Mit einem Nachwort von Jan Philipp Reemtsma. Im Herbst 1962 nahm Theodor W. Adorno an einer Tagung des Deutschen Koordinierungsrats der Gesellschaften für christlich-jüdische Zusammenarbeit teil, auf der er über die Bekämpfung des Antisemitismus sprach. Dieser Vortrag hat in seiner dichten und äußerst vielschichtigen Analyse nichts an Aktualität eingebüßt. Vor dem Hintergrund der Schuldabwehr und des "sekundären Antisemitismus" der deutschen Nachkriegsgesellschaft begreift Adorno den Antisemitismus als zentrales Bindemittel rechtsradikaler Bewegungen, das die diversen Strömungen eines militanten und exzessiven Nationalismus vereint. Er ist das "Gerücht über die Juden", das halböffentliche Getuschel, mit dem sich die autoritäre Persönlichkeit zum Opfer stilisiert. Antiintellektualismus und Konformismus sind seine Triebfedern, und mit dem Rassismus teilt er eine identische Struktur. Zugleich warnt Adorno vor einer Idealisierung und Verkitschung der Juden und des Judentums im Kampf gegen den Antisemitismus und plädiert für unverbrüchliche Treue zur Wahrheit im Umgang mit den historischen sowie politischen Realitäten. Ein antiautoritäres Erziehungsprogramm zur Prävention antisemitischer Charakterbildung und hartes Durchgreifen bei antisemitischen Ausbrüchen sind die einander ergänzenden Elemente der Bekämpfung des Antisemitismus damals wie heute.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.12.2024
Rezensent Ian Liesch empfiehlt Theodor W. Adornos Vortrag von 1962. Adornos Ideen zur Bekämpfung des Antisemitismus scheinen ihm aktueller denn je. Für den Frankfurter Philosophen galt es laut Liesch, mit Bildung aufzuklären, um die Judenfeindlichkeit im Keim zu bekämpfen. Ist der Antisemitismus aber erst einmal da, hilft für Adorno nur Autorität, weil sich über Antisemitismus schlicht nicht diskutieren lasse, er sei einfach nur falsch. Für Liesch ist der Charakter des Vortrags als Teil einer pädagogischen Konferenz in Wiesbaden gut erkennbar.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 09.02.2024
Rezensent Thomas Ribi empfiehlt nicht nur Wissenschaftssenatorin Ina Czyborra die Lektüre von Theodor W. Adornos Rede von 1962, als der Antisemitismus in Deutschland wieder um sich griff. Zu erfahren ist hier laut Ribi nicht nur etwas über Adornos Meinung zur Rolle der Schule beim Kampf gegen Antisemitismus, sondern vor allem über seine Vorstellung von einem Antisemitismus, der auf dem Hörensagen fußt. Ein Antisemitismus, der sich nur mit Autoriät und Staatsgewalt bekämpfen lässt, wie Ribi den Philosophen versteht.
Eine Veröffentlichung zur rechten Zeit ist das, meint Rezensent Jakob Hayner über die Einzelveröffentlichung eines Vortragstextes Theodor W. Adornos über den Kampf gegen Antisemitismus. Der ursprünglich 1962 entstandene Text definiert Antisemitismus umfassender als heute üblich, als eine Möglichkeit, selbstgewählte Unmündigkeit zu plausibilisieren. Adornos Kritik trifft alle politischen Lager, so Hayner, und ist eben deshalb in der Gegenwart unter anderem auf linke Hamas-Verteidiger anwendbar. Hayner weißt allerdings auch auf die historischen Unterschiede zwischen dem Entstehungsjahr des Textes und der Gegenwart hin, etwa was die anschließende Erstarkung des Antisemitismus in der Linken, aber, in Reaktion darauf, auch die linke Kritik des Antisemitismus betrifft. Was nun dessen Bekämpfung betrifft, so plädiert Adorno Hayner zufolge gegen Appeasement und für eine möglichst offene Konfrontation, aber auch für eine Bildung, die Individualismus stärkt.
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