Fast 40 Jahre ist es her, dass Guy Debord mit der Gesellschaft des Spektakels die letzte Fundamentalkritik der Unterhaltungsindustrie geliefert hat. Geholfen hat es offenbar nicht viel. Die Hegemonie des Entertainments scheint gefestigter denn je. Thomas Raab geht das Problem aus ungewohnter Perspektive an und mit so ungewohnten Mitteln, daß seine Analysen manchem wie ein ironisches Satyrikon erscheinen werden. Doch so komisch es sich liest, wenn Raab - als literarisches Entree - die Bewusstseinslagen einer Castingshow beleuchtet oder akribisch die Reaktionen seiner Katze auf Hundegeheul vom Band protokolliert, so ernst gemeint ist die daraus gewonnene Neubestimmung des Spektakels: als evolutionsbiologisch ableitbares Abfackeln erwirtschafteter Überschüsse, dessen Kritik gar nicht auf kulturellem Feld, sondern in der Konstruktion des kapitalistischen Staates ansetzen müsste.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.08.2006
Unausgegoren wirkt Thomas Raabs Betrachtung des Spektakels auf Rezensent Gerd Roellecke. Er versteht das Buch als Versuch, aus dem Spektakel, etwa der Fußball-Weltmeisterschaft, eine Art Gesellschaftstheorie zu machen. Den Sinn solcher Veranstaltungen sehe der Autor im Verbrauch von Energie, die anderswo, etwa bei grundlegenden Reformen der kapitalistischen Gesellschaft fehle. Derart neomarxistische Gedanken sind für Roellecke freilich nichts Neues. Spannender scheint ihm da schon Raabs Versuch, die skizzierte Gesellschaftstheorie biologisch zu verstehen: Spektakel verlangen Aufmerksamkeit, die wiederum eine Leistung der individuellen Körper ist. Die Idee zu diesem Ansatz findet Roellecke "aufregend", deren Ausführung verläuft zu seinem Bedauern dann aber im Sand. Schwierigkeiten macht Roellecke zudem das psychobiologische Vokabular des Autors. Dabei fällt ihm auf, dass dieser zunehmend gesellschaftsbezogene Begriffe einfließen lässt, die mit seinem körperbezogenen Ansatz wiederum nur schwer zu vereinbaren sind.
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