Die Favelas in Rio de Janeiro wurden nie legalisiert, vom Staat immer wieder zerstört und durch einen »Mythos der Marginalität« stigmatisiert. Zugleich prägt ihre aus der Not geborene sozio-ökonomische und politische Selbstorganisation seit einem Jahrhundert die urbane Gesellschaft. In Buenos Aires hingegen zwingen erstmals die durch einen radikalen Neoliberalismus zerstörten sozialstaatlichen Funktionen verarmte Bevölkerungsgruppen dazu, alternative und informelle Formen des Produzierens sowie des politischen Widerstandes neu zu erfinden. Heute existiert in beiden Städten ein dichtes Netz an neuen sozialen Akteuren, die in ihren Stadtteilen Kulturproduktion und Sozialarbeit mit einer politischen Agenda der Bürgerrechte, sozialen Gerechtigkeit und gesellschaftlichen Repräsentation der Marginalisierten verbinden.
Überzeugend findet Rezensent Dietmar Kammerer die beiden neuen Bände über die Zukunft der Mega-Cities aus der Edition "metroZones", die sich konkret mit Istanbul beziehungsweise Rio de Janeiro und Buenos Aires befassen. Die Reihe will laut Kammerer einen Beitrag zum internationalen Stadtdiskurs liefern, der sich mit den "Marginalien des Stadtbewusstseins" befasst, mit den vom etablierten Diskurs übers Urbane verdrängten oder gering geschätzten "widerständigen Praktiken des städtischen Alltags". Erfreulich findet er, dass die Herausgeber dabei weniger auf die theoretische Diskussion setzen, als auf eine "dichte Beschreibung" beispielhafter Aktivitäten städtischen Alltags, und dass die Ansätze der Beiträge entsprechend zwischen Interviews, Reportagen, Abhandlungen oder tagebuchartigen Aufzeichnungen wechseln. Die Bedeutung der Beiträge über die armen Randgebiete sieht Kammerer insbesondere darin, dass eben in diesen Gebieten die "Zukunft des Städtischen" definiert werde. Er hebt hervor, dass die Beiträge auch mit mehreren Mythen aufräumen, etwa dem, dass von der Staatsferne der illegal errichteten Wohngebiete, oder dem, dass die Ungesetzlichkeit der Ansiedlungen den Regierungen nur ein Dorn im Auge gewesen wäre.
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