Sigmund Freud

'Unterdes halten wir zusammen'

Briefe an die Kinder
Cover: 'Unterdes halten wir zusammen'
Aufbau Verlag, Berlin 2010
ISBN 9783351033026
Gebunden, 686 Seiten, 34,00 EUR

Klappentext

Herausgegeben von Michael Schröter. Ein Prinzip gab es im Hause Freud: In der Not konnten sich die Kinder stets an den Vater wenden und hatten Anspruch auf das "Gerettetwerden", von dem der älteste Sohn Martin spricht. Freud nahm seine Söhne, Töchter und Enkel ganz ernst. Nie trat er ihnen moralisierend entgegen. So zielte sein brieflicher Rat vor allem darauf, die Empfänger zu stützen, notfalls aufzurichten. Als Vater zeigte Freud eine tiefe, irdisch-handfeste Humanität, die man bewundern kann und die in den brieflichen Zeugnissen auch den heutigen Leser berührt. Der Band präsentiert die erhaltenen Briefe Freuds an seine erwachsenen Kinder und Enkelkinder, die bis auf wenige Ausnahmen erstmals veröffentlicht werden. Sie zeigen Freud als fürsorglichen Vater, der sich an der Pflege seines Familiennetzwerkes beteiligte, das für ihn ein zentraler Wert war.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 26.01.2011

Als Korrektiv für ältere, wenig rosige Perspektiven auf die Familie Freud, als Dokument einer den Rezensenten aufatmen lassenden Normalität liest Ludger Lütkehaus die Briefe Freuds an seine Kinder. Auch wenn Lütkehaus hier und dort auf "ödipalen Stoff" stößt, so weiß er doch auch um die Prägung des Lesers durch Klischees. Möglichst unvoreingenommen gelesen zeichnen die Briefe allerdings für ihn zwar einen sich durchaus direkt einmischenden Vater Freud, einen jedoch auch, der das Denken und Handeln seiner Kinder stets offen mit Wärme, Güte und Humor verfolgte und letztlich respektierte. Für Lütkehaus ein bewegendes zeitgeschichtliches Dokument, das ihm nicht zuletzt aufgrund seiner eingehenden Kommentierung durch den Freud-Kenner Michael Schröter durchaus als aussagefähiger Hintergrund dient zum Verständnis der Schriften Freuds.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 30.07.2010

So ein netter Patriarch! Lothar Müller kann in Sigmund Freuds Briefwechsel mit seinen (erwachsenen) Kindern (und Schwiegertöchtern beziehungsweise -söhnen) längst nicht das Konfliktniveau entdecken, das etwa die Manns erreichten. Ein Familienroman ganz nach Müllers Geschmack, interessant, bewegend, weniger Freuds Praxis betreffend als den Alltag und die Sorge um die Kinder. So wird die nach Adressaten geordnete Korrespondenz für Müller zum Dokument von Briefkultur und bürgerlichem Leben zugleich. Die Kommentare des Herausgebers Michael Schröter zu Ort, Personal und Ereignis liest er mit Gewinn und bekommt so für sein Geld schließlich auch einen Epochenroman, der von Weltkrieg und Exil handelt.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.07.2010

Martin Stingelin hat mit großem Interesse diesen Band mit Sigmund Freuds Briefen an seine Kinder zur Hand genommen, all seine Herzenswünsche aber werden darin nicht erfüllt. Die Briefe dokumentieren eindrucksvoll Freuds väterliche Fürsorge und seinen durch moralische Erwägungen legitimierten "Hang zum Glücksspiel", vor allem aber, was für ein herausragender Stilist Freud auch in seiner privaten Korrespondenz war, so der Rezensent. Stingelin lobt voller Anerkennung die von Michael Schröter herausgegebene Edition für den aufschlussreichen Kommentar, für bislang unveröffentlichte Fotos und ein nützliches Personenregister. Dafür beklagt er, dass der Band keine Faksimiles der Briefe Freuds bietet, und er hätte sich eine Vergleichs- und Umrechnungstabelle für die damaligen Preisen und Währung gewünscht. Richtig schade aber findet er, dass Schröter so wenige Briefe der Kinder in den Band aufgenommen hat, denn entgegen der Meinung des Herausgebers wären sie in den Augen des Rezensenten durchaus von Interesse gewesen, nicht zuletzt, um mehr von den wechselseitigen Vater-Kind-Beziehungen zu erfahren.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 17.07.2010

Rezensentin Christine Pries begrüßt diesen voluminösen Band mit Briefen Freuds an seine Kinder, den Michael Schröter herausgegeben hat. Mit Lob bedenkt sie Schröters sorgfältige Edition sowie seinen umfassenden Anmerkungsapparat. Der Band, der Freuds Briefe an fünf seiner sechs Kinder - der Briefwechsel mit der jüngsten Tochter Anna ist bereits separat veröffentlicht - versammelt, zeigt den Vater der Psychoanalyse laut Pries in erster Linie als Privatmann und Familienvater, Berufliches werde allenfalls gestreift. Freud erscheint in diesen Briefen für sie als warmherziger Papa, der für die persönlichen und beruflichen Probleme seiner Kinder immer ein offenes Ohr hatte - anders als oft behauptet wurde. Die Briefe offenbaren nach Ansicht der Rezensentin Freud einmal mehr als großen Stilisten, auch wenn er in den knappen alltäglichen Mitteilungen auf Stilmittel verzichtet hat.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 27.05.2010

Sigmund Freuds Briefe an seine Kinder sind der Zeit ganze zwei Seiten wert. Im Aufmacher geht Elisabeth von Thadden anlässlich ihrer Publikation der Frage nach, ob Sigmund Freud in seiner Gestalt als skeptisch-respektvoller Patriarch Vorbild für heutige Väter sein kann. In einer etwas näher am Buch selbst bleibenden Besprechung lobt Bernd Nitzschke die sorgfältige und sehr informative Edition durch Michael Schröter, der den Briefen jeweils Lebensskizzen der Kinder beifüge sowie private und politische Kontexte erläutere. Dabei hat Nitzschke nicht nur etliche Trouvaillen entdeckt, sondern alle Briefe an die Kinder mit größtem Interesse gelesen. Nachzulesen ist hier, wie alle drei Söhne Martin, Oliver und Ernst nicht nur in ihrem Bemühen scheiterten, sich vom Übervater zu lösen, sondern auch darin, überhaupt ein gelungenes Leben auf die Beine zu stellen (ganz bitter: Martin Freud führt schließlich einen Zeitungskiosk in der Nähe des Britischen Museums). Besser scheinen da noch die Töchter Mathilde, die (früh verstorbene) Sophie und Anna klarzukommen, letztere allerdings an der Seite ihres Vaters (die bereits veröffentlichten Briefe an sie sind in diesem Band nicht enthalten). Was den Rezensenten besonders beeindruckt hat, ist zu erfahren, mit welcher Intensität Freud nicht nur "sich binden und lieben konnte", sondern auch "sich gegebenenfalls zu trennen oder zu hassen".