Volker Reinhardt

Esprit und Leidenschaft

Kulturgeschichte Frankreichs
Cover: Esprit und Leidenschaft
C.H. Beck Verlag, München 2025
ISBN 9783406829185
Gebunden, 656 Seiten, 38,00 EUR

Klappentext

Die Leichtigkeit des genussvollen Lebens - "wie Gott in Frankreich" - und klare Vernunft: Diese besondere Mischung wurde im Mittelalter als "süßes Frankreich" gerühmt und von den östlichen Nachbarn später als Frivolität abgetan. Volker Reinhardt beschreibt anhand von herausragenden Werken der Literatur, Malerei, Architektur und Musik, der Mode, Film- und Kochkunst, wie sich diese Kultur seit dem 11. Jahrhundert herausgebildet hat, in immer wieder neuen Erfindungen und doch so, dass sich faszinierende Verbindungen über die Jahrhunderte zeigen. Frankreich, das sind wohlgeordnete Gärten und Boulevards, klares cartesianisches Denken, die Staatsräson eines Kardinal Richelieu und die Prinzipientreue des Code Napoléon. Frankreich, das sind andererseits die kriegerischen und amourösen Leidenschaften der Troubadoure, Lustschlösser an der Loire, tragische Liebschaften, große Gefühle und elegante Verführung in Literatur und Theater, Film und Haute Couture. Frankreich, das ist schließlich subversiver Geist von Christine de Pizans Stadt der Frauen über den Spott Voltaires und Baudelaires Poesie des Morbiden bis zu Asterix dem Gallier. Volker Reinhardt zeigt, wie das Streben nach Klarheit und Ordnung, religiöse, intellektuelle, erotische Leidenschaft und der Geist der Unterwanderung und des Umsturzes eine Einheit bilden, die das unverwechselbare Flair der französischen Kultur ausmacht.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk Kultur, 27.06.2025

Rezensent Marko Martin zieht den Hut vor jenem grandiosen "Kunststück", das dem Historiker Volker Reinhardt mit "Esprit und Leidenschaft" gelungen ist: Rund 900 Jahre Kulturgeschichte Frankreichs hat er auf 600 Seiten erfasst, tiefgreifend, genau und dennoch unterhaltsam. Hier bekommen wir etwa Gelegenheit, die französischen Philosophen wie Descartes und Montaigne mal auf ganz neue Weise kennen zu lernen, wir erfahren einiges über französische Frauenrechtlerinnen und proto-feministische Werke wie etwa Christine de Pizans "Stadt der Frauen". Vor allem jedoch sind es die Kontinuitäten in dieser Geschichte, die den Rezensenten überraschen, und die Reinhardt mit beeindruckender Präzision herausgearbeitet hat. Anschaulich und einleuchtend zeigt dieser Autor, wie etwa Macht- und Geschlechterfragen die Kultur in Frankreich bereits seit dem 11. Jahrhundert interessieren. Angesichts dieser zahlreichen historischen Verbindungslinien, die Reinhardt offenlegt, könne man seine Betrachtungen, die in den frühen 90er Jahren enden, in die Gegenwart fortführen, und so weitere Kontinuitäten entdecken, etwa zwischen dem Radikalismus Robespierres und dem Linkspopulismus eines Jean-Luc Mélenchon, so der angeregte Rezensent.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 19.05.2025

Rezensent Stephan Klemm ist ein Fan der Bücher Volker Reinhardts und auch das neue hat es ihm angetan. Es behandelt die Kulturgeschichte Frankreichs, erfahren wir, und geht dabei unter anderem auf die Salbung des Merowinger Königs Chlodwig ein, beziehungsweise die Legenden, die diese Salbung umranken. Insgesamt gelingt es Reinhardt, auf kreative und gut lesbare Art, die Grundzüge der französischen Kultur darzustellen, meint Klemm, es geht dem Autor insbesondere darum, zu zeigen, wie es kam, dass Frankreich mit Attributen wie ausgeglichen, kreativ, transparent und vernünftig in Verbindung gebracht wird. Kursorisch umreißt der Rezensent im Weiteren einige der angesprochenen Themen, darunter gotische Bauten, Flaubert, der Eiffelturm und Mitterrand. Fantastisch, dass das alles zwischen zwei Buchdeckel passt, schließt die Jubelrezension.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.03.2025

Ein reichhaltiges und dabei außerdem elegantes Buch legt Volker Reinhardt hier vor, jubelt Rezensentin Lena Bopp. Reinhardt hat eine Kulturgeschichte Frankreichs verfasst, und zwar eine, die sich eines angenehm breiten Kulturbegriffs befleißigt, der Populäres und Hochkulturelles gleichermaßen umfasst. Die Kapitel, aus denen das Buch besteht, sind, so Bopp, stets ähnlich aufgebaut, sie konzentrieren sich auf eine zentrale Figur, stellen eines ihrer Werke exemplarisch vor und beschäftigen sich anschließend mit dessen Rezeption. Bopp zeichnet einige dieser Lektürepassagen nach, die man in diesem als Nachschlagewerk ganz besonders geeigneten Buch unternehmen kann, außerdem weist sie darauf hin, dass Reinhardt der französischen Literatur besonders viel Aufmerksamkeit schenkt. Natürlich kann auch ein so umfassendes Werk nicht alles behandeln, räumt Bopp ein, einige Schriftsteller des 20. Jahrhunderts wie André Gide kommen nicht vor. So etwas lässt sich freilich nicht vermeiden, stellt die Rezensentin klar. Letztlich hat sie an diesem nicht nur informativen, sondern auch stilistisch herausragenden Buch nur eine winzige Kleinigkeit auszusetzen: François Mitterrand schreibt sich nicht wie Talleyrand mit einem r, sondern wie Tellerrand mit zweien.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 19.02.2025

Zwölf Jahrhunderte französischer Geschichte durchschreitet Rezensent Clemens Klünemann mit Volker Reinhardts Buch. In der Formulierung vom "süßen Frankreich" ('douce France'), die sich im Rolandslied von 1100 findet, sieht der Autor den Ursprung des französischen Selbstverständnis, das sich bis heute erhalten hat. Anschließend führt Reinhardts Kulturgeschichte durch die Jahrhunderte, da kommt der Kritiker zum Beispiel vorbei an Jeanne D'Arc und Franz I., Francois Rabelais und Marguerite de Navarres, Descartes und Racine und nicht zuletzt am Marquis de Sade, dem der Autor ein "interessantes" Kapitel gewidmet hat. Die Zeit vom Beginn der Revolution bis zur Niederschlagung der Commune 1871 stellt Reinhardt anhand literarischer und kultureller Phänomene dar, erklärt Klünemann, Stendhal, Balzac und Flaubert kommen natürlich ebenso vor, wie die Dreyfuß-Affäre. So reichhaltig diese Darstellung ist, vermissen kann man immer etwas: Wäre nicht der radikale Stadtumbau durch Baron Haussmann zu erwähnen gewesen, fragt der Kritiker. Viel wichtiger ist ihm aber, dass es dem Autor gelinge, das "kulturelle Selbstverständnis" Frankreichs zu ergründen, frei von jenen Klischees, die die Deutschen auf das Land projizierten.