet und auch wieder geschieden oder durch Mord ihres Ehemanns entledigt, wenn sich eine noch bessere Partie anbot. Fast ununterbrochen führte der Papst Kriege oder ließ diese von seinem skrupellosen Sohn Cesare führen, im Namen der Kirche, doch im Interesse der Familie. Er schloß Allianzen mit europäischen Fürsten, am längsten und erfolgreichsten mit König Ludwig XII. von Frankreich, um kurz vor seinem Tod auch diesen zu verraten. Und parallel zu dieser machiavellistischen Machtpolitik amtierte der Papst als Haupt der Kirche: theologisch konservativ und in frommer Verehrung der Heiligen.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 01.11.2005

Nicht die sexuelle, sondern die politische Maßlosigkeit Alexanders VI., der lange als der verruchteste unter den Renaissancepäpsten galt, sieht Balthasar Haussmann im Zentrum von Volker Reinhardt Buchs über den Borgia-Papst. Der Autor zeige, dass Nepotismus tief im familialen Denken der Vormoderne verwurzelt war und als normal galt. Dass Alexander seinen eigenen Sohn zum Kardinal machte, erschien dagegen unerhört, gab er doch damit zu bedeuten, dass er das Papstamt erblich machen wollte. Haussmann bescheinigt Reinhardt, sich in höchstem Maß um Objektivität und Wertfreiheit zu bemühen. Das kann seines Erachtens nicht verdecken, dass sich eine wertende These durch das Buch zieht. Danach habe Alexander durch Aufkündigung des politischen Konsenses, Täuschung und Unberechenbarkeit die "Zerstörung sozialen Kapitals" betrieben, wie es Reinhardt in Anlehnung an Pierre Bourdieu formuliere. Dass Reinhardt mit dem "sozialen Kapital" eine Grundvoraussetzung moderner Politik zum Maßstab der Beurteilung politischen Erfolgs in der Vergangenheit, findet Haussmann fragwürdig. Dafür hebt er lobend hervor, dass Reinhardt auf Täuschung verzichtet: er lasse den Leser teilnehmen an der detektivischen Arbeit des Historikers sowie der Abwägung der Quellen und bleibe bei jeder Argumentation nachvollziehbar.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 13.10.2005

Rehabilitiert wird er nicht, verurteilt ebenso wenig, der skandalträchtige Papst Alexander VI. Borgia; dafür ist Volker Reinhardt nach Ansicht von Hansjakob Stehle die "bislang wohl objektivste" Darstellung seines Lebens geglückt. Er verwertet neu zugängliche Quellen und vergisst auch nicht, deutlich zu machen, dass "Wirkliches und Mögliches" sich nicht immer eindeutig trennen lassen. Denn wie bewertet man beispielsweise Zeitzeugenberichte wie den über eine Orgie des Pontifex mit nicht weniger als 50 "ehrbaren Dirnen"?

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 12.10.2005

"Nepotismus war nichts Neues in Rom", doch Rodrigo Borgia - Papst Alexander VI. - trieb es zu weit und richtete seine gesamte Politik als Oberhaupt der katholischen Kirche darauf aus, seine Familie zu versorgen. So die zentrale Aussage von Volker Reinhards Buch, das Caroline Schnyder weder uneingeschränkt lobt noch kritisiert. Die Geschichte des Borgia-Clans ist wunderbar beschrieben, andererseits geht mit diesem Fokus der Blick auf die "Herrschaftsverhältnisse in Italien" insgesamt verloren. Trotzdem: "ein detailreiches und mit Verve geschriebenes Buch über ein schillerndes Familienoberhaupt".

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.08.2005

Beeindruckend, aber nicht rundum überzeugend findet Rezensent Michael Borgolte dieses Buch über Borgia-Papst Alexander VI. von Volker Reinhardt. Die skandalösen Zustände im Vatikan unter Alexander VI., die Verwahrlosung der Sitten, seine Vergehen und Verbrechen hält Borgolte für hinlänglich bekannt. So betont er, dass Reinhardt das Buch nicht um der Sensation willen geschrieben hat - auch wenn man bei diesem "gewissenhaften Chronisten" alle Einzelheiten erfahren könne (etwa über päpstlichen Gruppensex mit fünfzig Kurtisanen). Vielmehr gehe es dem Historiker darum, die überlieferten Zeugnisse erneut zu prüfen und sich dabei jeden moralischen Urteils zu enthalten. Im Mittelpunkt der Arbeit sieht Borgolte dabei den päpstlichen Nepotismus, der in der Vormoderne nicht als anstößig galt, sondern geradezu als Pflicht, durch die der Erhobene Demut und Dankbarkeit zeigte. In diesem Zusammenhang lobt Borgolte die sorgfältige Darstellung der verwickelten Geschichte AlexandersVI., Reinhardts "Kunst der Erzählung", die auf souveräner Stoffbeherrschung beruhe, und seine "sprachliche Meisterschaft bei der Verwertung der reichen Überlieferung. Reinhardts These, Alexander sei es nur noch um die Familienherrschaft zu Lasten des Kirchenstaates, überzeugt Borgolte dagegen nicht. Er hält dem Autor vor, den "eher ungewollten" Effekt der Borgiaherrschaft, "den man als Modernisierung etikettieren könnte", zu leugnen. Verantwortlich dafür sei seine nie überwundene Befangenheit in seinem sozialhistorischen Deutungsansatz bei Patronagebeziehungen und Klientelbildung. Diese Mängel schwächen nach Einschätzung Borgoltes die Bilanz dieses "sonst so eindrucksvollen Buches".
Lesen Sie die Rezension bei buecher.de
Mehr Bücher aus dem Themengebiet