Aus dem Englischen von Ronald Gutberlet. Der Soziologe Stuart Hall war ein Begründer der Cultural Studies, um das Alltagsleben als umkämpften Ort sichtbar zu machen, an dem um die Köpfe und Herzen der Menschen gerungen wird. Er analysierte das Wechselspiel von Ideologie, Identität und Repräsentation, hinterfragte linke Politikversuche, nahm die Wirkungsweisen von Hegemonie unter die Lupe, verfasste Studien zur Medien- und Massenkultur, zu Rassismus und zur Neuen Rechten. "Vertrauter Fremder" ist seine autobiografisch verknüpfte Lebens- und Weltbetrachtung. Der Sprung von Jamaika nach England, die Aneignung von Literatur und Jazz, die Wurzeln der politischen Existenz: Eine Reihe von Interviews legte den dialogischen Grundstein, auf dem Stuart Hall dieses Buch erarbeitete. Sein Gesprächspartner, Freund und editorischer Begleiter für das gesamte Projekt war Bill Schwarz, der das Werk posthum abschloss. Das Ergebnis ist eine energiegeladene Sinfonie aus politischer Kolonial- und Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts und autobiografischer Erzählung. Sie zeigt den Lebensweg eines ernstlich Suchenden, nie Aufgehobenen, ein Leben zwischen zwei Inseln in jedem Sinn.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk Kultur, 15.05.2020
Ingo Arend schwärmt von Stuart Hall und seinem Werden zwischen allen Stühlen. Wie sich der britische, aus Jamaika stammende Soziologe und Mitbegründer der "Cultural Studies" im London der fünfziger Jahre von allen Zuschreibungen befreit und auch politisch, "zwischen Labour und Stalin", Grenzen überschreitet, darüber liest Arend in dieser Autobiografie aus Gesprächen mit Interesse. Bedauerlich findet er, dass der Autor sein Buch schon Anfang der sechziger Jahre enden lässt. Halls Verbindung von "Lebens-, Kolonial- und linker Theoriegeschichte" scheint Arend lesenswert, umso mehr, als der Autor erzählen kann, wie der Rezensent versichert, über jamaikanische Riten wie über den Blues.
Rezensent Jens Kastner liest mit Spannung über das Leben des aus Jamaika stammenden Kulturwissenschaftlers Stuart Hall. Halls Prägungen als "kolonisiertes Subjekt", sein politisches Engagement, sein Einfluss auf die Cultural Studies und wie das alles zusammenhängt, werden dem Rezensenten beim Lesen offenbar. Wie das Kulturelle begann, die linke Theorie zu bestimmen, wer daran beteiligt war, erfährt Kastner ebenfalls in diesem Buch. Schade nur, meint er, dass Hall seinen Lebensbericht schon Anfang der 1960er enden lässt.
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