Mit Abbildungen. In einem großen Doppelhaus aus dem 19. Jahrhundert leben in Wiesbaden zwei sehr unterschiedliche Nachbarn. Auf der einen Seite wohnt die "arische" Familie Moos aus bürgerlichen Verhältnissen, die lange Zeit mit Geldsorgen zu kämpfen hat. Der Vater Heinrich wird früh NSDAP-Mitglied und später überzeugter Anhänger Hitlers. Die andere Hälfte des Doppelhauses gehört der jüdischen Familie Strauss, die wohlhabende Weinhändler sind. Zwei ihrer Kinder sind bereits 1939 emigriert, um den Naziregime zu entgehen. Von beiden Nachbarsfamilien ist ein umfangreicher Briefwechsel erhalten, der die gleichzeitige Sicht auf zwei Lebenswelten zulässt: Kriegsgeschehen und nationalsozialistische Überzeugungen einerseits und Unterdrückung, Verfolgung und Deportation andererseits. Die hier erstmals in einer Auswahl zeitlich, thematisch und räumlich direkt gegenübergestellten Briefe verdeutlichen die Parallelität des Erlebten und liefern ein gar nicht zu überschätzendes Quellenzeugnis für die deutsche Alltagswelt zwischen 1939 und 1945.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk Kultur, 14.04.2022
Rezensent Michael Opitz empfiehlt ein Stück Zeitgeschichte mit diesen von Veronika Moos herausgegebenen Briefen. Moos' Großeltern lebten in der titelgegebenden Bahnhofstraße 44 in Wiesbaden, der Großvater, schon früh NSDAP-Mitglied zog begeistert an die Front und schickte regelmäßig Briefe aus Frankreich. Nebenan lebte bis zu ihrer Deportation nach Theresienstadt das jüdische Ehepaar Strauss, auch deren Korrespondenz ist erhalten geblieben, klärt der Rezensent auf. Veronika Moos schneidet die Briefe der beiden Paare, die kaum voneinander Notiz nahmen, gegeneinander und liefert so Einblicke in den deutschen Kriegsalltag und ins Frontgeschehen. Nicht zuletzt bemerkt der Kritiker die "Fehlstellen" in den Briefen, etwa wenn die Deportation der jüdischen Nachbarn dem Ehepaar Moos nicht mal eine Mitteilung wert ist.
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