Joachim Sartorius (Hg.)

Niemals eine Atempause

Handbuch der politischen Poesie im 20. Jahrhundert
Cover: Niemals eine Atempause
Kiepenheuer und Witsch Verlag, Köln 2014
ISBN 9783462046915
Kartoniert, 348 Seiten, 22,99 EUR

Klappentext

Mit seinem "Handbuch der politischen Poesie" entwirft Joachim Sartorius eine Weltkarte der Katastrophen und Aufbrüche, die das vergangene Jahrhundert prägten - vom armenischen Genozid bis zum Vietnamkrieg, von der Belagerung Sarajewos bis zur grünen Utopie. Er präsentiert über 100 Lyriker und Lyrikerinnen aus 50 Ländern. Seine Auswahl ist subjektiv und doch vorherbestimmt von den großen Zäsuren der Geschichte. Als Herausgeber führt Joachim Sartorius mit einem ausführlichen Vorwort in diese Sammlung ein und stellt jedem einem politischen Ereignis gewidmeten Kapitel einen Text voran.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 19.03.2015

Eigentlich ist Peter Hamm ein Freund der Arbeit von Joachim Sartorius und kann auch dessen Begeisterung für Anthologien nachvollziehen. Die neueste, "Niemals eine Atempause", weist allerdings einige Schwachstellen auf, findet der Rezensent. Sie soll exemplarisch die politische Lyrik des zwanzigsten Jahrhunderts entlang einschneidender politischer Ereignisse zusammentragen, wobei Sartorius hier nur jene Gedichte als politisch gelten, die explizit einen konkreten politischen Anlass hatten, erklärt Hamm. Diese Engführung des Politischen kann man kritisieren, weiß der Rezensent, der dann allerdings die Auslassungen innerhalb der engen Definition umso schmerzlicher vermisst. Es fehlt zum Beispiel Lyrik aus dem rechten Lager, es fehlen die Achtundsechziger und die Frauenbewegung, es fehlen zahlreiche Amerikaner und einzelne zentrale Figuren wie Pasolini, Bachmann oder Majakowskis, bedauert Hamm, der dafür einige Entdeckungen Sartorius' aus seltener vertretenen Ländern wie Armenien oder Vietnam besonders lobt. Ingesamt hätte sich der Rezensent wohl einen größeren Umfang gewünscht.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 03.01.2015

Mit gemischten Gefühlen hat Rezensent Nico Bleutge die von dem Dichter und Übersetzer Joachim Sartorius unter dem Titel "Niemals eine Atempause" herausgegebene Sammlung politischer Gedichte des 20. Jahrhunderts gelesen. Einen wahrhaften "Poesiekoloss" findet der Kritiker hier vor, der ihm politische Lyrik aus aller Welt vorführt, den Ersten und Zweiten Weltkrieg ebenso umfasst wie die Apartheid in Südafrika, den Bosnienkrieg oder die kubanische Revolution. Bleute lauscht hier hoffnungsvollen und verzweifelten Stimmen, etwa jener Robert Graves' oder der des armenischen Dichters Siamento, liest Gedichte von Gunnar Ekelöf sowie Lyrik von Mascha Kaleko oder Günther Eich. Beeindruckt vermerkt der Kritiker, wie es Sartorius gelingt, auch ungeahnte Seiten vertrauter Dichter vorzustellen. Zugleich muss er aber gestehen, dass ihm hier nicht nur weibliche Stimmen des Ersten Weltkriegs, sondern auch ganze ästhetische Richtungen, etwa die Wiener Avantgarde fehlen. Dennoch kann er dieses Ausnahmewerk, das in gelungenen Übersetzungen das politische 20. Jahrhundert lyrisch erfahrbar macht, nur mit Nachdruck empfehlen.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.12.2014

Trotz mancher Einschränkungen - der gewichtigste liegt in der Unterrepräsentation von Lyrikerinnen in dieser Anthologie - ist Rezensentin Marie Luise Knott sehr froh über diese Rehabilitation des Politischen in der Lyrik. Der Band bewegt sich mit Virtuosität und Kennerschaft, so scheint es, zwischen den beiden Polen eines Paradoxes, das Knott so skizziert: Entweder man sagt, alle Lyrik sei politisch (dann wäre der Band überflüssig), oder politische Lyrik ist keine (dann wäre er es auch). Aber das stimmt eben nicht, und Knott erzählt sehr schön, wie Sartorius seine Trouvaillen und bekannten Klassiker hier ausbreitet und dem Politischen an der Dichtung ihren neuen alten Rang zuweist - jenseits aller Tendenzlyrik, die die Widersprüche aus der Welt herauslügt. Knott heißt auch gut, dass Sartorius das letzte Wort Bob Dylan gibt, nicht nur, weil man ihm den Nobelpreis wünscht, sondern auch, weil politische Lyrik dem Gesang vielleicht näher stehe als alle andere.

Rezensionsnotiz zu Die Welt, 15.11.2014

Peter Praschl findet sie großartig, diese Anthologie mit politischen Gedichten, herausgegeben und benachwortet von Joachim Sartorius. Über die Vollständigkeit solcher Sammlungen möchte Praschl gar nicht streiten, lieber will er uns die Bedeutung und die Aktualität eines solchen Buches vor Augen führen. Er macht das, indem er zitiert aus drastischen Texten über gewaltsamen Tod und Folter, in Armenien, Südafrika oder Vietnam. Dass die Texte dunkel sind, leuchtet ihm ein, Geschichte ist so. Der Gefahr, das Gelesene als ästhetisiertes Grauen abzutun, entgeht Praschl, indem er auf die Schwere der Wort- und Tonfindung hinweist, die vielen der versammelten Gedichte eingeschrieben ist. Dass keine Textsorte derart wahrhaftig über Politik und Geschichte zu reden imstande ist wie die Lyrik, ist für Praschl eine wichtige Erkenntnis dieser Lektüre. Als Modelle für richtiges Verhalten und Immunisierung gegen falsches scheinen die von Sartorius ausgewählten Beispiele politischer Poesie im 20. Jahrhundert dem Rezensenten außerdem unentbehrlich.