Ulla Hahn

Das verborgene Wort

Roman
Cover: Das verborgene Wort
Deutsche Verlags-Anstalt (DVA), Stuttgart - München 2001
ISBN 9783421054579
Gebunden, 592 Seiten, 25,46 EUR

Klappentext

Ein Mädchen, Arbeiterkind, voller Neugier und Lebenswille sieht sich im Käfig einer engen katholischen Dorfgemeinde gefangen. Sie stößt an die Grenzen einer Welt, in der Sprache und Phantasie nichts gelten. Fast zerbricht sie an der Härte und Verständnislosigkeit der Eltern, die sie in den eigenen Lebensgewohnheiten festhalten wollen. Im Deutschland der fünfziger und frühen sechziger Jahre sucht das Mädchen seinen Weg in die Freiheit: die Freiheit des verborgenen Worts.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 20.09.2001

Dass die Lyrikerin Ulla Hahn auch über ein großes erzählerisches Talent verfügt, stellt sie in diesem Roman unter Beweis, findet Martin Ebel. Die Geschichte des Mädchens Hildegard, die hier erzählt wird, ist der Kindheit der Autorin nachempfunden und durch viele fiktive Figuren und Schicksale ergänzt, weiß Ebel. Dabei sei die Geschichte dieses Kindes, das sich aus der geistigen und moralischen Enge und Ärmlichkeit ihres sozialen Umfelds zu befreien sucht, schon fast banal, jedoch selten so beklemmend intensiv gestaltet wie bei Ulla Hahn, lobt der Rezensent. Auch wenn die Tatsache, dass Hildegard ihrem vorprogrammierten Mauerblümchen- und Verkäuferinnenschicksal entgeht, etwas Märchenhaftes habe und auch so manches andere, wie Ebel findet, "ein wenig arrangiert wirkt", werde der Roman dadurch lediglich gefährdet, nicht aber zerstört. Als sehr gelungen hebt Ebel die Darstellung des rheinischen Katholizismus hervor, vor dessen Hintergrund sich Hildegards Schicksal abspielt. Bei Hahn habe dieser nichts von der Großzügigkeit und Lässigkeit, der ihm häufig nachgesagt werde, sondern leiste mit seiner bösartigen Mischung aus Missgunst, Kleinherzigkeit und Dogmatismus einen Beitrag zur Deformation der Menschen. Schließlich gefällt Ebel ganz besonders, dass die Autorin sich großzügig des rheinischen Originaltons bedient.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 24.08.2001

Kristina Maidt-Zinke kann sich für dieses Buch offenbar nicht wirklich erwärmen, denn obwohl sie sich mit dezidierter Kritik zurückhält, ist nicht zu übersehen, dass sie sich sehr an dem - wie sie vermutet - großen autobiografischen Anteil des Romans stört. Es scheint ihr so vorzukommen, als ob Hahn an ihrer eigenen Heiligenlegende gestrickt habe: Das Kind, das in der geistfeindlichen rheinisch-katholischen Provinz aufwächst, das mühselig Hochdeutsch lernt, fürs Bücherlesen bestraft wird, lieber Geige als Akkordeon spielen wollte und letztlich doch den Weg aus der geistigen Tiefe hinauf in intellektuelle Höhen schafft. Der Autorin bescheinigt Maidt-Zinke eine "unterhaltsam volksnahe, gelegentlich exzessive Drastik", die sie andererseits aber auch "hochprätentiös" findet. Die Kindheit in den fünfziger Jahren sieht die Rezensentin hier "in derart schwelgerischer Detailfülle" erzählt, wie es bisher noch nicht der Fall gewesen sei. "Ein ergreifender Schmöker", sei das Buch, doch wie ein Lob mag das nicht wirklich klingen.
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 23.08.2001

In einer sehr umfangreichen Rezension singt Dieter Borchmeyer - zu seiner eigenen Überraschung - eine Hymne auf diesen Roman und gibt zu, einen solchen Wurf der Lyrikerin nicht unbedingt zugetraut zu haben. Nicht nur Hahns Präzision, mit der sie das Milieu der rheinisch-katholischen Gesellschaft der fünfziger Jahre beschrieben hat, hat ihm spürbar imponiert, sondern auch die Sprachfantasie, das Visionäre, das dem Naturalistischen seiner Ansicht nach immer wieder auch märchenhafte Züge verleiht. Borchmeyer scheint dies umso bewundernswerter zu finden, als die Welt hier aus der Sicht eines Kindes wahrgenommen wird: Da ist die Biederkeit, die Schlager, die von Fernweh handeln, der rigide Katholizismus, das Geistfeindliche, aber auch die Fantasie, in die das Kind flüchtet und zu der es von seinem Großvater, "der einzigen rundum positiven Hauptfigur des Roman" angeregt wird. Das alles findet der Rezensent spannend erzählt, wobei er besonders die Fähigkeit der Autorin lobt, Charaktere mit wenigen Pinselstrichen, ja eher mit Beiläufigkeiten, plastisch zu zeichnen. Vieles, was das Kind noch nicht völlig versteht, etwa Geschehnisse während der Nazi-Zeit, wird nur angedeutet, kann aber vom Leser erschlossen werden, meint Borchmeyer, und schwärmt noch einmal von Ulla Hahns "visionärer Kraft" und "überquellender Sprachfantasie".
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