Stephan Wackwitz

Neue Menschen

Bildungsroman
Cover: Neue Menschen
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2005
ISBN 9783100910561
Gebunden, 288 Seiten, 19,90 EUR

Klappentext

Stephan Wackwitz erzählt vom Studieren in den 70er Jahren, das weniger den Studienerfolg als die marxistische Weltrevolution und den dazugehörigen "neuen Menschen" zum Ziel hatte. Aber er belässt es nicht beim Blick auf die eigene Verblendung. Von den pietistisch verzückten Pfarrern des 18. Jahrhunderts über die nationalistisch entzündeten jungen Männer des Dritten Reichs bis zu den islamischen Selbstmordattentätern des Jahres 2001 verfolgt Wackwitz die gespenstischen Spuren der "neuen Menschen" durch die Geschichte. Und er erzählt im Gegenzug von Beispielen positiver Neuerschaffung: von der "Religion der jungen Frauen" im Berlin der 20er Jahre bis zur homosexuellen Selbstrettung in die Welt von Kunst und Kultur.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 31.01.2006

Als "mutig und witzig" feiert Rezensent Jochen Hörisch dieses Buch von Stephan Wackwitz, das seiner Meinung nach völlig zu Recht den Untertitel "Bildungsroman" trägt. Wackwitz löse den Anspruch voll und ganz ein, indem er seine Erzählung "offensiv und erfolgreich" mit der ebenso anspruchsvollen Tradition des autobiografischen Bekenntnisses verbinde. Wackwitz erzählt von seinen Jugendjahren als orthodoxer Jungmarxist, der irgendwann erkennen muss, dass er genau "so wahnsinnig, so gnostisch, so militant" ist wie sein Nazivater, mit dem ihn der Hang zu "gnostischen Großkonzepten" und Fichtes "fundamentalistischem Ich-Totalitarismus" verband. In dem, was Wackwitz hier beschreibt, sieht Hörisch weit mehr als nur den Generationenkonflikt zwischen Achtundsechziger und Nazieltern. Die "psychodynamisch-politische Pointe" muss man ernst nehmen, findet Hörisch.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.11.2005

Oliver Jungen stellt Stephan Wackwitz' "Bildungsroman" vor, für den dem Autor als Vorlage "gut romantisch" der eigene Lebenslauf dient. Mit bloßer Selbstbeschau habe das freilich nichts gemein, betont der Rezensent, vielmehr verbinde und konterkariere Wackwitz in seinem Buch auf "intelligente" Weise Roman, Essay, Autobiografie und Bildung. Der Erzähler zeichne sich durch einen "ausgesprochenen Forscherdrang" aus und heg die Hoffnung, in der Untersuchung des eigenen Lebens werde er sich neu entwerfen, fasst der Rezensent zusammen. Der Roman gefällt Jungen vor allem in den "kleinen Reflexionen und gelungenen Einfühlungen". Er preist die angeschnittenen Themen als "reizvoll" und bewundert die erzählerische Eleganz, wobei er mit Zufriedenheit auf den "Schwung" hinweist, den das Buch immer wieder an "intellektuellen Schwerkraftzentren" bekommt. Dieser Romanessay ist, weil er als Ziel aller Bildung die "Ziellosigkeit" propagiert, auch ein "Trostbuch" und ein "Lob der verbeulten Lebensläufe", findet der Rezensent. Ein Motiv des Buches besteht für ihn in dem Glauben, dass die Sprache den Menschen befähigt, Neues zu schaffen.
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Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 18.10.2005

Die "Selbstbezichtigung marxistisch verführter Söhne und Enkel" hat Konjunktur, stellt Kristina Maidt-Zinke fest, zumal die Aufarbeitung der nationalsozialistischen (Familien-)Geschichte allmählich ihren Nährboden verliert. Auch Stephan Wackwitz gehört zu diesen Selbstbezichtigern: Er hat in seinem Romanessay "Neue Menschen" eine Mitgliedschaft beim MSB Spartakus, dem Studentenbund der ehemaligen DKP, anzuzeigen, die er im Nachhinein als Verblendung geißelt. Wackwitz ist es nicht gegeben, diese Phase seines Lebens als Sturm-und-Drang-Episode abzutun, so Maidt-Zinke - und eben dieser "Hang zur Überhöhung und Dramatisierung der eigenen Weltsicht" muss ihn damals für die kommunistischen Erlösungsformeln anfällig gemacht haben, konstatiert sie. Wackwitz' Buch kommt als autobiografisch verankerter Zwitter daher, ein bisschen Essay und wenig Romanhandlung, meint die Rezensentin. Denn geradezu inflationär führe Wackwitz den Untertitel "Bildungsroman" durch seine Bücher spazieren, ein für sie in diesem Fall unangemessener Begriff, da das Buch nicht im eigentlichen Sinne als Roman organisiert sei. Und wenn sich der Autor in eine Reihe mit den Autoren großer europäischer Bildungsromane stelle wie Goethe, Novalis, Flaubert, dann sei das, legt Maidt-Zinke nahe, überheblich. Da fehle es klar an "Selbstironie und epischer Distanz".
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