Die Untersuchung der race relations-Forschung in Großbritannien 1950-1980 zeigt exemplarisch das Wechselverhältnis zwischen Wissenschaftsdiskurs und sozialer Realität auf. In Anlehnung an die US-amerikanische Soziologie beschäftigten sich die britischen Forscher ab den 1950er Jahren mit den neuen Zuwanderern aus dem New Commonwealth, die in der britischen Gesellschaft schnell als ein neues "soziales Problem" wahrgenommen wurden. Im Mittelpunkt steht die Frage, ob und wie die Sozialwissenschaften in dem konkreten historischen und sozialen Setting soziale Realität mitstrukturierten. Dabei wird nicht nur die textuelle Produktion der Forschung, sondern auch die Institutionalisierung des Forschungsfeldes mit Einbeziehung wissenschaftlicher und politischer Akteure untersucht. Deutlich wird, dass die race relations-Forschung eine wissenschaftliche Reaktion auf Migration, Auflösung der Kolonien und die Unruhen im britischen Mutterland war. Mit ihrer Grundidee der "Verbesserung von race relations" beanspruchte sie einen neuen gesellschaftlichen Konsens und entfaltete einen enormen Einfluss auf das soziale und politische Denken in Großbritannien. Die rassistischen Zuschreibungen, die sie hervorbrachte, wurden erst mit den Vorläufern der Postcolonial Studies in Frage gestellt.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.02.2023
Rezensent Benedikt Stuchtey macht sich mit dem aus einer Dissertation hervorgegangenen Buch von Reet Tamme bewusst, wie wichtig es ist, gegen Vorurteile und Stereotype anzugehen. Wie die Autorin ihr Thema der Race-relations-Forschung in Großbritannien zwischen 1950 und 1980 in den Kontext von Kolonialismus und Dekolonialismus einbettet, findet Stuchtey gelungen. Das sich auf Basis genauer Literaturkenntnis und durch Verbindung von Ideengeschichte und Handlungstheorie entfaltende Panorama dieser Forschung, erscheint dem Rezensenten faszinierend.
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