Sarajevo in den Neunzigern: Die Stadt steht unter Beschuss. Wie erlebt ein Kind den Krieg? Das Comictauschen wird durch Granatenhagel erschwert, der Strom zum Computerspielen ist ständig knapp, und die amerikanischen Soldaten lassen sich nur mit gestohlenen Sex-Heftchen zum Basketballspielen überreden. Oft gefährlich, aber vor allem aufregend und niemals langweilig. Der junge Ich-Erzähler möchte bleiben, aber seine Eltern halten es nicht mehr aus und hoffen auf einen Neuanfang in Deutschland.
Nach einer verstörenden Flucht in einem Autobus erreicht der Junge mit seiner Familie Rheinland-Pfalz. Seine neuen Freunde sind Neonazis oder wollen zur Polizei, oder beides. Auch seine Schulfreundin Sarah, mit der er zusammen Gewichte stemmt und erste erotische Erfahrungen sammelt, begegnet ihm Jahre später als Polizistin wieder. Als ein Neonazi ihn bei einem Liebesabenteuer nachts aus dem Bett prügelt, nimmt sie für ihn Rache, und weckt dadurch Gespenster seiner traumatischen Vergangenheit.
Doris Akrap kann sich beömmeln über Tijan Silas Migrantengeschichte, die gar keine ist, wie Akrap sich zu versichern beeilt. Der aus Sarajevo stammende Autor, der heute als Beamter in Kaiserslautern lebt, versucht mit seiner Geschichte über die Erlebnisse eines Bosnien-Flüchtlings in der deutschen Provinz laut Akrap durchaus erfolgreich, den Labels Migrantenliteratur und Balkanfolkore zu entwischen. Das Ergebnis ist witzig, wendungsreich, entgeht der billigen Einteilung der Figuren in Gut und Böse und jongliert auf angenehm verwirrende Weise mit Motiven und Mustern, dem Nenonazi-Bruder etwa, meint Akrap, und führt die Leserin immer wieder aus der Illusion eines ulkigen Regio-Krimis in die finstersten Ecken Sarajevos während der Belagerung.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 17.02.2017
Christoph Schröder gibt sich zufrieden mit der Disparatheit in Tijan Silas Debütroman. Dass der Autor eigene Kindheitserfahrungen aus dem Bosnienkrieg und von der Flucht nach Deutschland mit Nazi-Pulp zu einer spektakulären Masse vermischt, scheint dem Rezensenten zu genügen. Unterhaltsam findet er das achronologische Mäandern des Textes zwischen bitterem Ernst und Slapstick, zwischen Hoch- und Gossensprache. Auch wenn sich für Schröder kein stimmiges Ganzes ergibt aus der Geschichte des aus Bosnien stammenden schelmenhaften Ich-Erzählers, der sich als Heidelberger Germanistik-Student mit Neonazis herumschlagen muss, es ist ein rasantes, keinesfalls ödes Buch, versichert der Rezensent.
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