Im Mittelpunkt der Untersuchung stehen der Tierzüchter und Genetiker Hans Nachtsheim und die Funktionsweise der modernen Biomedizin - die Ordnung des Experiments. Alexander von Schwerin analysiert die Entwicklung von Genetik und Humangenetik in der Weimarer Republik und im Nationalsozialismus. Als eine der wissenschaftlichen Stützen der nationalsozialistischen Gesundheits- und Rassenpolitik ließ sich die Humangenetik von der Genetik leiten. Von entscheidender Bedeutung bei der Verknüpfung von "menschlicher Erblehre", genetisch-biologischer Forschung und Eugenik war die vergleichende Erbpathologie - ein Forschungsbereich, in dem es um die Konstruktion von Tiermodellen für die Erforschung menschlicher Erbkrankheiten ging. Im Mittelpunkt der Darstellung steht der Tierzüchter und Genetiker Hans Nachtsheim (1890-1979). Nachtsheim, der seinen Weg von der Landwirtschaft und der Pelzindustrie in den zwanziger Jahren zum Kaiser-Wilhelm-Institut für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik machte, war einer der Hauptvertreter der Humangenetik in der Bundesrepublik und als radikaler Eugeniker bekannt. Als einer der Begründer der vergleichenden Erbpathologie hatte er im Nationalsozialismus bedeutenden Anteil an der wissenschaftlichen Legitimierung der Erbhygiene. Schließlich zeigt das Beispiel Nachtsheims, wie in der fatalen Kombination aus experimenteller Wissenschaft, nationalsozialistischer Bevölkerungspolitik und Forschung unter Kriegsbedingungen der Menschenversuch zu einer leicht zu realisierenden Option der Forschung wurde.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 11.12.2004
Bislang war nur wenig zu lesen über den deutschen Biologen Hans Nachtsheim, der mit seinen Vererbungsforschungen an Nutztieren die Grundlage zur vergleichenden Erbpathologie (wie sie unter dem Nationalsozialismus betrieben wurde) gelegt hat, erklärt der "lx" zeichnende Rezensent. Umso erfreulicher also, dass Alexander von Schwerin sich seiner angenommen habe und in seiner "sehr differenzierten Monografie" die "sonderbaren Wechselbeziehungen zwischen Tierexperiment und Menschenversuch" beleuchte. Besonders gefallen hat dem Rezensenten dabei der "erlösend skeptische Unterton", den der Autor immer dann anschlägt, wenn er "den menschlichen Abstieg des Forschers zur 'technokratischen Persona' beobachtet".
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