Uwe Timm

Ikarien

Roman
Cover: Ikarien
Kiepenheuer und Witsch Verlag, Köln 2017
ISBN 9783462050486
Gebunden, 512 Seiten, 24,00 EUR

Klappentext

Deutschland Ende April 1945: Während regional noch der Krieg tobt, bricht der junge amerikanische Offizier Michael Hansen von Frankfurt nach Bayern auf und bezieht Quartier am Ammersee. In einem Münchner Antiquariat findet er einen früheren Weggefährten des Eugenikers Alfred Ploetz, den Dissidenten Wagner. Von ihm lässt er sich die Geschichte einer Freundschaft erzählen, die Ende des 19. Jahrhunderts in Breslau begann und die beiden Studenten über Zürich bis nach Amerika führte - und mitten hinein in die Auseinandersetzung um die beste gesellschaftliche Ordnung: hier ein Sozialismus nach Marx, dort das utopische Projekt der Gemeinde Ikarien, die vom französischen Revolutionär Étienne Cabet in Amerika gegründet wurde. Hansen kommt durch die Lebensbeichte Wagners dem faustischen Pakt auf die Spur, den der Rassenhygieniker Ploetz mit den Nazis einging, und dem ganz anderen Schicksal, das den Antiquar wegen seiner widerständigen Haltung ereilte. Seine Reise durch das materiell und moralisch zerstörte Land lässt Hansen Zeuge eines Aufbruchs werden, der die deutsche Geschichte prägen sollte. Zugleich wird sie zu einer éducation sentimentale - auch in der Liebe werden ihm einige Lektionen erteilt.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 18.10.2017

Rezensent Rainer Moritz hätte lieber eine Biografie über den Eugeniker Alfred Ploetz gelesen anstatt Uwe Timms Roman über diese "packende" Figur. Die autobiografischen Beweggründe für so einen Text in Ehren, meint der Rezensent, aber was der Autor daraus macht, enttäuscht ihn. Für die Verwandlungsgeschichte der Figur vom linken Utopisten zu Hitlers Chefeugeniker nutzt der Autor zwar allerhand Material, das er mit Gesprächen montiert , erkennt der Rezensent, doch all das ist für Moritz frei von jeglicher Originalität, bleiern und lieblos. Der fiktionale Rahmen des Ganzen erscheint ihm allzu unglaubwürdig.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 10.10.2017

Ein "literarisches Großwerk" ist es und sollte es sein - Uwe Timms "Ikarien" - jedoch ohne die Großspurigkeit, die man mit einem solchen Vorhaben assoziiert, erklärt Rezensent Carsten Otte. Die Schwierigkeiten, die Timm über Jahre hinweg mit diesem Projekt hatte, werden im Roman recht deutlich, allerdings nicht unbedingt zu seinem Nachteil, meint Otte. Erzählt wird die Geschichte zweier Utopisten, die die sozialen Ungleichheiten in der Gesellschaft aufheben wollten. Der eine, der Eugeniker Alfred Ploetz, wird in der Folge zum Theoretiker und Pseudowissenschaftler des nationalsozialistischen Rassenhasses. Der andere, Wagner, setzt weiter auf die Lösung der sozialen Frage., lesen wir. Otte hat die Geschichte offenbar mit Gewinn gelesen, vor allem, weil Timm einen Sinn für die "Logik des historischen Irrsinns" habe. Da verzeiht Otte gern kleine Schwächen des Romans.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.10.2017

Fein komponiert findet Rezensent Fridtjof Küchemann, wie Uwe Timm in seinem Roman das Leben des Rassenhygienikers Alfred Ploetz mit Momentaufnahmen der frühen Nachkriegszeit verbindet. Dass der Rezensent zwischen all den Stimmen, Perspektiven, Begegnungen im Text und der "monströsen" Geschichte des Alfred Ploetz nicht die Orientierung verliert, liegt laut Küchemann an der Bändigungskraft des Autors und seinem Trick, einen alten Mann und Ex-Lieutenant in der Rückschau berichten und lange Verdrängtes ans Licht holen zu lassen.
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 05.10.2017

So wie Uwe Timm in seinem neuen Roman "Ikarien" von Rassentheorie und Eugenik erzählt, kann Rezensentin Maike Albath das Thema zumindest über 500 Seiten hinweg ertragen. Denn Timm entfaltet die Geschichte um den Großvater seiner Ehefrau, Alfred Ploetz, der als Begründer der Eugenik gilt, aus der Perspektive eines Weggefährten, der im Gespräch mit einem amerikanischen Besatzungsoffizier von seiner Freundschaft zu Ploetz und den Ursprüngen der Eugenik berichtet, erzählt die Kritikerin. Wie der Autor verschiedene Handlungsstränge, Schauplätze und Textsorten vernetzt, dabei immer wieder Liebesgeschichten und Landschaftsbilder mit einflicht, hat Albath gut gefallen.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 22.09.2017

Nicolas Freund entdeckt im neuen Roman von Uwe Timm echte Menschen, die durch Ruinen gehen. Dass die Figuren in diesem Heimkehrer-Text nicht perfekt sind, ist Freund Ausweis ihrer Authentizität. Wie Timm hier das Kleine, das Große, das Innen und das Außen miteinander ins Spiel bringt, wenn er das utopische Streben in dem Nachkriegsdeutschland, das er selbst erlebt hat, nachzeichnet, hat Freund beeindruckt. Dass die Geschichte des jungen Deutschen, der im Auftrag des amerikanischen Geheimdienstes ein Eugenik-Projekt erkunden soll, teils auf Fakten basiert, stört das fiktive utopische Moment der Geschichte laut Rezensent nicht, sondern fügt ihr eine weitere Schicht hinzu.
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