Klappentext

Herausgegeben von Ralf Konersmann. Aus dem Französischen von Claudia Brede-Konersmann. Mit einem Vorwort von Jürg Altwegg. In seinem Heimatland Frankreich wird Vladimir Jankelevitch heute als einer der zentralen Philosophen des 20. Jahrhunderts angesehen. Aus seiner Prägung durch Henri Bergson hat er nie ein Hehl gemacht. Jankelevitch war ein Denker des Engagements, und nichts hat nachhaltiger seine Themenwahl bestimmt als die Jahre in der Resistance. Er hat über den Tod geschrieben, über die Liebe, über die Lüge - am eindringlichsten aber über das Verzeihen. Die Vernichtung der Juden war für Jankelevitch ein Kulturbruch, der die Grenzen des Verzeihens definitiv überschritt. So hat er, der einst über Schelling promoviert hatte, sich nach dem Krieg jede Verbindung nach Deutschland untersagt. Er blieb unversöhnt - bis zu seinem Tod im Jahr 1985.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 30.08.2003

Der vorliegende Auswahlband des in Deutschland noch weitgehend unbekannten französischsprachigen, jüdisch-russischen Denkers Vladimir Jankelevitch ist um das zentrale Thema der Judenvernichtung und der Frage nach einem möglichen Verzeihen angelegt, erklärt der Rezensent Uwe Justus Wenzel. In den von Ralf Konersmann ausgewählten Texten, die sich über sechzig Jahre erstrecken, zeichnet sich mit großer Schärfe die Unmöglichkeit eines solchen Verzeihens ab. Jankelevitchs Aussagen sind zweifelsohne radikal, so Wenzel, dennoch kann man ihnen nicht so einfach die Wahrheit absprechen. Doch dabei handele es sich um eine Wahrheit besonderer Art, die der Rezensent beschreibt als "die Wahrheit eines existenziellen Augenblicks, in dem Moral und Erkenntnis verschmelzen". In seinem einleitenden Essay macht Jürg Altwegg deutlich, wie zeitgemäß dieses Werk gerade heutzutage ist, in einer Zeit, in der das "gute Gewissen" wieder auflebt, unter Mithilfe des symmetrischen Phantoms "ausgleichender Gerechtigkeit". Altwegg rechnet damit, so der Rezensent, dass Jankelevitchs radikale Absage hierzulande "schockieren", oder zumindest nachdenklich machen wird, denn in der Konfrontation mit seinen Texten hilft weder dialektisch-trainierte Beschwichtigung, noch - letztlich - die Bitte um Verzeihung, die in Jankelevitchs Augen nie wirklich artikuliert wurde.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 28.08.2003

Iris Radisch kann es kaum fassen, dass es bis zum hundersten Geburtstag des Philosophen dauern musste, bis er endlich auch in deutscher Übersetzung vorliegt. Auch in Frankreich war er bis zu seinem Tod 1985 nur Wenigen bekannt, teilt die Rezensentin mit. Sie informiert, dass Vladimir Jankelevitch als Sohn russischer Einwanderer, die vor dem Antisemitismus aus Odessa geflohen waren, seit 1940 nicht mehr an der Universität in Lille arbeiten konnte und in die Resistance ging. Der Band steht in der "brillanten Tradition französischer Essayistik", preist die Rezensentin, und sie findet die ausgewählten Texte "ungemein lesbar und modern". Dies liegt ihrer Meinung nach nicht zuletzt daran, dass der Autor auf seine eigenen Empfindungen vertraut und sich der Begründung moralischer Urteile in seinen Essays enthält. Die Abhandlungen, so die Rezensentin angetan, sind "subjektiv und rigoros" und entwickeln dabei geradezu "literarische" Qualitäten. "Merksätze" zum Einnähen in den "Mantelsaum" seien zwar nicht in dem Band zu finden, betont Radisch. Doch liest sie aus ihnen den Appell heraus, sich nicht nach den "tausenderlei Rück- und Hinsichten der Epoche", sondern nach dem "Herzen" zu richten, und das scheint ihre Zustimmung zu bekommen.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 21.06.2003

Manfred Geier reagiert nutzt das Erscheinen dieser Sammlung einiger Schriften Jankélévitchs zu seinem hundertsten Geburtstag zur Nacherzählung seiner intellektuellen Biografie, nach der das alles eigentlich ganz anders hätte kommen sollen. Als früher Bewunderer von Goethe, Schelling, Hölderlin, Novalis, Schopenhauer und Nietzsche, der deutschen Ideen vom "Leben" und "Willen" und vor allem von Georg Simmels Versuch, diese Traditionen zusammenzuführen, hatte Jankélévitch ursprünglich eine enthusiastische Fortsetzung dieses Denkens vorgeschwebt, berichtet Geier. Doch dann kam der Nationalsozialismus und Jankélévitch habe sich mit einem "verwundeten Bewusstsein" den Lügen, den ideologischen Verführungen und Verblendungen seiner Zeitgenossen zugewandt bis hin zu der "ersten kindlichen Schwindelei". Von da an würde sein frühes "Hohelied der Unschuld und der Einfachheit, der Aufrichtigkeit und Offenheit" nur noch "wie eine verzweifelte Hoffnung" in seinen Schriften nachklingen, schreibt Geier weiter, als Suche nach den raren Augenblicken, in denen sich vielleicht "noch etwas von der Liebe und Tugend zeigen" könne, "nach denen er sich sehnt". Das "Presque-Rien", das "Beinahe-Nichts" sei fortan, so Geier, "sein großes Thema" geworden - aber eben auch, was seine Wirkung angeht, "sein eigenes Schicksal". Als weitere zentrale Themen seines Werks, die dieser Band spiegelt, nennt Geier Jenkélévitchs Auseinandersetzung mit dem Tod und seinen Widerspruch gegen das Verzeihen angesichts der nationalsozialistischen Gräuel.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 26.04.2003

Nein zur Versöhnung zwischen Juden und Deutschen, Nein zum Verzeihen, Nein zur Wiedergutmachung, Nein zur Universalisierung der Erinnerung an den Holocaust. Das ist die Botschaft des 1985 verstorbenen französische Philosophen Vladimir Jankelevitch. Zwar versammelt sein jetzt in deutscher Übersetzung erschienener Band "Das Verzeihen" eine ganze Reihe von philosophischen Essays, gleichwohl wird der Essay über das Verzeihen aus dem Jahre 1971 nach Ansicht von Rezensent Natan Sznaider die größte Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Jankelevitch geht es um Reue der Deutschen, deren Vorhandensein er aber bestreitet, berichtet Sznaider, die deutschen Täter seien für Jankelevitch nicht Fanatiker oder blinde Doktrinäre, und sicher nicht banal. "Denn vom Standpunkt des Opfers gesehen kann das Böse nicht banal sein", erklärt Sznaider, "die Täter sind 'Monster'; und für Monster kann es kein Verzeihen geben." So sehe Jankelevitch im "Ressentiment" die einzige moralische Haltung, die nach dem Holocaust möglich sei. Aus heutiger Sicht, so der Vorschlag des Rezensenten, lassen sich Jankelevitchs Essay als Widerspruch zu den globalen Trends der Versöhnung und ihrer Institutionen lesen: zu all den Wahrheitskommissionen, Historikerkommissionen, Ausstellungen und Mahnmäler, zu der globalen Erinnerung an den Holocaust, in welche Menschenrechtsverletzungen, Völkermord, Bombardierungen und Vertreibungen so bequem integriert werden. "Jankelevitchs Stimme soll eine Warnung sein", hält der Rezensent diesbezüglich fest, "die Rechnung wurde ohne die Opfer gemacht".